Wie ein lieber Freund 20 Euro in einem Schanigarten im Čuburski Park in Beograd verliert. Und wie ich unfreiwillig einen wesentlichen Beitrag zu diesem Verlust leiste.

Hektisch steigt der Mann aus dem Taxi.

Lächelnd kommt er auf Marko* und mich zu.

Wir sitzen im kleinen Schanigarten des Aviator und trinken trotz einsetzender Dunkelheit Kaffee.

Es ist eines meiner Stammlokale in der serbischen Hauptstadt. Der Espresso ist selbst nach balkanischen Maßstäben hervorragend.

„Zdravo komšija“, ruft der Mann, der aus dem Taxi ausgestiegen ist, fast noch über die Cara Nikolaja II. „Grüß dich Nachbar“.

Er streckt mir die Hand entgegen. Ich schüttle sie.

„Kako si“, fragt er noch. „Wie geht’s“.

Ich hab keine Ahnung, wer er ist. Aber vielleicht hab ich ihn in den vergangenen Tagen im Lokal gesehen.

Dass man von Leuten, die man praktisch nicht kennt, in dieser Weltgegend als komšija begrüßt wird, als brat (Bruder) oder drug (Freund, Genosse), ist nichts Ungewöhnliches.

Der Freundliche begrüßt auch Marko herzlich. Auf mich wirkt es, als würde er Marko kennen.

Marko ist in Serbien ein bekannter Journalist und Buchautor.

Mit ihm kannst du in fast kein Lokal gehen, ohne, dass er erkannt wird.

Das mitunter Gefährliche an der Sache ist, dass in den meisten Fällen irgendein Bekannter eine Runde Bier oder Rakija für uns bestellt. Ganz unabhängig von der Tageszeit.

Von dem, was sie reden, versteh ich nur die Hälfte. Der Freundliche spricht schnell und im Dialekt.

Es geht sehr schnell

Mit meinen leider nicht hervorragenden Sprachkenntnissen hab ich keine Chance.

Das Taxi wartet, in zweiter Spur geparkt.

Mit mir redet der Freundliche nicht mehr. Er muss mich ja nur anschauen, um zu wissen, ich bin nicht von hier und spreche die Sprache nur mangelhaft.

Vor allem, wenn mein Gegenüber so starken Dialekt spricht.

Marko zückt seine Geldbörse und gibt ihm 2.000 Dinar. Das sind knapp 20 Euro.

Der Freundliche bedankt sich herzlich.

Er hechtet ins Taxi zurück.

Das Taxi fährt weg.

Marko und ich bemerken den Trick. Leider zu spät.

„Wer war das?“, fragt mich Marko.

„Ich hab keine Ahnung. Ich dachte, du kennst ihn“.

„Und ich dachte, er kennt dich. Er hat dich immerhin als Nachbar begrüßt“.

„Ja. Aber dich kennt ja hier jeder.“

„Das ist blöd. Weil jetzt weiß ich nicht, wie ich meine 2.000 Dinar zurückkriege.“

„Warum hast du sie ihm überhaupt gegeben? Worum ging’s da?“

„Er hat gesagt, er hat nur 100 Euro eingesteckt und kann das Taxi nicht zahlen. Und, dass er nur zum Bankomaten fährt und mir das Geld gleich bringt.“

Ich lache. Eher aus Spannung denn aus Schadenfreude.

„Ich fürchte, das Geld siehst du nie wieder. Dass ich jemals erlebe, wie dir das passiert…“

„Ja, blöde Sache. Ich hab auch nicht gedacht, dass mir das jemals passiert.“

Einer der ältesten Tricks der Welt und ausgerechnet Marko fällt drauf rein.

Gut, mir wäre es in der Situation wahrscheinlich ähnlich ergangen.

Auch ich habe schon Lehrgeld bezahlt

Und es ist ja nicht, dass ich nicht auch schon Lehrgeld gezahlt hätte bei einem genauso alten Trick.

Vor etlichen Jahren wollte ich an einem Sonntagmorgen Geld auf der Terazije wechseln.

Es stellte sich heraus, dass die Wechselstuben erst in einer halben Stunde öffnen würden.

Als ich mich von einer geschlossenen Wechselstube entfernte und ein offenes Cafe suchen wollte, kam mir ein kleiner Mann um die 60 vom Taxistand direkt daneben entgegen.

„Ach, kein Problem, ich kann auch wechseln. Ich mach dir sogar einen besseren Kurs als da drinnen.“

Ich hielt ihn für einen Taxifahrer.

Mit Taxifahrern am Balkan hatte ich zu dem Zeitpunkt nur positive Erfahrungen gemacht.

Das hat sich bis heute gehalten, mit zwei Ausnahmen.

Er spielte die Nummer mit den zwei dicken Bündeln Scheinen Dinar.

Das erste bestand aus einer Handvoll großen und vielen kleinen Scheinen.

Das zählte er mir zweimal vor. Der Betrag stimmte.

Wie auch immer er das geschafft hat, kurz bevor oder während ich ihm meine Euro übergab, tauschte er das Bündel gegen ein zweites aus.

Es war ziemlich genau gleich dick und hatte, genau wie das erste, hatte außen die gleichen größeren Scheine.

Drinnen waren viel mehr kleine Scheine als im Bündel, das er mir zweimal vorgezählt hatte.

Das bemerkte ich erst ein paar Minuten später.

Der vermeintliche Taxifahrer war über alle Berge.

50 Euro hat er von mir sozusagen gratis bekommen.

Wenigstens hat er mich nicht als Nachbar begrüßt.

*Marko heißt anders. Ich wollte ihn hier nicht bloßstellen. Er ist ein enger Freund.