Kaum ein neues Theaterstück hat in der jüngeren Vergangenheit so für Aufsehen gesorgt wie Feđa Štukans „Blank“, das auf seiner gleichnamigen Autobiografie basiert. Balkan Stories hat mit dem Schauspieler und Autor über sein Werk gesprochen, wie er sich für ein besseres Leben für die Menschen nicht nur in Bosnien einsetzt, und was die Theaterversion seines Buchs für ihn geändert hat.
Das Treffen zwischen Feđa Štukan und mir beginnt mit einem Missverständnis.
„Um drei beim Theater?“ hatte ich per WhatApp vorgeschlagen. Für mich war klar: Das ist das Kamerni Teater 55 auf der Maršala Tita 56 in Sarajevo. Das ist Feđas Theater als Schauspieler.

Hier wird auch sein Stück Blank aufgeführt.
Für Feđa ist klar: Ich werde das Nationaltheater meinen. Wenn jemand Theater sagt in Sarajevo, meint er meistens diese Bühne. Außerdem bin ich nicht von hier. Wie viele Theater werde ich wohl sonst meinen können?
„In bin da“, schreibt mir Feđa, als ich ihn im Aufgang des Kamerni Teatar suche.
Dass Missverständnis klärt sich auf. Es liegen nur drei oder vier Minuten Gehzeit zwischen diesen beiden wohl wichtigsten Bühnen Bosniens. Dazwischen liegt nebenbei das Jugendtheater Sarajevos.
Feđa hat das Motorrad neben dem Nationaltheater geparkt. Die BMW-Maschine hat er neu gekauft. Sie ist auch ganz auf seine Autobiografie Blank gebrandet, und auf das Theaterstück, das vor kurzem seine umjubelte Premiere gefeiert hat.



Das geht es um viel mehr als Marketing. Blank, das ist Feđas Leben. Es ist sein altes Leben, von dem er stolz ist, dass er es überwunden hat. Und das Buch hat seit seinem Erscheinen sein Leben geändert – und das vieler Menschen, die es gelesen haben.
Um das zu verstehen, muss man etwas ausholen.
Eine schonungslose Lebensbeichte
In Blank schildert der 1974 in Sarajevo geborene Schauspieler seine wilde Jugend, und vor allem seine Erlebnisse im Bosnien-Krieg. Wie er Mitglied einer Eliteeinheit wurde, wie ausländisch finanzierte islamistische Extremisten versuchten, seine Einheit ideologisch zu beeinflussen.
Schildert sein Abgleiten in die Drogensucht, seinen Absturz in Deutschland, wo er im Krieg einen Neuanfang machen wollte. Wie er sich mit einer unsauberen Spritze Hepatitis zuzog, den Tod seiner damaligen Freundin, die Rückkehr, die Sarajevoer Drogenszene. Und, wie er vom Heroin und vom Alkohol loskam.
Schildert, wie er und viele andere im Nachkriegsbosnien gegen den religiös-nationalistischen Konsens aller drei Hauptseiten anrannten. Sich mit verbohrten Katholiken, Orthodoxen, Muslimen anlegten. Für alle drei zum Feindbild wurden.
Wie er und viele andere selbstorganisiert Menschen aus schwierigen Situationen halfen.
Wie er mit all dem im Hintergrund zum wohl international bekanntesten bosnischen Schauspieler wurde. Oder zumindest zum international bekanntesten Schauspieler mit bosnischem Pass.
Vielleicht ist Sergej Trifunović international noch bekannter. Er ist aus Mostar. Nur, Sergej hat einen serbischen Pass.
Blank ist im gesamten ehemaligen Jugoslawien ein Beststeller.
Die kaputte, zerrissene Gesellschaft, die Pfaffen, die die korrupten Nationalisten an die Macht bringen, das permanente Angstmachen, den Wunsch, diesem Alltag zu entfliehen, man kennt das nur zu gut.
Nur, kaum jemand spricht es so ungeschönt aus wie Feđa.
(Eine ausführliche Rezension könnt ihr bei Lelas World von Mirella Sidro lesen.)
Zur Veröffentlichung überredet
Am meisten versteht man das Buch wenig überraschend in Sarajevo.
Hier laufen tausende Menschen herum wie Feđa, bevor er die Kurve kratzte. Mit unbehandeltem PTSD aus dem Krieg, das sie mit diversen Substanzen selbst therapieren wollen. Die Kulturszene ist voll davon.
Vorherzusehen war der Erfolg nicht, sagt Feđa: „So etwas kann man nicht planen“.
Eigentlich wollte er es nie veröffentlichen: „Ich hab das Buch ursprünglich mit dem Hintergedanken geschrieben, einen Film daraus zu machen. Ich wollte ein kurzes Expose schreiben, um es vorzustellen. Dann wurde immer mehr daraus, und ich habe es ein paar Jahre zur Seite gelegt. Ein Freund von mir, der Direktor der Philharmonie in Sarajevo, hat mich dann überzeugt, es zu veröffentlichen. Wenn er mich nicht überredet hätte, hätte ich es nie veröffentlicht. Da stehen sehr persönliche Dinge drin, von denen ich eigentlich nicht wollte, dass sie jemand anderer liest“.

