Wandgemälde eines Ustaša-Soldaten in Zadar, Kroatien

Der Ustaša-Soldat von Zadar

In Zadar in Kroatien sorgt das Wandgemälde eines Ustaša-Soldaten für Wirbel. Angebracht von den Ultras des Fußballklub NK Zadar ist es zu einer Pilgerstätte für Nationalisten geworden. Ein sozialdemokratischer Gemeinderat, der einsam gegen das Gemälde kämpft, wurde körperlich angegriffen. Der Konflikt zeigt, wie tief gespalten Kroatiens Gesellschaft ist.

Mit Rabiat-Nationalismus kann man nicht mehr entschuldigen, was auf dem Wandgemälde von Tornado Zadar zu sehen ist.

„Unser Sturm hört nicht auf“, steht unter dem Portrait eines Soldaten mit einem Helm der deutschen Wehrmacht, auf dem ein Wappen des Ustaša-Staates NDH prangt.

Das ist eine mehrfache Anspielung, und eine eindeutig antiserbische.

Oluja hieß die Operation, in der die kroatische Armee 1995 Teile Kroatiens eroberte, die seit 1991 von Milizen der ethnischen Serben der Region, mit Unterstützung aus Beograd, besetzt gehalten worden waren.

Bis zu 200.000 ethnische Serben flüchteten während der Operation Oluja. Wie freiwillig, ist nach wie vor Gegenstand historischer und juristischer Diskussionen.

Das Ustaša-Wappen stellt die Herrschaft der kroatischen Faschisten von 1941 bis 1945 eindeutig in einen positiven und patriotischen Kontext.

Im so genannten Unabhängigen Staat Kroatien begingen die Ustaša einen Völkermord an hunderttausenden Serben, und zehntausenden Juden und Roma. Der Vasallenstaat des Dritten Reichs umfasste einen Großteil des heutigen Kroatien, ganz Bosnien und einen kleinen Teil Serbiens.

Was der NDH nicht umfasste, war unter anderem Zadar. Den Großteil der dalmatinischen Küste mussten die kroatischen Faschisten den italienischen Verbündeten abtreten.

„Hrvatski vojnik“ haben die Ultras von NK Zadar das Wandgemälde getauft. Man kann das sowohl mit „kroatischer Soldat“ übersetzen wie mit „kroatischer Krieger“.

Für die Nationalisten auf der Insel, die einst eine größere serbische Minderheit beherbergte, ist das Wandgemälde spätestens in den vergangenen Wochen zu einem Pilgerort geworden.

Nachdem der sozialdemokratische Gemeinderat Daniel Radeta forderte, dass das Wandgemälde entfernt werden sollte, marschierten die rechten Ränder der kroatischen Veteranenverbände des Jugoslawien-Kriegs auf. In Kroatien muss man den Krieg „Heimatverteidigungskrieg“ nennen.

Angeführt wurden sie von einem gewissen Marko Skejo, Skejos Schnurrbart erinnert nicht nur historisch Interessierte an einen bekannteren und nicht gänzlich unumstrittenen österreichisch-deutschen Politiker. Selbiger spielte unter anderem eine gewisse Rolle bei der Gründung des Ustaša-Staates NDH.

Nicht Skejo habe den Protest organisiert, sagte dieser gegenüber Medien, sondern „die Kinder meiner Kameraden, die sich der Nation bewusst sind, und die der Gedanke schmerzt, dieses Wandgemälde zu entfernen.“ Und: „Die Geschichte der Region Zadar ist mit Blut getränkt“.

Der sozialdemokratische Gemeinderat Radeta kenne weder die jüngere noch die ältere Geschichte, und überhaupt, er solle sich wegen des „weißen Feldes“ nicht so anstellen.

Das „weiße Feld“ ist das Entscheidende in der Sache. Es ist dieses weiße Feld, mit dem die šahovnica dieses Wandgemäldes beginnt – das kroatische Schachbrettmuster. Ganz wie im NDH. Eine šahovnica, die mit weißen Feld beginnt, gilt als Ustaša-Wappen und ist streng genommen in der Republik Kroatien verboten. Deren Wappen beginnt mit einem roten Feld.

Mindestens zwei Angriffe auf sozialdemokratischen Gemeinderat

Skejos Demonstration fand am 12. Jänner statt. Am 15. attackierten vier Unbekannte Daniel Radeta auf der Straße. Einer prügelte auf ihn ein, sagte er gegenüber Medien. Sie ließen erst von ihm ab, als er sein Telefon hervorholte, um den Vorfall zu melden. Mehrfach erhielt der Gemeinderatsabgeordnete nach eigenen Angaben Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen sich und seine Familie.

Der Zadarer Bürgermeister Branko Dukić von der klerikalnationalistischen HDZ rang sich zu einer halbherzigen Verurteilung des Angriffs durch. Er unterstütze Radeta, Gewalt sei niemals zu akzeptieren. Gleichzeitig sprach er davon, dass Zadarer Gemeinderäte „verbale Gewalt“ begangen hätten und dies mit einem „verzerrten Recht auf Meinungsfreiheit“ begründet hätten. Wer gemeint war, war offensichtlich.

Das Wandgemälde zu entfernen, sei nicht Aufgabe der Stadtregierung. Da müsse man sich an Tornado Zadar wenden, meinte Dukić.

