Serbiens Studenten ziehen von Dorf zu Dorf, um die von ihnen angeführten Massenproteste gegen Korruption und für Rechtsstaatlichkeit zu erklären. Einen außertourlichen Stopp bei der Kampagne „Student u svakom selu“ gab es auch im größten serbischen Dorf der Welt: In Wien.
Sie kommen aus ganz Serbien: Die Studenten, die mit dem Bus aus Beograd angereist sind. Und die Wiener Serben, die zum Treffen im Stadtpark kommen. Nicht in Massen, aber immerhin zu Dutzenden.

An diesem Wochenende hätte auch nur der größte Optimist einen Massenauflauf zur gemeinsamen Protestveranstaltung der Wiener Dijaspora und von Serbiens Studenten erwarten können. Es ist langes Wochenende. Die SPÖ lädt zum Donauinselfest.
Wer nicht nach unten gefahren ist, ist auf der Insel.
„Kämpfen gegen das, weswegen ich aus Serbien weggegangen bin“
Trotzdem sind einige Leute der Dijaspora enttäuscht. „Da sieht man wieder, was man von unseren Leuten halten kann“, sagt Maja.
Die Novi Saderin war auf einigen der Demonstrationen, die die serbische Protestbewegung in den vergangenen Monaten in Österreichs Bundeshauptstadt organisiert hat. „Die Studenten, die machen Großartiges. Die verdienen die Unterstützung von uns allen. Und was ist? Hundert Leute sind da, vielleicht.“

Die freilich sind engagiert. Viele sind von Anfang an dabei. Wie Aleksandar. Er ist seit 11 Jahren in Wien, ist Unternehmer. Er und seine Frau haben zuhause Essen gemacht. Das spenden sie für die Veranstaltung. Gegen freie Spenden können sich die Besucher verköstigen. Das Geld geht in einen Solidaritätsfonds für die Studenten Serbiens und die Mitarbeiter an den Unis.
Die Studenten blockieren ihre Fakultäten seit Monaten. Das ist ein Kern ihres Protests nach dem Einsturz des frisch renovierten Vordachs des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad am 1. November 2024. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen. Das jüngste Opfer war acht Jahre alt. Die serbische Regierung versuchte am Anfang zu vertuschen, dass mit dem Bahnhof auch das Vordach renoviert worden war.

„Ich habe das von Anfang an verfolgt, als die Studenten am Dezember angefangen haben, auf die Straße zu gehen“, sagt Aleksandar. „Für mich war klar: Das musst du unterstützen. Die kämpfen für eine gute Sache. Für ein System, das funktioniert, für Regeln, die für alle gelten. Das alles hast du in Serbien nicht.“
Aleksandar war nicht nur auf Demos. Er war und ist auf Social Media für die Massenproteste aktiv, spendet regelmäßig, macht sozusagen am Stammtisch Werbung für die Anliegen von Serbiens Studenten und von den hunderttausenden Serben, die in den vergangenen Monaten auf der Straße waren.
Auch Nataša aus Kladovo ist Unterstützerin der ersten Stunde. Subjektiv hätten die Proteste für sie zu einem besseren Zeitpunkt kommen können. „Eigentlich hatte ich geplant, im März nach Kladovo zurückzukehren und mich im Tourismus selbstständig zu machen. In der jetzigen Situation hab ich das natürlich verschoben. Jetzt werd ich mir in Wien wieder Arbeit suchen müssen“, sagt Nataša.

Die Instabilität, die die Massenproteste mit sich bringen, nimmt sie gerne in Kauf. Auch wenn der Traum vom eigenen Unternehmen eventuell weiter nach hinten rutscht. „Diese jungen Menschen, die kämpfen gegen das, weswegen ich vor 20 Jahren aus Serbien weggegangen bin“, sagt die langjährige Bankenmitarbeiterin. „Damals hab ich gedacht, ich stehe alleine mit meinem Verlangen nach einem fairen und demokratischen System, mit meinem Wunsch nach einer Perspektive für mich, ganz ohne Korruption. Heute steht eine ganze Generation dafür auf.“
Sie unterstützt nach Kräften von Wien aus, sagt sie. „Ich war auf mehreren der größeren Demos vor der Botschaft und am Platz der Menschenrechte dabei. Ich spende regelmäßig. Und als die Studenten mit den Fahrrädern auf ihrer Tour nach Straßburg in Wien angekommen sind, hab ich ein paar bei mir zuhause untergebracht.“
Nataša und Aleksandar haben beide gehofft, dass heute mehr Wiener Serben kommen – und vielleicht auch mehr Wiener ohne Migrationshintergrund als die Handvoll, die es hierherschafft.
Warum die Studenten in jedes Dorf gehen
Die Enttäuschung bei der sympathisierenden Dijaspora dämpft Stimmung der serbischen Studenten nicht. Sie wirken fröhlich, optimistisch.
Pressen Protestbuttons gegen Spenden, beteiligen sich an der Essensausgabe, stellen sich gerne Gesprächen, in denen sie ihre Anliegen erklären, dokumentieren den Auftritt professionell mit Kameras und Audiogeräten für die Social Media-Kanäle der Studenti u blokadi und der diversen Fakultäten.