Der Schritt zu einer Bühnenfassung war ein kurzer. Vor allem, nachdem sich das Buch derartig gut verkauft hatte. Gleichwohl, einfach war es nicht.
Bei der Adaption musste Feđa viel verdichten, Szenen rauswerfen, kombinieren.
„Es wäre unmöglich, alles, was im Buch passiert, auf der Bühne zu erzählen. Das wäre zu viel Information. Aber wir haben ganz gezielt Elemente gemischt. Es gibt Szenen, da geht es im Dialog um ein Kapitel im Buch, und die Musik erzählt eine andere Geschichte aus einem anderen Kapitel. So konnten wir viel bewahren.“
Eine für ihn wichtige Szene aus dem Buch war auf der Bühne nicht umsetzbar. „Der Tod meiner Freundin. Ich wollte das Publikum nicht mit der Traurigkeit dieser Szene foltern.“ Auch das wurde im Soundtrack abgefangen.
Bühnenmusik für Blank ist preisgekrönt
Die Musik ist bei Blank ein vollwertiges Mitglied des Ensembles. Diesen großen Wurf hatten Feđa und Regisseur Kokan Mladenović von Beginn an im Kopf. Ursprünglich hätte Darko Rundek den Soundtrack schreiben sollen. „Aber jetzt ist er vor allem sozialer und politischer Aktivist, er hatte leider keine Zeit dafür. Dann haben wir ein paar große Bands aus Jugoslawien angesprochen. Die waren begeistert, sie haben das Buch gemocht.“
Feđa wollte einen Song beisteuern. Seit der Mittelschule ist er Musiker. Bis vor wenigen Jahren hatte er eine Band. „Ich hab gesagt: Lasst mich einen Song komponieren, sehen wir, wie das funktioniert. Wenn es euch nicht gefällt, können wir ja immer noch zu Plan A zurückkehren“.
Feđa schrieb den ersten Song. Das Ensemble und der Regisseur liebten ihn. Feđa schrieb einen zweiten. „Kokan meinte dann: Mach die ganze Musik. Du kennst die Geschichte, die Atmosphäre, du weißt am besten, was notwendig ist.“
Feđa mietete sich ein Haus in Kroatien, zog sich dorthin mit einem Studio zurück und arbeitete. Drei, vier Komponiersessions, zehn Tage am Stück.
Er spielte so viele Instrumente bei den Aufnahmen der Songs für Blank wie möglich. „Und wenn ich nicht wusste, wie ich etwas spielen sollte, was ich in meinem Kopf hatte, habe ich meine Freunde angerufen und sie gefragt, dass sie mir das zeigen. Ich bin zum Beispiel kein guter Drummer, und ich wollte, dass es besser klingt als das, was ich im Computer programmiert habe. Also hab ich Alessandro Elena angerufen, der Drummer für Bruce Dickinson war, und er war Drummer für alle Songs, bis auf einen.“
Außer Alessandro sprangen andere regionale und internationale Stars bei einzelnen Parts ein. Das gibt dem Soundtrack von Blank eine eigenständige Note. Das Album ist mittlerweile selbst zu einem Bestseller geworden. Und hat Theaterpreise bekommen.

Feđa und ich sitzen während unseres Interviews vor dem Cafe Opera, gegenüber dem Nationaltheater.
Eine Bosnierin kommt mit ihrem US-amerikanischen Freund vorbei, erkennt Feđa, grüßt ihn freudig. Zu ihrem Freund sagt sie: „Schau, das ist Feđa, von dem ich dir erzählt habe. Der Schauspieler und Buchautor“.
„Ah, du bist das“, sagt der Freund und kramt in seiner Tasche. „Da schau, ich lese das Buch gerade. Es ist wirklich großartig. Darf ich dich um ein Autogramm bitten“.
„Für wen soll ich schreiben?“, fragt Feđa. „Für Daryll, bitte. Super, danke“.

