Baustellenkran

Wen Wien verschlingt

In Wien hat ein einstürzendes Baugerüst vier Bauarbeiter erschlagen und in Beton ertränkt. Sie kommen aus Serbien und dem Kosovo. Das ist keine Überraschung.

Ein Baugerüst in einem Innenhof im neunten Wiener Gemeindebezirk stürzt ein. Seine Trümmer erschlagen vier Bauarbeiter und ertränkten sie in Beton.

Das erfahre ich gestern abend am Heimweg und denke mir zwei Dinge: Die toten Genossen und Kollegen, die sind bestimmt von unten. Und: Hoffentlich kenne ich keinen von ihnen.

Von all den Bauarbeitern, die ich kenne, kann ich mich nur an einen aktiven erinnern, der hier geboren ist. Und der ist halber Ägypter.

Und ja, einen Gerüstbauer aus dem Burgenland gibt’s noch. Aber der ist mittlerweile in Pension und war die zehn oder mehr Jahre davor vorwiegend im Konzert- und Veranstaltungsbereich tätig.

Fassadeure, Maurer, Maler, Eisenbieger, Hilfsarbeiter. Überall, wo man schwer anpacken muss, sind die Hackler aus armen Ländern.

In Wien kommen sie vorwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien. Serben, Bosnier, Kosovaren, Mazedonier.

Mein Nachbar aus der Nebenwohnung. Der Beni, der seit einem Arbeitsunfall vor ein paar Jahren nicht mehr laufen kann. Der Igor, der auch vor ein paar Jahren einen Arbeitsunfall hatte, von dem er sich glücklicherweise gut erholt hat. Der Mirko, der tragischerweise nicht mehr unter uns weilt. Der Rile. Der Mujo. Der Sabo. Der Miloš.

Lediglich unter den „besseren“ Baustellentätigkeiten findet man noch eine nennenswerte Zahl hier Geborener, selbst, wenn man die zweite Generation mitrechnet. Installateure, Elektriker, Fliesenleger. Vielleicht noch Kran- und Baggerfahrer.

Es sind die Jugos, die das neue Wien bauen. Und oft genug von ihm verschluckt werden. Siehe diese Geschichte aus dem Archiv.

Die vier toten Kollegen, das sind die jüngsten und tragischsten Opfer.

Ja, auf den Baustellen hierzulande geht es meist sehr sicher zu.

Das ist vor allem der Gewerkschaft Bau Holz zu verdanken. Die hat das über Jahrzehnte durchgesetzt.

Zu recht ist es auch der Vorsitzende Beppo Muchitsch, der nach diesem furchtbaren Unfall ordentliche Ermittlungen fordert.

Man könnte überlegen, ob wir nicht für die toten Kollegen auf die Straßen gehen sollten, wie sie das in Serbien nach der Katastrophe von Novi Sad tun, und wie sie’s in Sarajevo nach der entgleisten Straßenbahn tun, die Erdoan Morankić getötet und Ella Jovanović schwer verletzt hat.

Es spricht für diese Gesellschaft, dass aktuell auch die Gewerkschaft den zuständigen Behörden vertraut, dass sie schnell und sauber ermitteln, und dass die Verantwortlichen vor Gericht stehen werden.

Sofern es Verantwortliche gibt.

Manchmal verketten sich Ereignisse sehr unglücklich. Es passieren Katastrophen, für die niemand etwas kann.

Was passiert ist, werden Polizei, Staatsanwaltschaft und Sachverständige herausfinden.

Das unterscheidet diesen Staat von Serbien, Bosnien, oder im Prinzip jedem anderen Nachfolgestaat Jugoslawiens. Die Menschen können den Behörden vertrauen, und sie wissen es.

Das ist ein schwacher Trost. In diesem Kommentar soll das nur ein Nebenthema sein.

Die Realität ist auch ohne tödliche Unfälle trist genug

Es ist nicht nur Realität, dass die meisten Bauarbeiter in Wien von woanders herkommen.

Es ist auch Realität, dass am Bau in vielen Bereichen, sagen wir mal, raue Sitten herrschen. Dass nicht immer nach Papieren gefragt wird. Dass man vergisst, Arbeiter bei der Sozialversicherung anzumelden oder Sozialversicherungsbeiträge für sie zu zahlen.

