Der Mann, der nicht schweigen konnte

Kein Oscar für kroatisches Meisterwerk

Der Kurzfilm „Čovjek koji nije mogao šutjeti“/“Der Mann, der nicht schweigen konnte“ des Zagreber Regisseurs Nebojša Slijepčević ist bei der diesjährigen Oscar-Verleihung wider Erwarten leer ausgegangen. Der Film behandelt die letzten Minuten im Leben des Tomo Buzov.

Oscar oder kein Oscar: Für die bedeutendste Filmauszeichnung der Welt nominiert zu sein, bei der Zeremonie in LAs Dolby Theater zu sein – das ist wohl der Höhepunkt der Karriere des kroatischen Regisseurs Nebojša Slijepčević.

Sein dokumentarisches Drama „Čovjek koji nije mogao šutjeti“/“Der Mann, der nicht schweigen konnte“ war für den diesjährigen Oscar als bester Live Action Short Film nominiert und galt als einer der Favoriten für die Auszeichnungen.

Erst vor wenigen Tagen wurde der Film mit dem César ausgezeichnet, erhielt die Goldene Palme von Cannes und den European Film Award, war der erste kroatische Film überhaupt, der für einen Academy Award nominiert war.

Aber bei der Academy of Motion Arts Pictures and Sciences gelten nicht nur künstlerische Kriterien. Das gilt nicht nur für die heurige Verleihung.

Gerade Filme, die sperrigere und politischere Themen behandeln, hatten in der 97-jährigen Geschichte der Oscars immer wieder das Nachsehen gegenüber gefälligeren und leichter zu verdauenden Kandidaten.

Siehe den Oscar für „How Green Was My Valley“ statt für „Citizen Kane“. siehe „Kramer vs. Kramer“ statt für „Apocalypse Now“.

Die heurige Verleihung geriet überhaupt zu einer Feier des Braven über dem Cineastischen und dem Politischen. Virtue Signalling über Kunst, aber nicht einmal davon sonderlich viel. Nur nicht anecken.

In der Stimmung konnte der kroatische Beitrag kaum reüssieren.

Die Verhandlung eines ethischen Grundkonflikts. Oder: Die letzten Minuten des Tomo Buzov

„Der Mann, der nicht schweigen konnte“ ist weder ästhetisch noch von der Inszenierung her sperrig. Von der Thematik her ist er es sehr wohl. Er behandelt ein Thema, das vielen Menschen unangenehm ist: Den Mut eines Einzelnen im Angesicht des Schweigens der Anderen.

In 13 Minuten analysiert Slijepčević minimalistisch wie akribisch die Ereignisse in Zug 671 von Beograd nach Bar am 27. Februar 1993.

Serbische Paramilitärs ließen den Zug bei Štrpic in Bosnien halten. Sie suchten nach bosnisch-muslimischen Passagieren und zwangen sie auszusteigen.

Einzig der pensionierte JNA-Offizier Tomo Buzov stellte sich ihnen entgegen und fragte sich, mit welchem Recht sie die Papiere der Fahrgäste kontrollierten.

Er wurde gemeinsam mit den bosnjakischen Passagieren gezwungen, auf einen Lkw zu steigen und am gleichen Tag ermordet.

(Mehr über dieses Kriegsverbrechen und die späte Würdigung der Heldentat Tomo Buzovs könnt ihr hier lesen.)

Nebojša Slijepčević hat diese Episode aus dem Bosnienkrieg präzise anhand von Zeugenaussagen als Lektion rekonstruiert, als Frage, die wir uns alle stellen sollten: Wären wir Tomo Buzov?

Und, wichtiger noch: Würden wir auch aufstehen, wenn ein Tomo Buzov das tut?

Sobald einmal 20 oder 30 Passagiere stehen und sagen: Nein, muss auch der bulligste serbische Milizionär abziehen.

(Eine Analyse des Films findet ihr hier und auf dem kroatischen Portal Lupiga.)

Dass er für den Academy Award nominiert war und als einer der Favoriten galt, bringt dem Film hoffentlich die Aufmerksamkeit, die er nicht nur wegen seiner künstlerischen und handwerklichen Qualität verdient sondern auch wegen seiner Botschaft.

Vielleicht nimmt das ja Hemmschwellen, vor allem im ehemaligen Jugoslawien, ihn in Schulen zu zeigen. Dort sollte er zum Pflichtprogramm gehören.

Wie nötig zusätzliche Aufmerksamkeit ist, zeigt unter anderem, dass der Standard den Film in seiner Auswertung der Oscar-Nacht nicht einmal erwähnt. Ein Ausdruck der landesüblichen Geringschätzung kultureller Arbeit am Balkan und des Desinteresses gegenüber dem Krieg, der vor 30 Jahren vor unserer Haustür tobte. Es wäre gut, wenn das einmal aufgerüttelt würde.

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2 Gedanken zu “Kein Oscar für kroatisches Meisterwerk

  1. Die Verleihungen in der Literatur zeigen ja auch, dass der Wert des Stromlinienförmigen höher gewichtet wird, als der künstlerische Aspekt. Mich hat dieser Film sehr berührt.

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