Der Auftritt von Ustaša-Sänger Marko Perković Thompson bei der Feier des Vize-WM-Titels des kroatischen Herrenhandballteams sorgt weiter für Aufregung in Kroatien. Der Internationalen Handballförderation scheint das egal zu sein.
Die Statuten der International Handball Federation (IHF) sind klar.
Bei IHF-Veranstaltungen geht es um Sport und um Fairness. Jeder Anschein, dass jemand persönliche Vorteile aus IHF-Veranstaltungen zieht, oder politische Positionen gleich welcher Art bewirbt, oder Hetze gegen Minderheiten zulässt, muss vermieden werden.
Und überhaupt alles, was dem Ansehen des Sports oder der IHF schaden könnte.
„Individuals shall not act in a manner likely to adversely affect the reputation of the IHF, or the sport of handball generally, nor shall they act in a manner likely to bring the sport into disrepute.
Any individual shall act with the utmost integrity, honesty and responsibility in fulfilling his role in the sport of handball and shall not be engaged in any criminal or other improper activity within or outside handball.“
So heißt es im Ethik-Codex der IHF.
„The IHF tolerates no discrimination of any kind against a country, private person or groups of people on the grounds of racial origin, gender, language, religion or politics.
Organisers of official IHF events (competitions, Congresses, conventions, training seminars, symposia, etc.) shall be compelled to make a declaration to that effect before the IHF allocates the event. Violation of this article shall be subject to the provisions stated in the Regulations concerning Penalties and Fines.“
So steht es in den Statuten der IHF.
Man könnte meinen, der Auftritt des kroatischen Sängers Marko Perković Thompson bei der offiziellen Feier des Vize-WM-Titels der kroatischen Herren-Handballmannschaft könnte im Widerspruch zu diesen Regeln stehen.
Mit Handball hat das wenig zu tun, mit Patriotismus auch nicht. Dem Ansehen des Sports hilft das allenfalls in den Augen kroatischer Hardcore-Nationalisten und blauäugiger Sympathisanten im Westen.
Überall sonst schüttelt man den Kopf.
Der IHF scheint das egal zu sein. Präsident Hassan Moustafa hat sich bislang nicht zum Auftritt eines offen neofaschistischen Sängers bei einer offiziellen Feier eines Mitglieds der IHF geäußert.
Balkan Stories schickte ihm vergangene Woche einen Fragenkatalog zu, auf den es bislang keine Antwort gab,
Keine Antwort gibt es auch auf einen Offenen Brief, den ihm die Vereinigung der Antifaschisten Zagrebs unmittelbar nach Thompsons Auftritt vor drei Wochen zugeschickt hat.
Balkan Stories gibt den Brief in vollem Wortlaut in Übersetzung durch die Zagreber Antifaschisten wieder.
Der Offene Brief im Wortlaut
„Sehr geehrter Herr Hassan Moustafa, Präsident der Internationalen Handballföderation
Bei der jüngsten Feier des Sports, der Handball-Weltmeisterschaft, erzielte Kroatien einen großen Erfolg und gewann im Finale die Silbermedaille. Unsere Nation erlebte eine Welle sportlicher Euphorie, und die Menschen dieses kleinen Landes wollten ihren Triumph auf dem Hauptplatz der kroatischen Hauptstadt Zagreb feiern.
Doch die Feier verwandelte sich in eine verstörende Episode und wurde letztendlich überschattet.
Der Kroatische Handballverband lud den Sänger Marko Perković Thompson ein—einen Künstler, der für seine äußerst problematischen Ansichten, seine faschistische Ikonografie und seine Weltanschauung bekannt ist, die sowohl in Kroatien als auch in ganz Europa verboten ist. Dieser Sänger, der sich öffentlich als Ustaša bezeichnet hat (Mitglied einer mit den Nazis kollaborierenden paramilitärischen Einheit aus dem Zweiten Weltkrieg—kroatische Nazis und Kriegsverbrecher), trat in der Stadt Zagreb auf, wo während der deutschen Besatzung die Ustaša 26.399 Einwohner ermordeten, darunter 8.000 Juden, die in deutsche Konzentrationslager deportiert und dort getötet wurden.
Der Auftritt dieses pro-ustašaischen Sängers löste Empörung aus, insbesondere bei den Nachkommen der Opfer des Ustaša-Regimes und des Holocausts. Aufgrund seiner pro-nazistischen und pro-ustašaischen Ansichten wurde Marko Perković Thompson in den Niederlanden (2003), der Schweiz (2009), Deutschland (2014), Österreich (2017) und Slowenien (2017) mit Auftrittsverboten belegt. Darüber hinaus wurde sein Konzert in Pula im Jahr 2008 verboten.
Als weltweite Handball-Dachorganisation haben Sie die Aufsicht über den Kroatischen Handballverband, der Marko Perković Thompson eingeladen hat. Die Führung des Kroatischen Handballverbands ist sich des Werkes und des Umfelds dieses Sängers sehr wohl bewusst, und genau deshalb haben sie ihn eingeladen—um seine inakzeptable Ideologie zu verbreiten.