Dass die Studenten so organisiert auftreten und so hochprofessionell die Welt mit ihren Botschaften bedienen, das ist einer der größten Faktoren im bisherigen Erfolg der Protestbewegung.
Die von Studenten angeführten Proteste haben sich längst zu landesweiten und flächendeckenden Massenprotesten entwickelt. Sie dominieren seit einem halben Jahr das öffentliche und vor allem das politische Leben in Serbien.



Gleichwohl, es gibt ein Klientel, zu dem sie bislang kaum durchgedrungen sind, erklärt Dušan. Er hat in Wien Geige studiert und schließt sein Studium in seiner Heimatstadt Beograd ab: „Viele Kabelanbieter am Land haben keinen der kritischen Nachrichtenkanäle wie N1 und Nova im Angebot. Was die Leute dort im Fernsehen zu sehen kriegen, sind einzig und allein die regierungsfreundlichen Medien. Die verschweigen unsere Proteste, so weit es geht, und manche hetzen auch gegen uns, so wie Pink.“

Das soll die Kampagne „Student u svakom selu“ unterlaufen. „Ein Student in jedem Dorf“. Seit zwei Monaten touren Gruppen von Studenten von Kleinstadt zu Kleinstadt, von Dorf zu Dorf.
Dort suchen sie das Gespräch mit den Bewohnern. Erklären ihnen, dass sie nicht „gegen Serbien“ agieren, dass sie keine „ausländischen Agenten“ sind, auch nicht im Auftrag der verhassten Oppositionsparteien agitieren, sondern fordern, was andernorts selbstverständlich ist: Funktionierende Behörden, einen funktionierenden Rechtsstaat, funktionierende Gewaltenteilung und einen Kampf gegen Korruption.

Auch wenn die Studenten immer und immer wieder bestehen, ihre Forderungen seien nicht politisch: Was sollen sie sonst sein? Sie fordern einen radikalen Systembruch. Ihre Forderungen, die in Massenprotesten artikuliert werden, sind die bürgerlich-liberale Revolution, die Serbien nie hatte.
Die auch, der Fairheit halber, viele andere Staaten dieser Welt nicht hatten.
Weiter strikte Gewaltlosigkeit
Im persönlichen Gespräch würden ihre Anliegen meist auf Verständnis stoßen, sagen die Studentinnen und Studenten, mit denen ich im Wiener Stadtpark spreche. In Westserbien treffe man teils sogar auf größere Sympathien als einem lieb ist, schildert Nikola. „Wenn unsere Leute in der Gegend von Šabac sind, oder bei Čačak, da bricht besonders oft die Wut über das bestehende System hervor. Da sagen uns dann schon mal die Leute: ‚Wir sind bereit. Ihr braucht uns nur zu sagen: Los, und wir schlagen los.'“
Das sind offene Fantasien eines gewaltsamen Umsturzes. „Das lehnen wir ab. Egal was ist, keine Gewalt. Das blocken wir immer sofort und entschieden ab. Egal was ist, die Änderungen müssen friedlich und demokratisch erfolgen.“
Strikte Gewaltlosigkeit, ja ostentative Fröhlichkeit, ist ein Kern der studentischen Strategie von Anfang an. Mit diesem Umstand hadern zuhause einige Unterstützer der Massenproteste. Sie sagen, nach sieben Monaten auf der Straße habe sich nichts oder zumindest zu wenig geändert.




