Welcher Funke überspringt

Die Brandkatastrophe von Kočani mit 59 Toten treibt in (Nord-)Mazedonien zehntausende auf die Straße. Massenproteste wie in Serbien nach der Tragödie von Novi Sad mit 16 Toten zeichnen sich. Ob es dazu kommt, ist freilich nicht abzusehen.

Irgendwann ist es genug.

Irgendwann entfacht der Funke nach einer neuen Katastrophe einen Brand des Protests gegen Behördenversagen und Korruption.

Nur wann und vor allem welcher Funke, scheint mehr Zufall zu sein als man glauben mag.

Das Feuer in einem Nachtclub in Kočani in (Nord-)Mazedonien mit 59 Toten vor zwei Wochen könnte ein solcher Funke sein.

In mehreren Städten des Landes gingen seitdem zehntausende Menschen auf die Straße.

Mazedonische Studenten verkündeten, dass sie sich nach dem Vorbild der Studenten Serbiens organisieren würden: In Plena, mit Streiks an den Unis, als treibende Kraft der Proteste, um Regierung und Behörden unter Druck zu setzen.

In Serbien beobachtet man die Entwicklung genau. Offensichtlich befürchten dort Regierung und Behörden, dass Massenproteste im Nachbarland die Proteste zuhause weiter anfachen könnten.

Regierungsnahe Medien wie Politika stellen es so dar, als würden links- oder andersradikale Gruppen unter dem Vorwand einer Studentenbewegung in Mazedonien einen Umsturz vorbereiten.

Genau so, wie es die serbische Regierung der parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition und einzelnen Studentengruppen vorwirft.

Freilich: Ob die mazedonischen Studenten so geschlossen auftreten werden wie die Studenten Serbiens, und ob es in Mazedonien zu einem Aufstand mit ähnlichen Dimensionen kommt, ist nicht absehbar.

Zu unterschiedlich sind auch in Mazedonien bisherige Proteste gegen offensichtlich tödliche Korruption ausgefallen.

Zu unterschiedlich sind auch die Reaktionen in der Region zu Fällen offensichtlichen Behördenversagens und Korruption.

(Einen Überblick findet ihr hier.)

Bislang kein Flächenbrand in Bosnien und Montenegro

In Bosnien etwa scheint es, als würden soziale Proteste und Proteste gegen die Katastrophe von Donja Jablanica zusammenzuwachsen.

In dem hercegovinischen Dorf hatte im Oktober eine Felslawine aus einem illegal betriebenen Steinbruch 19 Menschen getötet.

Landesweite Massenproteste entstanden daraus bislang nicht – bei allen Anlehnungen von Studentengruppen an das Vorbild in Serbien.

Das mag auch daran liegen, dass die Führung des serbisch dominierten Teilstaats Republika Srpska aktuell alles daran setzt, das Land zu destabilisieren. Das schürt die Angst vor möglicherweise bewaffneten Auseinandersetzungen oder sogar einem Krieg.

So unbegründet die Ängste bei Licht betrachtet auch sein mögen, sie sind tief in vielen Bewohnern Bosniens verwurzelt.

Auch die Proteste in Montenegro nach dem Amoklauf von Cetinje haben bislang nicht annähernd des Ausmaß derer in Serbien erreicht.

So sehr in Bosnien wie in Montenegro die Menschen von alltäglichem Behördenversagen und von alltäglicher Korruption betroffen sein mögen – die Funken nach den jüngeren Katastrophen haben bislang keinen Flächenbrand der Proteste entfacht.

Warum auch immer.

Warum sind die Ergebnisse so unterschiedlich?

Umgekehrt lässt sich die Frage stellen, warum die Katastrophen von Novi Sad und möglicherweise von Kočani die Menschen in einem derart großen Ausmaß mobilisieren, wie sie das tun.

Warum Zehn-, ja Hunderttausende nach diesen Katastrophen gesagt haben: Es ist genug.

Serbien und Mazedonien sind einander weder sozial, noch politisch noch ökonomisch ähnlicher als Serbien und Montenegro oder Bosnien und Mazedonien – oder gleich welche Kombination man hier anwenden mag.

Mit dem korrupten Erbe aus dem blutigen Zerfall Jugoslawiens, mit den nationalistischen Eliten, mit der besonders ungerechten Verteilung von Wohlstand und fehlenden Perspektiven für die jungen Menschen in diesen Ländern überwiegend die Gemeinsamkeiten.

Aus denen lässt sich offenbar kein politisches Muster ablesen.

Noch weniger lassen sich daraus Vorhersagen treffen.

Die Reaktionen der serbischen Regierung wirkten wie ein Blasebalg

Wer hätte etwa noch im November geglaubt, dass ausgerechnet in Serbien eine Volksbewegung gegen Korruption und für Demokratie entsteht?

Dass der Schock über den Einsturz des Vordachs des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad in mittlerweile flächendeckenden Protest und eine ernstzunehmende Bedrohung für die Herrschaft der Regierungspartei SNS umschlagen könnte – gewettet hätte wahrscheinlich niemand darauf.

Auch die Regierung glaubte anfangs, die protestierenden Studenten und die Blockade der Unis mit ein wenig Polizei niederknüppeln zu können – und später mit Schlägertrupps, von denen einige nachweisliche aus den Kreisen der SNS kamen.

Die öffentliche Empörung über diese Strategie war ein wesentlicher Beitrag, dass die Proteste so groß wurden, wie sie heute sind.

Dass man später versuchte, die Massenproteste als vom Ausland angezettelt darzustellen, half wenig.

Die aus Sicht der SNS katastrophale Fehleinschätzung der Protestbewegung und ihre hilflosen Reaktionen wirkten wie ein Blasebalg in diesem Protestbrand.

Die Strategie der Studenten – Sichtbarkeit, Gewaltlosigkeit und intuitives Design – war wesentlich wirkungsvoller.

Zu Beginn der Proteste konnte das freilich niemand wissen.

Zufall wird wohl Teil der Erklärung sein

Es ist auch fraglich, ob das die einzigen Erklärungen sind, warum in Serbien heute Massen gegen Korruption und für Rechtstaat und Demokratie auf die Straße gehen und in Bosnien und in Montenegro nicht. Und es lässt keine Vorhersagen zu, was in Mazedonien passieren wird.

Was übrig bleibt: Die Katastrophe von Novi Sad war ein Funke, der einen Flächenbrand des Protests entfachte. Die Katastrophen von Donja Jablanica und Cetinje waren es bislang nicht.

Zufall wird hier wohl ein Teil der Erklärung sein.

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