Wenn man bei Gewerkschaft und Arbeiterkammer nachfragt, ist verlässlich der Bau eine der Branchen, aus denen die meisten Klagen kommen. Die zweite ist die Gastronomie.

Als Faustregel kann man sagen: Wer bei einer großen Baufirma arbeitet, muss sich keine Sorgen machen.

Bei den Kleinen gibt es nicht wenige, die Arbeitsrecht, Sozialversicherung oder Steuerpflichten nicht ganz so ernstnehmen. Die sind trotz Generalunternehmerhaftung nicht selten auch Subunternehmer für die Großen.

Nicht selten gehören diese kleinen Firmen mittlerweile selbst Leuten, die von woanders herkommen – und die sich darauf spezialisiert haben, ihre Landsleute oder ehemaligen Landsleute auszubeuten.

Siehe diesen Artikel aus dem Archiv.

Das heißt nicht, dass jede kleine Baufirma schwarz arbeiten lässt, oder jeder kleine Bauunternehmer aus Serbien, Bosnien etc. Bauarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien ausbeutet.

Nur, dass dergleichen oft genug vorkommt.

Ein strukturelles Problem, das kaum jemanden interessiert

Viele Opfer nehmen dieses strukturelle Problem als naturgegeben hin. Praktisch interessiert es nur Gewerkschaften, Arbeiterkammern und ab und zu mal die Finanzpolizei.

Im öffentlichen Bewusstsein spielt das keine Rolle. Die Opfer sind ja meist nicht hier geboren worden.

Auch die ökonomisch besser gestellten Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien interessieren sich in der Regel nicht, wie es ihren Landsleuten auf der Baustelle geht.

Die Bauštelaci, mit denen wollen sie meistens nicht zu tun haben. Gar nicht wenige schämen sich ihrer sogar. Sie leben in parallelen Welten.

Klasse schlägt Nation.

In dieser Erkenntnis steckte in gewisser Weise auch etwas Tröstliches und Hoffnungsvolles. Würde sie nur von allen geteilt werden.

Die Arbeitnehmer würden sich in Massen in Gewerkschaften organisieren. Die Rechtsradikalen, sie wären Geschichte. Hier und im ehemaligen Jugoslawien.

Das hilft nur den vier toten Kollegen nichts.

Und nicht dem fünften, um dessen Leben die Ärzte weiter kämpfen.

Mit dieser Schilderung will ich keineswegs in den Raum stellen, dass die Baufirma, deren Gerüst eingestürzt ist, ihre Arbeiter ausbeutet. Auch nicht, dass die Firma Sicherheitsvorschriften lax ausgelegt hat.

Diese Schilderung soll nur daran erinnern, wer das neue Wien baut. Und wen das neue Wien verschlingt.

Die vier toten Kollegen sind das traurigste Beispiel.

Dass sie das neue Wien, das sie bauen, verschlingt, dazu braucht es für viele Bauarbeiter noch nicht mal Ausbeutung oder tragische Unfälle, ob aus Fahrlässigkeit oder nicht.

Zum verschlungen werden gehört vor allem, dass Jahrzehnte am Bau den Körper verschleißen wie in nur wenigen anderen Branchen.

Mit Mitte 50 bist du meistens kaputt. Rücken, Hände tun weg. Schwer heben geht nicht mehr, oder dicke Drähte biegen oder aufs Dach steigen.

Trotzdem schickt die Pensionsversicherung die Leute arbeiten bis 65, so lange sie irgendwelche Ausreden findet.

Selbst mit 65 stehen die Meisten mit einer mickrigen Pension da. Typisches Migrantenschicksal.

Die ersten Arbeitsjahre in der Heimat – dafür kriegen sie einen Bettel. Hier fehlen ihnen oft zehn Jahre, manchmal fünfzehn, um eine volle Pension zu kriegen.

Körper kaputt und Altersarmut, oder ganz knapp darüber.

Das sind Zustände, gegen die es sich lohnen würde, auf die Straße zu gehen.

So unterstützt ihr meine Arbeit

Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.

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