Der Himmel von Nikšić ist gesperrt. Zumindest der für Bietrinker. Das scheint nicht das einzige Problem von Nikšićko zu sein, dem wohl beliebtesten Bier im ehemaligen Jugoslawien.
Ich stehe vor verschlossenen Türen.
„Nein, so was haben wir nicht“, sagt der Portier der Haupteinfahrt der Pivara Trebjesa im Stadtzentrum von Nikšić.
Ich hatte ihn gefragt, ob es so etwas wie geführte Touren durch die Brauerei gibt oder gar ein Braustüberl.
„Wir sind vielleicht die einzige Brauerei in Europa, die so etwas nicht anbietet“, sagt er sehr freundlich und verständnisvoll.
Hier wird Nikšićko gebraut.
Das wahrscheinlich beliebteste Bier im ehemaligen Jugoslawien, und möglicherweise auch das beste.
Es fühlt sich an, als würde ich vor einem verschlossenen Himmel stehen.
Bedenkt man, dass Nikšićko in seinem Heimatland Montenegro die unbestrittene Nummer Eins ist, und sehr beliebt in Serbien und Bosnien, fragt man sich: Warum macht die Brauerei die Stadt nicht zum Bier-Mekka des ehemaligen Jugoslawien?
Sogar aus Albanien würden Besucher kommen.
Auch dort ist das Bier sehr beliebt.
Auch Online-Tourismusführer empfehlen eine geführte Tour durch die Brauerei.
Der Link zu den Anmeldungen zu den Touren führt auf die Homepage der Brauerei.
Anmelden zu einer Tour kann man sich nicht.
Dafür muss man das Geburtsdatum angeben, bevor man die Seite überhaupt aufrufen kann.
Verantwortungsvolles Trinken, Jugendschutz und so.
Ein Besuch in der Brauerei war der Hauptgrund, warum ich nach Nikšić gereist bin.
Auf die Idee, dass eine derart bekannte Biermarke kein Touristenprogramm hat, kommst du ja nicht.
Offenbar haben Stephanie und Allison Nikšić nie besucht.
Der ganze Artikel „13 Compelling Things To Do in Niksic (sic), Montenegro“ wirkt bei genauerer Betrachtung äußerst oberflächlich.
Man hätte das Ding innerhalb von zwei Stunden mit Copy/Paste erstellen können.
Auch in der Heimatstadt ist Nikšićko nicht mehr unangefochten
Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Ulica Druge Dalmatinske, trinken zwei Mädchen im Schanigarten eines kleinen Cafes zwei kleine Heineken.
Die Brauerei kann man von hier aus sehen.
Ein großes Nikšićko kostet hier zwei Euro.
Eine „Giraffe“, das ist ein Ein-Liter-Glas, kostet interessanterweise fünf.
Heineken ist je einen Euro teurer.
Aus unerfindlichen Gründen gelten in dieser Region manche schlechte internationale Biermarken als besonders prestigeträchtig.
Das nordmontenegrinische Nikšić ist keine Ausnahme – Heimat des wahrscheinlich besten Biers im ehemaligen Jugoslawien hin oder her.
Auch auf der Njegoševa, der Hauptstraße der Stadt, werben etliche der zahlreichen Cafes mit europäischen Biersorten.
Selten sind es gute, wie etwa Staropramen.
Nikšićko ist klar die Nummer Eins.
So unangefochten wie früher ist es das lange nicht mehr.
Wahrscheinlich macht das Bier seine schwierigste Zeit durch seit der Gründung der Brauerei im Jahr 1892.
Nicht nur das aggressive Marketing der beiden weltgrößten Bierkonzerne Heineken und Anheuser Busch machen Nikšićko zu schaffen.
Wenig schmeichelhafte Gerüchte und Wahrheiten
Unter Biertrinkern der Region machen sich auch wenig schmeichelhafte Gerüchte und Geschichten breit.
„Nikšićko ist nur gut, wenn du es aus den Dosen trinkst, die für den Export bestimmt sind“, sagt mir Dejan. „Wir kriegen nur das schlechte Bier.“
„Früher war es gut. Heute ist es das nicht mehr“, sagt der Hip Hop-Fan.
Zwei Wochen später bestellt ein Stammgast im Balkan Express in Sarajevo ein Nikšićko.
Als Zapfbier gäbe es Stella Artois. Nur das ist heute nachmittag aus.
„Oder warte“, sagt er dem Kellner. „Weißt du, ob es auch wirklich aus Nikšić ist?“
Der Kellner schüttelt den Kopf.
