Ein Unbekannter, die Brücke, deren Namen keiner wirklich weiß und ein paar Fische in der Miljacka. In kaum etwas verkörpern sich la vie bosnienne und vielleicht auch die misere bosnienne so sehr wie in dieser Episode, die Balkan Stories in Sarajevo beobachtet hat.

Er steht auf der Brücke, deren Namen keiner so recht weiß.

Es ist die zwischen Kaiserbrücke und Šeher-Ćehaja-Brücke, die zur Vijećnica führt, dem Alten Rathaus und ehemaligen Sitz der Nationalbibliothek.

Mirsad zieht an seiner Zigarette und schaut nachdenklich in die Miljacka.

Vermutlich gilt sein Blick der Stelle, an die er die Angelrute auswerfen möchte.

Hinter oder neben ihm jemand Wichtiger, begleitet von zwei Polizisten.

Mirsad wirft die Angel aus.

„Ciao“, sagt einer der Uniformierten zu Mirsad. „Beißt was?“

Dass hier jemand mitten im Zentrum einer europäischen Hauptstadt steht und in einem fast zu Tode regulierten Flüsslein fischt – es scheint niemandem seltsam vorzukommen.

„Im Frühjahr und im Sommer bin ich oft hier“, sagt Mirsad. „Ich mach das, um mich zu entspannen. Entweder fische ich oder ich gehe mit dem Hund spazieren“.

Fischen heißt „ribati“

Fischen, so lerne ich aus dieser Unterhaltung, heißt in der Sprache ohne Namen ribati. Wortwörtlich das Gleiche wie im Englischen oder Deutschen.

Das Verb kann, so vermute ich, auch eine übertragene Bedeutung haben, aber das tut gerade nichts zur Sache.

 

Wir reden hier von echten Fischen, nicht von übertragenen.

Mirsad holt die Angelschnur wieder ein und steckt mit routinierter Geste einen neuen Wurm als Köder an den Haken.

„Ja, manchmal beißt schon was“, meint er und wirft die Angel wieder aus.

Mirsad ist nicht der einzige Fischer entlang der 36 Kilometer langen Miljacka.

Er ist noch nicht mal der einzige Miljacka-Fischer in Sarajevo.

Aber wohl der Einzige, der von dieser Brücke mitten im Stadtzentrum aus fischt.

Seine Kollegen angeln eher vom Ufer aus.

Gegen den Strom schwimmen

Ein paar kleine und mittlere Fische versuchen, auf die obere Seite eines der künstlichen Katarakte zu springen.

Wieder und wieder und wieder.

Hartnäckige Tiere.

 

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Was auch immer sie flussaufwärts zu finden hoffen, es scheint einige Anstrengung wert zu sein.

„Da ist ein großer Klient“, deutet Murat in den Fluss in der Nähe des nördlichen Ufers.

Ein Schatten gleitet schnell unter der Oberfläche weiter.

Mirsad wirft die Leine erneut aus, näher zum Ungefangenen.

Dass es hier überhaupt Fische gibt, mag auf den ersten Blick verwundern.

Fruchtbare Erde und ein regulierter Fluss

Die Behörden der österreichisch-ungarischen Monarchie ließen die Miljacka in der Okkupationszeit in ein schnurgerades Bett mit steilen Uferwänden zwängen, ganz der Mode der Zeit entsprechend.

Damit wurde man der bis dahin regelmäßigen Überschwemmungen Herr.

Dem Leben im Fluss tat das weniger gut.

Außerdem wirkt für Außenstehende die rötlich-braune Miljacka dreckig.

Die Farbe gibt dem Fluss die Roterde.

Die Miljacka schwemmt sie aus den umliegenden Bergen mit und lagert sie an ruhigeren Stellen wieder ab.

Roterde gilt als fruchtbar.

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Dass die Farbe nichts mit Verschmutzung zu tun hat, heißt nicht, das Gewässer wäre sauber.

Kläranlagen gibt es nicht allzu viele in Bosnien.

Viele Betriebe leiten ihre Abwässer ungeklärt in Flüsse und Seen.

Auch in die Miljacka.

„Weiter flussaufwärts gibt’s Sägewerke und Gerbereien“, erzählt Juliet.

„Manchmal riechst du deren Abwässer“.

Die Britin lebt seit etwa einem Jahrzehnt in Sarajevo.

Die Abwässer scheinen die Miljacka freilich -meist – nicht in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß zu verschmutzen.

Fischen ist nach wie vor erlaubt. Das wäre nicht einmal in Bosnien der Fall, wenn es jemanden gefährden würde.

Mirsad gibt heute die Fische zurück ins Wasser

Mirsad berührt die Frage zumindest heute nicht im Mindestens.

Er plant, die gefangenen Fische wieder ins Wasser zu lassen.

Einen Kübel, um sie nachhause zu transportieren, hat er nicht mit.

Vielen der anderen Miljacka-Fischer sind die Fänge willkommene Zukost auf ihren Speisetellern, die durch niedrige Löhne und Pensionen oft eher kärglich gedeckt sind.

Ob auch Restaurants Fische aus der Miljacka ankaufen, lässt sich nicht in Erfahrung bringen.

Der große Klient hat nicht angebissen.

Mirsad gibt nicht auf.

Gut drei Stunden Sonnenlicht hat er heute noch.

Viel Zeit, sich in den Kampf mit dem Ungefangenen zu stürzen, der nicht ganz so episch werden dürfte wie jener in Ernest Hemingways „Der Alte Mann und das Meer“.

Aber Mirsad geht’s beim Fischen auch weniger darum, im Kampf mit den Miljacka-Fischen die existentialistischen Dimensionen des Lebens auszuleuchten.

Letztere erlebt man als Bosnierin oder Bosnier in nahezu allen Schattierungen beinahe täglich.

Da braucht man auch ein wenig Entspannung.

Vielleicht findet man sie, wenn man auf einer Brücke mitten im Stadtzentrum fischt. Etwas, das man wohl sonst nirgends in Europa machen würde.