„Endlich was für uns Arbeiter“

Der freie Sonntag im Handel im bosnischen Teilstaat Federacija wird von Beschäftigten begrüßt. Ansonsten ist die Meinung geteilt. Bleibt die Frage, ob der freie Sonntag echte Verbesserung ist oder nur symbolischer Sieg über Konzerninteressen. Reportage.

„Endlich passiert mal was für uns Arbeiter“, sagt die Verkäuferin eines Kiosks im Stadtzentrum von Sarajevo. „Ein freier Tag in der Woche garantiert, das ist doch was.“

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie in diesem Kiosk. Im Handel ist sie ihr ganzes Berufsleben tätig. In ihrem Fall ist das seit dem Krieg.

„Um 600 Mark sind wir bis dahin hiergestanden. Jeden Feiertag, jeden Sonntag, und keine Mark extra“, sagt sie, 600 Bosnische Mark, das sind ziemlich genau 300 Euro.

Es ist schwer zu überprüfen, ob dieser Betrag stimmt.

Auch in Bosnien sind in den vergangenen Jahren Löhne und Lebensstandards spürbar gestiegen – wenngleich immer noch deutlich unter dem Niveau etwa von Slowenien. Und dass Bosnien eines der ärmsten Länder Europas ist, kann kaum jemand bezweifeln. Wenngleich niemand mit Sicherheit sagen kann, wie arm oder reich das Land ist. (Siehe diese exklusive Analyse von Balkan Stories.)

300 Euro im Monat wären selbst für hier ein Bettelgehalt.

Der freie Sonntag im Handel, er gilt nur für den bosnjakisch-kroatischen Teilstaat Federacija. Der umfasst etwas mehr als die Hälfte des Staatsgebietes, vor allem im Norden und Westen.

Im zweiten Teilstaat, der serbisch dominierten Republika Srpska, gibt es kein flächendeckendes Verbot, dass Geschäfte Sonntags offen halten dürfen. In Gemeinden der Verbandsgemeinde Istočno Sarajevo, gleich am Stadtrand von Sarajevo, etwa haben Supermärkte fallweise sogar 24 Stunden, 7 Tage die Woche geöffnet. In anderen Gemeinden in Istočno Sarajevo gilt die Sonntagsschließung .

Ausweichverhalten ist durchaus üblich

Einwohner der Federacija, die in der Nähe von RS-Gemeinden ohne Sonntagsruhe wohnen, fahren Sonntag für Sonntag über die Grenze, um ihre Autos vollzuladen.

Dieses Ausweichverhalten hat seit Inkrafttreten der neuen Ladenöffnungszeiten in der Federacija für einige hochgezogene Augenbrauen und Medienberichte gesorgt.

Man kann das Phänomen in mehrererlei Hinsicht interpretieren. Positiv etwa als sichtbares Zeichen, dass einander die Bewohner der beiden bosnischen Teilstaaten bei allem nationalistischen Säbelgerassel auf politischer Ebene beileibe nicht so fremd sind, wie es einem Vertreter der zahlreichen nationalistischen Parteien klarmachen wollen.

Geschlossenes Einkaufszentrum in Sarajevo

Negativ kann man das als Zeichen für die strukturellen Probleme Bosniens sehen. Ein Teilstaat kann mit seiner weitgehenden Autonomie Reformen im zweiten Teilstaat unterlaufen und weitgehend sinnlos machen.

Gewiss ist es auch ein Zeichen, dass die politische Spaltung des Landes auch die Gewerkschaftsbewegung schwächt. Sie muss in beiden Teilstaaten organisieren und agitieren, die gleiche Arbeit zweimal machen. Das führt häufig zu unbefriedigenden Kompromisslösungen.

Auch das ein Faktor, der mitverantwortlich ist, dass Arbeiterinteressen in der bosnischen Politik eine untergeordnete Rolle spielen. Die politische Zweiteilung des Landes stärkt Konzerinteressen.

Der Turbokapitalismus wird zumindest ein wenig eingebremst

Man kann die sonntäglichen Shoppingtouren in die RS auch so interpretieren, dass sich die Menschen in der Federacija gewöhnen müssen, dass zumindest in ihrem Teilstaat der Turbokapitalismus der vergangenen 30 Jahre ein wenig eingebremst wurde.