Die Studenten bleiben bei der Strategie. Sie wissen: Ihre strikte Gewaltlosigkeit hat aus ihrer Blockade auf den Fakultäten die größte Protestbewegung Europas mindestens seit 1968 gemacht.
Gewaltlosigkeit freilich schließt aus Sicht auch der Studenten hier entschiedenere Aktionen nicht aus. „Alleine werden wir das nicht schaffen“, sagt etwa Nikola. „Um dieses System loszuwerden, da werden wir schon einen Generalstreik brauchen.“
Im größten serbischen Dorf der Welt
Um so weit zu kommen, braucht es aus Sicht der Studenten viel Überzeugungsarbeit. Am Land, in Betrieben. Auch das etwas, das sie mit ihrer Tour „Student u svakom selu“ erreichen wollen. Der Auftritt in Wien ist Teil der Kampagne. In keinem Ort der Welt außerhalb Serbiens gibt es so viele Menschen, die in Serbien geboren wurden, oder deren Eltern es sind.
Gut 100.000 Menschen ist die serbische Dijaspora hier groß. Serbisch ist als Staatsangehörigkeit bzw. Geburtsland zu verstehen, nicht als ethnische Bezeichnung. Ein Zentrum in engeren Sinn haben diese Menschen nicht. Sie sind auf die ganze Stadt zerstreut – wenngleich nicht überall gleichmäßig.

Diese Dezentralität macht es schwierig, von Wien als serbischer Stadt zu sprechen. Ein serbisches Dorf ist es aber allemal. Das größte serbische Dorf der Welt.
Das Opfer, hierherzukommen, ist beträchtlich kleiner als die Opfer, die einige der Studenten hier in den vergangenen Monaten gebracht haben. Dušan etwa war einer der Ultramarathonläufer, die von Beograd zum EU-Parlament in Brüssel gelaufen sind. Vom Ergebnis ist er enttäuscht. „Die Parlamentarier haben uns angehört und mit uns diskutiert. Dann kamen allgemeine Botschaften. Nur ganz wenige EU-Parlamentarier haben uns offen unterstützt.“
Es ist keine Revolution, die du nicht tanzen kannst
Er weiß, dass für eine Revolution – oder wenigstens für eine Massenprotestbewegung – politische Forderungen nicht ausreichen, mögen sie auch auf Verständnis stoßen. Griffige Formulierungen sind ebenso Voraussetzung wie ästhetische Umsetzung und kulturelle und musikalische Umrahmung.
Es ist keine Revolution, wenn du sie nicht tanzen kannst.
Als bürgerliche Revolution kommt die serbische vielleicht etwas beschaulicher daher als man das in den vergangenen Jahrzehnten gewohnt war. Dušan schnappt sich die Geige und zollt zuerst dem größten serbischen Dorf der Welt musikalisch Respekt. „An der schönen blauen Donau“, erklingt es.

Ein Studentenpaar tanzt Walzer.

Auf Wunsch der Teilnehmer bleibt Dušan im klassischen beziehungsweise traditionellen Fach und spielt traditionelle serbische Folklore auf. Beschaulich aufs erste Hinhören. Wie so vieles in dieser serbischen Revolution vielschichtig.
Bei „Tamo daleko“ singen auch die Studentinnen aus Novi Pazar mit.
Vor einem halben Jahr wäre das undenkbar gewesen.
„Tamo daleko“ ist ein patriotisches Lied. Es besingt den Rückzug der serbischen Armee durch Albanien im Ersten Weltkrieg, und die Hoffnung, die Heimat wiederzugewinnen.
Das Lied ist zur Hymne der Massenproteste geworden.
Dass Sandžaklije hier mitsingen, zeigt, was diese Studentenproteste in Serbien verändert haben. (Mehr über die Hintergründe lest ihr hier.)
Zwei serbischstämmige Pensionistinnen stecken Dušan Geldscheine unter die Saiten. Spenden an die Studentenbewegung. Gegeben ganz im Kafana-Stil. Wien ist eben ein serbisches Dorf.

Dušan spielt einen Kolo auf.
Studentinnen und Studenten, und die jüngere Wiener Dijaspora tanzen begeistert mit.

Da tanzt jemand die Revolution.
Mehr über die Lage der Massenproteste könnt ihr in einer Reportagenserie lesen, die vor wenigen Tagen auf Balkan Stories erschienen ist.
Teil 1 geht der Stimmung in Novi Sad auf den Grund.
Teil 2 untersucht, wie die Unterstützer der Proteste in Beograd die komplizierte Lage sehen.
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