„Die brauen das nämlich auch in Zagreb. Und dann will ich es nicht.“
Internationale Konzerne schieben Biermarken hin und her
Tatsächlich wird Nikšićko für den EU-Markt in Lizenz in Zagreb gebraut und abgefüllt – in der Ožujsko-Braueri.
Ožujsko und Nikšićko gehören beide zum Molson Coors-Konzern.
Dem gehören an lokalen Marken auch Jelen samt Apatinsko und Vukovarsko.
Als Lizenzprodukt des Konzerns Anheuser Busch InBev braut Molson Coors in Südosteuropa Stella Artois – unter anderem in Apatin und Nikšić.
Es gehört zur Praxis solcher Konzerne, dass sie beinahe nach Belieben Biere in Lizenz in anderen Brauereien herstellen und abfüllen lassen.
Dass nicht nur das Rezept sondern besonders das lokale Wasser einem Bier erst seinen besonderen Geschmack geben – wen juckt das schon?
Man will mit Namen Geld verdienen, nicht mit einem guten Produkt.
So kriegt man in Serbien, Bosnien und Montenegro das dänische Tuborg – gebraut und abgefüllt in der Brauerei Čelarevo in der Vojvodina.
Das hat dort eine lange wie unheilvolle Tradition.
Schon 1970 braute man dort in Lizenz Löwenbräu.
Aus der Brauerei stammt auch Lav.
Heute gehört sie zum Carlsberg Konzern, dem Spezialisten für Werbung mit falschen Angaben.
Carlsberg ist der drittgrößte Bierkonzern der Welt.
Auch die Heineken-Gruppe hat sich in der Region eingekauft.
Und lässt ihr Flagschiff Heineken ebenfalls in Lizenz regional brauen: In Karlovac, dem Heim von Kroatiens zweitbeliebtester Biermarke, Karlovačko.
Heineken ist der weltweit zweitgrößte Bierkonzern.
Regional gehören ihm auch Laško und Union aus Slowenien, Merak und Zaječarsko aus Serbien.
Ebenfalls zur Heineken-Gruppe gehört die italienische Biermarke Moretti, die aktuell mit aggressiver Werbung in Serbien Fuß zu fassen versucht.
Es gibt fast keine größere Brauerei im ehemaligen Jugoslawien, die nicht im Besitz eines der größten internationale Bierkonzerne wäre.
Selbst die formal unabhängige Sarajevska Pivara stellte in Lizenz Oettinger Bier für den gleichnamigen deutschen Bierbrauer her – ebenso wird dort Pepsi abgefüllt.
Das Hin und Her stärkt nicht das Vertrauen in regionale Biere
Das alles ist nicht spezifisch für den Balkan.
Freilich treiben es hier die großen Bierkonzerne mit ihrem Hin- und Hergeschiebe von Marken und Lizenzen auf die Spitze.
Nicht nur, dass die Nummer Zwei, die Nummer Drei und die Nummer Vier der internationalen Bierkonzerne nahezu alle größeren Brauereinen der Region aufgekauft haben.
Auch die Nummer Eins, Anheuser Busch InBev mischte hier bis vor kurzem mit – und verkaufte seine lokalen Brauereien an eine Investorengruppe, die sie an Morson Coors weiterverkaufte.
Das Hin- und Hergeschiebe ist Kapitalismus in Reinstform.
Man lese nur bei Karl Marx zum Thema Fetisch Ware und zu Konzentrationsprozessen im Kapitalismus.
Das stärkt nur eben nicht gerade das Vertrauen der Konsumenten in die regionalen Biere – die ihren typischen Geschmack vor allem dem lokalen Wasser zu verdanken haben.
Zumal neue Eigentümer auch gerne am zweiten Geschmacksverantwortlichen herumexperimentieren – der spezifischen Mischung aus Malz, Germ und Hopfen.
Und gerne auch noch so einiges entdecken, das sie verändern können.
Nicht immer steigert das den Geschmack des Bieres.
Aber vereinfacht Produktionsprozesse und macht das Produkt profitabler.
Nicht wenige Biertrinker wenden sich angesichts dieser Erfahrungen enttäuscht vom bisherigen Favoriten ab.
Und vermeintlich verlässlischeren internationalen Biermarken zu.
Die erst wieder zu den internationalen Brauereikonzernen gehören, die das Schlamassel erst angerichtet haben.
Nikšićko haben die neuen Eigentümer bisher nicht ruiniert.
Es bleibt das wahrscheinlich beste Bier im ehemaligen Jugoslawien – zumindest unter den gängigeren Marken.
Man kann nur hoffen, dass das so bleibt.
Und, dass die Brauerei irgendwann ihre Pforten für Bierliebhaber öffnet.
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