Einen Monat nach dem Vorfall, vor knapp zwei Wochen, wurde Radeta erneut auf offener Straße attackiert. Als er auf dem Weg zu einer Veranstaltung der kroatischen SDP war, wurde der Chef der Zadarer Sozialdemokraten mit einer braunen Flüssigkeit übergossen – wahrscheinlich ein Reinigungsmittel eines chemischen WC. Er hatte zu einer Demonstration gegen das Wandgemälde „Hrvatski vojnik“ am nächsten Tag aufgerufen und angekündigt, seine Fraktion werde dem Budget der Stadt nicht zustimmen, wenn das Gemälde nicht entfernt würde.

Radeta selbst sagt, er gehe nicht davon aus, dass die Angreifer aus dem Fanclub Tornado kommen. „Die schlagen ihre Mitbürger nicht auf der Straße.“

Kroatiens Sozialdemokraten fordern geschlossen Entfernung des Gemäldes

Das war auch der Moment, in dem sich die sozialdemokratische Parteispitze geschlossen hinter ihn stellte. Der Angriff sei aufs Schärfste zu verurteilen, sagte SDP-Vorsitzender Peđa Grbin: „Das ist unsere heutige Realität. Unsere Kollegen erhalten Morddrohungen, weil sie zu einem Protest aufgerufen haben. Deshalb müssen wir darüber reden, wie wir in Kroatien frei leben können. Wahlen sind weniger eine Frage politischer Auseinandersetzungen als vielmehr eine Frage von Freiheit und Demokratie, und wir danken Daniel für alles, was er für unsere Ideale ertragen hat. In unserer Politik gibt es nur wenige solcher Menschen, man kann sie an einer Hand abzählen“.

Mittlerweile steht Kroatiens Sozialdemokratie geschlossen hinter der Forderung, das Wandgemälde zu entfernen.

Verteidiger des Wandgemäldes spielen es herunter

Die Verteidiger, vor allem aus dem Umfeld nationalistischer Veteranenverbände und der Ultras von Tornado Zadar, spielen unterdessen das Bild herunter. Es zeige einfach einen kroatischen Soldaten, nicht mehr und nicht weniger. Ein Ustaša-Soldat sei das auf keinen Fall.

Und überhaupt, wer sich daran stoße, sei ein alter Kommunist oder ein „Papier-Kroate“.

Auf Youtube dokumentiert ein Video, dass Ultras von Tornado Zadar und von Torcida Split mittlerweile mehrere Kopien des Wandgemäldes in Dalmatien angebracht haben.

Und das obwohl der kroatische Soziologe Sven Marcelić mittlerweile auch das Vorbild des Wandgemäldes identifiziert hat, wie er sagt. Es ist ein Foto, das Willi Pragher 1942 am Markus-Platz in Zagreb aufgenommen hat. Der dargestellte Soldat ist lediglich gespiegelt.

Dass die Unterstützer des Wandgemäldes sich nicht auf kroatischen Patriotismus berufen dürfen, zeigt ein Interview des Portals TRIS mit der Kunstprofessorin Antonija Mlikota, die sich eingehend mit der Geschichte der italienischen Herrschaft in Dalmatien auseinandergesetzt hat.

„Wer sind diese Leute, kennen sie die Geschichte von Zadar? Die Schwarzhemden in Zadar ließen einem das Blut in ihren Adern gefrieren, sie schlugen, folterten, verstümmelten, vergewaltigten, ließen Tausende von Menschen verhungern, sie eröffneten mehrere Lager, in denen diejenigen, die sie nicht töteten, als Sklaven nach Italien geschickt wurden“, schildert sie gegenüber dem Portal.

Die Professorin attackiert auch die regierende HDZ: „Wer sind die Leute in der Stadtregierung, die diese irredentistische und faschistische Ikonographie unterstützen? Er kann nicht, er kann nicht im Namen der Freiheit und derer, die dieses Land verteidigt und geschaffen haben, er kann nicht im Namen all derer, die von den Schwarzhemden gefoltert, getötet, gedemütigt und zu Sklaven gemacht wurden.“

Lokale Antifaschisten haben die Sache mittlerweile selbst in die Hand genommen. Vor kurzem übermalten sie das Wappen auf dem Wandgemälde mit einem Herz. Darunter schrieben sie Zeilen aus dem Lied „Čovek s mesecom u očima” von Đorđe Balašević.

Das ursprüngliche Aussehen des Wandgemäldes wurde nach Angaben des Portals Crna Hronika am nächsten Tag wiederhergestellt. Crna Hronika ist ein HDZ-nahes Medium.

Man darf sich darauf einstellen, dass es einen ähnlichen Wettlauf zwischen Antifaschisten und den Verherrlichern von Völkermord geben wird wie bei dem Wandgemälde von Ratko Mladić im Stadtzentrum von Beograd.

Zumindest in Split bleibt die Initiative von Torcida-Ultras nicht unbeantwortet. Der dortige Bürgermeister Ivica Puljak hat angeordnet, Wandgemälde des Ustaša-Soldat zu übermalen, berichtet 24 Sata. Er ist von der liberalen Partei Centar.

Titelfoto: UN Tornado Zadar

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