Die Redaktion des Zagreber Magazins Novosti hat am Mittwoch einen Drohbrief mit weißem Pulver bekommen. Ob die Substanz giftig war, ist nicht bekannt. Der Anschlag ist ein offensichtlicher Versuch, die Zeitschrift der serbischen Minderheit einzuschüchtern.
„Zum 25. Jahrestag des Četnikismus bei Novosti“, stand in dem Brief des unbekannten Absenders. Beigefügt war ein weißes Pulver mit der Beschreibung „Novičok“.
Das ist das Nervengift, das der russische Geheimdienst bei Mordanschlägen auf Gegner des Putin-Regimes einsetzt.
Das meldet die Zagreber Zeitschrift Novosti in einem Artikel, der am Donnerstag für Entsetzen in der Medienszene im ehemaligen Jugoslawien sorgte.
Polizei und Militär sicherten das Gebäude und stellten das Pulver sicher. Nach einem ersten Test eines ABC-Experten der kroatischen Armee dürfte keine unmittelbare Gefahr für die Mitarbeiter der Zeitschrift bestanden haben. Welche Substanz es ist, wird weiter untersucht, ebenso versuchen die Ermittler herauszufinden, wer den Drohbrief abgesandt hat.
Eine unbestechliche Zeitschrift
Der politische Hintergrund ist offensichtlich. Novosti ist ein beliebtes wöchentliches Magazin aus Zagreb und gehört der Vertretung der serbischen Minderheit in Kroatien. Dieser Tage feiert sie ihr 25-jähriges Bestehen.
Ausgerechnet der kroatischen Novosti Nähe zur Četnik-Ideologie vorzuwerfen, ist eine Unterstellung sondergleichen. So klar gegen jeden Nationalismus in der Region gerichtet wie Novosti sind nur wenige Medien.
Novosti hat sich nicht vom „Srpski svet“-Projekt von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić vereinnahmen lassen. Novosti verharmlost nicht nationalistische Auswüchse auf kroatischer Seite. So deckte sie 2016 die Vergangenheit des damaligen kroatischen Kulturministers Zlatko Hasanbegović in Neo-Ustaša-Bewegungen in den 1990-ern auf.
(Auch Balkan Stories berichtete damals.)
In den 25 Jahren ihres Bestehen erarbeitete sich Novosti den Ruf eines der wenigen kritischen Medien der Region zu sein, und stieg Machthabern bei mehr als einer Gelegenheit auf die Zehen.
Mehrere Hintergründe denkbar
Dass der Absender des Drohbriefs kroatischer Nationalist, ist naheliegend. Bewiesen ist es nicht.
Serbische Nationalisten könnten ebenfalls Interesse haben, mit einer false flag-Operation Empörung auszulösen. Teile der SNS stellen aktuell die Massenproteste in Serbien als vom kroatischen Geheimdienst angefacht oder gar gesteuert dar.
In ihren seitenlangen Ausbrüchen stellt etwa Turbofolk-Star Jelena Karleuša das mehr oder weniger offen in den Raum.
Das Ziel, die Redaktion von Novosti einzuschüchtern, erreichte der Absender nicht.
Die Redaktion ließ sich nicht einschüchtern
Als der Brief eintraf, arbeitete man gerade an der Printausgabe. Die wird wie gewohnt pünktlich am Freitag in Kiosken in Kroatien erscheinen.
Man kann Novosti und seiner Redaktion nur wünschen, dass als Reaktion auf diesen Anschlag möglichst viele Leute das Magazin kaufen – und so auch den unbestechlichen Journalismus der Zeitschrift kennenlernen.
Für die seriösen Medien der Region und für Balkan Stories ist auch eines klar: Das war ein Anschlag auf die Pressefreiheit. Das ist immer ein Anschlag auf uns alle.
Liebe Kolleginnen und Kollegen: Wir stehen hinter euch!
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