Marko hat ein Spielproblem. Während meines Urlaubs versucht er, mich hineinzuziehen.
Endlich steht mein Ribić vor mir. Drei Mal war ich bislang im Gusan. Drei Mal war er ausverkauft.
Ribić im Gusan in Beograd. Das muss sein.
Mein Telefon klingelt. Eine neue Nummer. Ich erkenne am Profilbild, dass es Marko ist.
Marko ist aus Beograd. War lang im Film- und TV-Geschäft. Heute lebt er in Wien.
„Bist du nicht auf Urlaub?“, fragt mich Marko.
„Ja, ich bin grad in Beograd, im Gusan“.
„Schön. Sag, da ist was, wo du mir helfen kannst“.
Marko redet schnell. Ich kann ihm nicht in allen Details folgen.
Am Telefon ist es für mich schwieriger, in der Sprache ohne Namen zu kommunizieren. So ist es, wenn man eine Sprache als Erwachsener lernt. Wenn jemand so schnell redet wie Marko heute, wird es sehr schwierig.
Zuerst fragt mich Marko, ob mir nicht sein Vater ein paar Dinge mitgeben könnte, die er in Wien braucht.
Viel Platz hab ich nicht in meinem Koffer, sage ich. „Ein paar Hemden gehen schon. Viel mehr geht nicht. Ich werde zurückfliegen.“
Worum es Marko wirklich geht
„Und sag, kannst du mir 500 Euro borgen? Du kriegst sie in ein paar Tagen zurück.“
Ich habe das Gefühl, darum geht es Marko wirklich.
„Sag, eigentlich will ich nicht und kann ich nicht. Ich bin gerade auf Urlaub, das kostet mich viel Geld“.
„Ich brauch die Kohle dringend“.
Was Marko über seine eigenen Probleme erzählt
Marko und ich haben uns einmal in einem Schanigarten in Meidling getroffen. Das war vor zwei Wochen.
Marko hat mir damals erzählt, dass er durchaus erfolgreich war in der Film- und TV-Produktion zuhause. „Das war stressig, aber ich bin viel herumgekommen und hab verdammt viel Geld verdient“.
Übrig ist nichts.
Marko hat alles in Casinos und Wettstuben getragen. Die stehen im ehemaligen Jugoslawien an jeder Ecke. Die Eigentümer setzen alle Mittel ein, um die Spielwilligen anzulocken, und sie süchtig zu machen.
Mit den Spielsüchtigen verdienen sie Milliarden.
Balkan Stories hat das Ausmaß der Spiel- und Wettindustrie exklusiv auf Deutsch dargestellt.
Das Titelbild habe ich in Ub in Zentralserbien gemacht. Die Stadt hat 6.000 Einwohner. Es ist nicht das einzige Glücksspiel- und Wettlokal im Ort.
Auch in Mali Zvornik auf der serbischen Seite der Drina gibt es solche Lokale. Die Stadt hat kaum 4.000 Einwohner.
In Bosnien gibt es mehr Casinos und Wettlokale als Bäckereien. Und es gibt viele Bäckereien in Bosnien.
Marko bombardiert mich mit Anrufen
Markos Erzählungen fallen mir während des Gesprächs ein. Es erklärt seine Hektik.
Marko ist ein Opfer der Spiel- und Wettindustrie.
Ich will essen. Ich habe keine Lust, mit ihm zu diskutieren.
„Schau, ich bin grad einen Monat auf Urlaub, und das ist teuer. Ich sitze gerade in einem Restaurant, und mein Essen ist da. Reden wir morgen darüber, OK?“
„Naja, vielleicht kannst du mir 200 Euro borgen. Das würde auch schon helfen“.
„Ich muss mir das überlegen. Reden wir bitte morgen?“
„Ja, ruf mich morgen an. Reden wir wirklich. Also wirklich morgen. Ruf mich an“. Er redet extrem schnell und hektisch.
„OK. Und bitte, mein Essen kommt, ich hab jetzt keine Zeit“.
Ich atme auf. Die Sache ist mal vom Tisch. Ich werde in Ruhe essen können. Morgen werde ich ihm erklären, dass ich ihm sicher kein Geld borgen werde.
Der Typ ist offenkundig schwer spielsüchtig. Da wären meine Chancen, das Geld von einem Heroinabhängigen zurückzubekommen, noch größer. Außerdem hab ich den Typen nur einmal in meinem Leben gesehen. Ich sehe nicht den geringsten Grund, sein Problem zu meinem zu machen.
Oder auch nur mit ihm darüber zu diskutieren, warum nicht.