Warum Blank in Serbien aufgeführt werden sollte
Blank ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. Unter anderem Englisch, Albanisch, Tschechisch, Chinesisch, Russisch. Eine deutsche Übersetzung ist in Arbeit.
Auch das Theaterstück ist auf Reisen gegangen. War in Brioni zu sehen, in Montenegro. Nur in Serbien war es bislang nicht zu sehen.
Feđa, dessen Rolle sonst Davor Golubović spielt, hat im Stück zwei kurze Auftritte. Das macht in Serbien Probleme bei der Aufführung: Feđa hat vor zwei Jahren Einreiseverbot in Serbien bekommen – unter sehr fragwürdigen Umständen.
Balkan Stories berichtete damals exklusiv auf Deutsch.
Bis es aufgehoben ist, kann das Stück in Serbien nicht aufgeführt werden.
Dabei wäre es dort besonders wichtig, dass sich die Menschen damit auseinandersetzen, sagt Feđa. Er nimmt in Buch und Theaterstück die nationalistische Kriegspropaganda aller Parteien im Bosnienkrieg auseinander, thematisiert, wie junge Männer gegeneinander aufgehetzt wurden, zu Kriegsverbrechen angestachelt.
Das sind Themen, die in Serbien genauso dringend angesprochen werden müssen wie in Bosnien.
Auch ein Publikum hätte das Stück dort: In Serbien ist es genauso Beststeller wie in den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Das lässt volle Theatersäle wahrscheinlich erscheinen. „Ich denke, die meisten Zuseher haben das Buch gelesen“, sagt Feđa. „Ein paar Zuseher haben mir erzählt, das Stück ist sogar kraftvoller als das Buch“.
„Lasst die Finger von harten Drogen und von Nationalismus“
Was sind seine wichtigsten Botschaften?
„Lass die Finger von harten Drogen. Die können dich töten. Und lass die Finger von Nationalismus. Ich möchte nicht Religion sagen, aber hier ist Nationalismus total mit Religion verwoben, und Religion verbreitet hier den Nationalismus. Das kann man hier nicht voneinander trennen. Ich kenne hier keinen Atheisten, der Nationalist ist, aber jeder Nationalist hier ist religiös.“
Eine Botschaft, die Feđa auch ohne Buch jeden Tag verbreitet. Bei den jüngsten Protesten nach einem tödlichen Straßenbahnunfall in Sarajevo etwa war er einer der ersten prominenten Unterstützer. Und sorgte mit seinem T-Shirt für Aufsehen. „Smrt fašizmu, sloboda narodu!“ stand drauf. „Tod dem Faschismus. Freiheit dem Volk“. Die Parole von Titos Partisanen und der Volksbefreiungsbewegung in Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg.
Der Kampf für ein menschenwürdiges Leben im ehemaligen Jugoslawien ist immer und überall ein Kampf gegen den Sumpf des Nationalismus, dessen Blüten die Korruption gedeihen lassen. Die Korruption, die Kinder tötet. In Novi Sad. In Cetinje. In Donja Jablanica. In Banja Luka. In Sarajevo.
„Du kannst nicht nur das Kind lieben, das den richtigen Namen hat, und der Tod aller anderen Kinder lässt dich gleichgültig. Sowas macht nur ein Arschloch, das sich für einen guten Menschen hält“, bringt es Feđa auf den Punkt.
Bei all den Widrigkeiten dieses Kampfes solle man nicht pessimistisch werden, sagt er. Für Feđa etwa war die Geburt seiner Tochter der wunderbarste Moment im Leben. Einer, der ihm etwas gegeben hat, wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt.
Er hoffe, dass jede und jeder solche schönen Moment erlebe und entdecke, sagt Feđa. Und unterstreicht diese Hoffnung mit einem Slogan auf der Rückseite seines T-Shirts. „Život je divan“. Das Leben ist wunderbar.

Manchmal dauert es nur länger, bis man das entdeckt hat.
Bestellen könnt ihr Blank in englischer Übersetzung wie im Original hier. Zum Verkaufspreis von 30 KM (15 Euro) kommen allfällige Lieferkosten und Zollgebühren.
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