„In Jugoslawien war am Sonntag immer alles zu“, beschreibt Mido, Architekt und Karikaturist. „Da gab es etwa in Sarajevo in jedem Stadtteil eine Trafik und einen Supermarkt und eine Apotheke, die offen halten durften für Notfälle. Das war genau geregelt. Niemandem hat etwas gefehlt.“

Im gesamten ehemaligen Jugoslawien rollten mit dem blutigen Zerfall des Staates in den 1990-ern Eigentümerinteressen über die meiste Arbeitnehmerrechte. Ständig offene Geschäfte sollten unter anderem die ständige Verfügbarkeit von Waren suggerieren, und Einkaufslust befördern.

In touristischen Zentren wie in der Baščaršija in Sarajevo dürfen die meisten Geschäfte am Sonntag offenhalten

In jahrzehntelangen Kämpfen gelang es den Gewerkschaften und sympathisierenden Parteien in einigen Nachfolgestaaten, das (Schein-)Shopping El Dorado zumindest an Sonntagen zu beenden. Zuerst in Slowenien, und erst vor kurzem in Kroatien und Montenegro. Und dieses Jahr im bosnischen Teilstaat Federacija.

Anderswo besteht Aufholbedarf. „Bei uns gibt es diese Diskussion gar nicht“, beschreibt Marija. Sie ist vor zehn Jahren aus Beograd nach Sarajevo gezogen. „Gut, in Serbien werden gerade ganz andere Dinge diskutiert, aber nie hat es eine große Bewegung für einen freien Sonntag gegeben“.

Sarajlije zeigen viel Zustimmung und etwas Skepsis

In Sarajevo ist man geteilter Meinung, was vom freien Sonntag zu halten ist. „Einerseits ist es gut, dass jetzt die meisten Menschen einen freien Tag haben“, sagt etwa Alma. „Aber für manche Leute wird es dadurch schwieriger. In der Gastronomie etwa gilt nach wie vor eine Sechs-Tage-Woche. Wenn ich an meine Zeit in der Gastro zurückdenke, war Sonntag oft der einzige Tag für mich, um Einkäufe zu machen.“

Das spricht auch ein Problem an, das der freie Sonntag nicht gelöst hat: Auch wegen der Schwäche der Gewerkschaften hierzulande sind für viele Arbeitnehmer Überstunden an der Tagesordnung, noch dazu häufig unbezahlt. Die 40-Stunden-Woche gilt für viele Bosnier nur am Papier.

Geschlossener Kiosk bei Skenderija, Sarajevo

„Warum zahlen sie den Beschäftigten nicht mehr Geld dafür, dass sie am Sonntag und zu Feiertagen arbeiten“, fragt Adi. „Das ist in anderen Ländern üblich. Viele Geschäfte würden es sich dann von selbst überlegen, ob es sich für sie auszahlt, um am Sonntag offenzuhalten.“

Mido sieht bei der Frage auch einen Generationenunterschied: „Interessanterweise haben gerade wir Älteren häufiger ein Problem mit dem freien Sonntag. Viele Menschen in meiner Generation haben sich daran gewöhnt, dass sie unbeschränkt einkaufen. Das gibt ihnen das Gefühl, dass sie über so etwas wie Wohlstand verfügen. Die Jüngeren, die Generation unter 30, die begrüßen die neuen Öffnungszeiten mehrheitlich.“

Das mag auch daran liegen, dass die Jüngeren wie anderswo auch deutlich geringere Einkommen haben. Das mag ihnen bewusster machen, dass Rund-um-die-Uhr-Shopping nicht mehr ist als eine Illusion von gesellschaftlicem Wohnstand. Und sie sind es, die bislang überporportional in den Geschäften beschäftigt waren, die sieben Tage die Woche offen hatten. Im Schnitt haben sie mehr von der Verbesserung als die Älteren, die häufiger in Berufen arbeiten, wo es immer schon einen freien Sonntag gab.

Wie man an der oben zitierten Kiosk-Verkäuferin sieht, sind das freilich auch nur Faustregeln.

Ein kleiner Sieg

So sehr der freie Sonntag auch das Leben der Beschäftigten im Handel in der Federacija verbessern mag, stellt sich die Frage, ob er nicht nur ein symbolischer Sieg über Eigentümerinteressen war.

Die Löhne erhöht der freie Sonntag nicht. Dass zehntausende Arbeitnehmer überlange Woche mit häufig unbezahlten Überstunden machen, löst er auch nicht. Ebensowenig, dass das Sozialsystem im Land Druck auf Arbeitslose ausübt, Arbeitsplätze um jeden Preis anzunehmen.

Der freie Sonntag alleine verschiebt die gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht spürbar zugunsten der Arbeiter. Das zeigen auch die Erfahrungen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, in denen er nach jahrzehntelangen gewerkschaftlichen Kämpfen eingeführt wurde.

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