Sport sollte eine Aktivität sein, die Menschen verbindet, Freundschaften fördert und eine positive Atmosphäre schafft. Wer jedoch globale sportliche Erfolge nutzt, um Nazi- und Ustaša-Ideologien zu verbreiten, und solche Botschaften durch den Handball transportieren lässt, trägt Verantwortung. In Zagreb, einer Stadt, die unter dem Terror der Nazis und der Ustaša gelitten hat, wurde die Botschaft gesendet, dass die Opfer des Ustaša-Regimes nicht zählen und dass sich solche Gräueltaten wiederholen könnten.
Wir erwarten Ihre Antwort sowie eine Stellungnahme des Internationalen Olympischen Komitees zu diesem Versuch, den Handball und den kroatischen Sport im Allgemeinen zu “nazifizieren”. Wir sind Zeugen der kontinuierlichen Verherrlichung des Nazismus bei nahezu jeder großen Sportveranstaltung in Kroatien und es ist an der Zeit, dass Sportler und Sportorganisationen dem ein Ende setzen. Statt sich an der Popularisierung von Persönlichkeiten zu beteiligen, die Ustaša- und Nazi-Ideologien verbreiten, müssen sie sich aktiv dagegen positionieren.
Wir gratulieren Ihnen zur erfolgreichen Organisation der Weltmeisterschaft und hoffen, dass der Handballsport in Zukunft frei von Nazi-Ideologie und ihrer Verherrlichung bleibt.
Mit freundlichen Grüßen, Antifaschisten Zagrebs“
Die Normalisierung des Abnormalen
Daraus kann man schließen, dass Hassan Moustafa kein Problem hat, wenn offen neofaschistische Ideologie und Symbolik auf offiziellen Veranstaltungen von Mitgliedern der Internationalen Handballförderation transportiert werden.
Oder, dass ihm schlicht egal ist.
So wie der offene Neofaschismus von Thompson mittlerweile vielen egal ist. Historiker Dragan Markovina etwa konstatiert gerade in Hinblick auf den Ustaša-Barden eine Normalisierung des Abnormalen.
Aber vielleicht fällt ja die Verherrlichung des Holocaust samt Völkermord an Serben und Roma in den Augen der IHF nicht unter „discrimination of any kind against a country, private person or groups of people on the grounds of racial origin, gender, language, religion or politics.“
Auf die Argumentation ist man gespannt.
Natürlich ist die Normalisierung von Neofaschismus vor der allgemeinen Verrohung des Bürgerlichen im so genannten Westen zu sehen. Siehe auch Wahlergebnisse etwa in Deutschland oder Österreich.
Aber wenn man, wie offenbar die IHF, bereit ist, das einfach hinzunehmen, sollte man nicht gleichzeitig so tun, als würde es einem um Fairness, Sport und Chancengleichheit gehen, und als sei Diskrimierung inakzeptabel.
Dann soll man die Passagen aus den Statuten streichen, und sagen: „Wir haben kein Problem mit Faschismus“.
Diesen Eindruck jedenfalls erweckt das hartnäckige Schweigen der IHF und ihres Präsidenten.
Titelbild: Marko Perković Thompson, Foto: (c) Roberta F, Wikimedia Commons. Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0
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Was ist das schon im Vergleich zur Ukraine? Dort sind die für Progrome bzw. Morde an rund 200.000 Juden, Polen, Ukrainern, Sowjets (mit)verantwortlichen Faschisten Stepan Bandera und Roman Shukhevych per Gesetz zu „Helden der Ukraine“ geadelt worden, und ein anderes Gesetz verbiet es, solche Leute sowie zahlreiche rechtsextreme Organisationen zu kritisieren. „Slawa Ukrainij“ ist das ukrainsiche Äquivalen zu „Sieg Heil“ und offizielle Grußformel der Armee und natürlich auch von Selenskij, der keine Probleme hat, sich bei den Rechtsextremisten anzubiedern, obwohl er von solchen auch schon öffentlich in Medieninterviews mit der Ermordung bedroht worden ist.
https://www.wallstein-verlag.de/9783835355927-stepan-bandera.html
https://cup.columbia.edu/book/ukrainian-nationalists-and-the-holocaust/9783838215488
https://www.ibidem.eu/Fachgebiete/Geschichte/Regionalgeschichte/Tarnished-Heroes.html?listtype=search&searchparam=Per%20Anders%20rudling
Auf academia.edu gibt es eine Menge an wissenschaftlichen Artikeln obiger WIssenschafter zum Thema
https://www.bellingcat.com/news/uk-and-europe/2019/11/11/ukraines-ministry-of-veterans-affairs-embraced-the-far-right-with-consequences-to-the-u-s/
https://www.friedenspolitik.at/konflikte/ukraine-krieg/artikel/jarosch-wenn-zelensky-die-ukraine-verraet-wird-er-nicht-sein-amt-sondern-sein-leben-verlieren.html
Wie schriebe schon Hannah Arendt: „Jedenfalls wissen wir von dem letzten Krieg, daß Hitler, wenn er nur gewollt hätte, sich nicht in Partisanenkämpfe aufreiben lassen müssen und zumindest die Ukrainer als recht verlässliche Bundesgenossen hätte gewinnen können.“
Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Seite 694
Wenn es gegen den „alten Feind im Osten geht“ dann werden wieder (Ultra)Nationalisten und Neonazis zu „Verteidigern der Demokratie“ hochstilisiert. Geopolitik eben 🙁
Diese bigotte Doppelmoral, das untergräbt auch UNSERE Demokratie!