Dass er das anders sieht, ist mir klar. Wie sonst kommt man auf den Gedanken, jemanden um 500 Euro anzuschnorren, den man einmal in seinem Leben gesehen hat.
Ich führe den ersten Löffel Ribić genüsslich zum Mund.
Das Telefon läutet. Es ist Marko.
Ich lege auf.
Bis ich mein Lieblingsgericht fertiggegessen habe, wird er zwei weitere Male anrufen.
Ich überlege kurz, die Nummer zu blockieren. Dann fällt mir ein, was bei lästigen Menschen aus und in dieser Weltgegend meistens funktioniert.
Wie ich das Anrufsbombardement beende
Wenn sie wissen, du hast Freunde, kapieren sie am ehesten, dass sie dich in Ruhe lassen. Vor allem, wenn man sie an einem Ort oder zu einem Zeitpunkt erwischt, an dem sie nicht damit rechnen.
Ich rufe nach dem Essen eine gemeinsame Freundin an. Sie kellnert in dem Lokal, in dem Marko und ich uns getroffen haben.
„Arbeitest du?“
„Ja“.
„Sag, kann es sein, dass der Glatzerte vom Film bei euch im Schanigarten sitzt?“
„Ja, der ist da, der ….“
Es wird deutlich, dass diese Freundin nicht sehr viel hält von ihm. Sonst redet sie nicht so über Gäste. Ihr Eindruck von ihm wird nicht besser, als ich erzähle, was los ist.
„Kannst du ihm bitte sagen, dass er mich nicht mehr anrufen soll?“
„Ja, klar. Wahrscheinlich kapiert er’s dann“.
„Danke dir.“
Einmal noch klingelt das Telefon. Ich trinke gerade eine Rakija. Manche Leser werden es erraten haben: Es ist Marko.
Ich drücke den Anruf erneut weg.
Am nächsten Tag sehe ich auf WhatsApp, dass er die Anrufliste gelöscht hat.
Das Problem mit der Spielsucht
Ich hab keine Ahnung, wie der akute Geldbedarf genau zustande kam. Ich hoffe nur, dass ihm niemand geholfen hat, das Problem kurzfristig zu lösen. Der oder die hätte nur 500 Euro in den Wind geschossen. Da kann Marko noch so treuherzig beteuern, er werde alles in zwei Wochen oder einem Monat zurückzahlen.
Das tun solche Leute immer.
Es gibt Situationen, in denen man Menschen nicht helfen kann. Spielsucht ist so eine. Die Leute müssen selbst verstehen, dass sie ein Problem haben. Erst dann ist Hilfe möglich.
Aus meiner Erfahrung ist das bei Spielsucht schwieriger als bei Substanzabhängigkeiten. Substanzabhängigkeiten fallen irgendwann auf. Oft erst nach Jahren. Aber sie tun es. Das führt dazu, dass die Betroffenen sich irgendwann ihrem Problem stellen müssen.
Spielsucht lässt sich bis zum vollständigen finanziellen Ruin ziemlich gut kaschieren. Erst dann geht manchen Betroffenen auf, dass sie ein Problem haben. Manche machen weiter.
Und wenn sie im letzten Casino dieser Welt gesperrt sind, in irgendeinem Cafe mit einem kleinen Hinterzimmer spielt sicher irgendwer Karten. Die zehn Euro für den Mindesteinsatz kann man irgendwie zusammenkratzen.
Was Spielsucht für die Mit- und Umwelt lästiger und manchmal gefährlicher macht als alle Substanzabhängigkeiten ist, dass man unendlich viel Geld braucht, um die Symptome zu bekämpfen.
Heroin, Koks oder Meth, man kann nur eine gewisse Menge pro Tag konsumieren. Viel mehr als 200 oder 300 Euro am Tag kann man nicht verblasen. Ein Alkoholiker könnte theoretisch mehr versaufen, würde er auf exquisiten Getränken bestehen. Das machen ab einem gewissen Zeitpunkt die Wenigsten.
Im Casino kannst du ein paar tausend Euro in ein paar Minuten verspielen. Auch in Österreich, wo die Glücksspielindustrie viel stärker reglementiert ist als in vielen anderen Staaten, und vor allem im ehemaligen Jugoslawien.
Bislang hat Marko mich nicht wieder kontaktiert.
Ich hoffe, dass Marko einsieht, dass er ein Problem hat, bevor er auf der Straße landet. Ich weiß gleichzeitig, dass nicht sehr wahrscheinlich ist. Und, dass ich da nicht hineingezogen werden will. Und sei es nur mit einer Reihe ungebetener Anrufe.
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