Der Neue Bazar in Tirana, der Pazari i Ri, ist nicht zu Unrecht nicht nur wichtiger Nahversorger sondern Touristenattraktion. Hier wird eine breite Palette lokaler Erzeugnisse angeboten. Auch solche, von denen man nicht zwingend davon ausgehen muss, dass sie hier legal verkauft werden. Das passiert bemerkenswert offen.
Die Fingerspitzen der spanischen Touristin greifen in den Haufen Tabak und nehmen eine Portion heraus.
Der Verkäufer gibt ihr ein Rollpapier.
Die junge Frau rollt sich eine Zigarette und zündet sie an.
„Wie schmeckt er“, fragt der Verkäufer.
„Sehr gut“, sagt die Touristin.
„Wie viel willst du?“
„100 Gramm oder so“.
„So wenig verkaufen wir nicht.“
Man handelt ein wenig hin und her.

Der Verkäufer packt der Spanierin 200 Gramm in Zeitungspapier und wickelt das Packerl in Plastik ein.
Eine Rechnung gibt es nicht. Ein Steuermarkerl auch nicht.
Es ist offensichtlich
Man sieht dem Tabak an, dass er nicht zwingend versteuert ist.
Er ist schlecht geschnitten. Stücke der Blattstengel sind zwischen den geschnittenen Blättern.

Die Qualitätskontrolle einer Tabakfabrik wie der in Durrës hätte dieser Tabak nicht passiert.
Den offiziellen Tabak kann man am gleichen Stand kaufen.

Wie an allen Ständen am Pazari i Ri, die Raucherbedarf und Tabak führen, werden offizieller und mutmaßlich inoffizieller Tabak gleichwertig angeboten. Am gleichen Tischchen und ganz offen.

Der Großteil des losen Tabaks am Westbalkan wird schwarz verkauft
Der Albaner als solcher gilt selbst nach den nicht völlig ordnungsfanatischen Maßstäben des Westbalkan nicht als der gesetzestreueste aller Menschen – außer beim Parken. Vor allem Bosnier und Serben können sich da etwas abschauen.
Offizielle wie inoffizielle gesellschaftliche Ordnungssysteme unterliegen hier bevorzugt einer Struktur, die sich Außenstehenden nicht auf den ersten Blick erschließt.
Siehe etwa den öffentlichen Busverkehr.
Nur, dass so offen auf das Gesetz gepfiffen wird, überrascht.
Am Markale in Sarajevo oder in der Stara Čaršija in Skopje kann man auch Tabak kaufen, der nicht zwingend versteuert ist.
Nur, als Außenstehender muss man diese Verkäuferinnen und Verkäufer suchen. Und die Landessprache können.
„Wir kaufen schon albanischen Tabak. Da haben wir einen Verkäufer am Markt, der kennt uns. Wenn er dich nicht kennt, kriegst du nichts“, erzählt mir eine Bekannte aus Herceg Novi.
So offen wie in Tirana wird nicht zwingend versteuerter Tabak allenfalls in Kleinstädten angeboten – etwa in Kragujevac in Serbien.
Den Tabak gleich am Stand ausprobieren, das kannst du dir selbst dort abschminken.
Das geht nur in Albanien.
Und Tirana gilt als die Stadt, wo nicht zwingend versteuerter Tabak vergleichsweise schwer zu bekommen ist. Das sagt zumindest diese Studie aus dem Jahr 2021.
„Illicit packs are expected to be more frequent among smokers from South Albania compared to those from North Albania. When controlling for the likelihood of evasion of those living in the capital city (Tirana) it seems that smokers are less likely to evade in Tirana, where law enforcement tends to be stronger, thus making illicit packs less accessible.“
(Aus: Tobacco tax evasion in Albania and its determinants. Aida Gjika, Irena Gjika, Imami Drini, Edvin Zhllima, Development Solution Associates, Tirana, February 2021.)
Der Großteil des losen Tabaks in Albanien dürfte schwarz verkauft werden.
Das ist kein albanisches Alleinstellungsmerkmal, wie dieses Paper auf BMJ Journals aufzeigt. Es wurde 2022 veröffentlicht und stützt sich unter anderem auf die vorher zitierte Studie aus Tirana.
Und es enthält ein Ergebnis, das angesichts des ungeniert offenen Verkaufs von unversteuertem Tabak am Pazari i Ri in Tirana etwas kontraintuitiv ist.
„The study finds that 20.4% of all current smokers in WB countries evade taxes on tobacco products, with evasion being much more frequent for hand-rolled (HR) tobacco (86.7%) than for the manufactured cigarettes (MC) (8.6%). While HR is predominantly illicit in all six countries, MC evasion varies significantly, with evasion being significantly higher in Montenegro and Bosnia and Herzegovina.“
Aus: Vladisavljević M, Zubović J, Jovanović O, et al. Tobacco tax evasion in Western Balkan countries: tax evasion prevalence and evasion determinants Tobacco Control 2022;31:s80-s87.
Vielleicht gibt es eine methodische Schwäche bei der Studie.
Das Leben ist komplizierter
Vielleicht ist auch nur das Leben manchmal etwas komplizierter und widersprüchlicher als es den Anschein hat.

Unabhängig davon, ob die Bosnier mehr schwarzen Tabak rauchen als die Albaner, bleibt der offene Verkauf von unversteuertem Tabak samt Proberauchen am Pazari i Ri eine der skurrileren Touristenattraktionen der albanischen Hauptstadt.
Und bringt vielleicht auch Touristen auf diesen wunderbaren kleinen Markt im Zentrum Tiranas, wo man so allerlei lokale Erzeugnisse kaufen kann.
300 Bauern bieten hier ihre Produkte an, behauptet zumindest diese Tourismusseite.
Die Zahl scheint etwas hochgegriffen.

Das gesamte Marktgebiet hat etwas mehr als 300 Stände. Das schließt zahlreiche andere Verkäufer mit ein.
Sie bieten neben Tabak Teppiche, Töpferwaren und Touristenkitsch feil.





Die spanische Touristin stöbert nach dem Tabakkauf noch ein wenig durch den Markt.
Ob sie etwas kauft, erschließt sich mir nicht. Ich verliere sie im Trubel aus den Augen.
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