Lice Nove Srbije

Nadija und Sava zeigen, wie tiefgreifend die Studentenproteste Serbien verändert haben. Balkan Stories berichtet exklusiv, wie es dazu kam, dass sie das Gesicht eines Neuen Serbien wurden.

Irgendwo kurz vor Novi Sad, kurz vor ihrer Ankunft, treffen sich die zwei Studentengruppen, in denen Nadija aus Novi Pazar und Sava zu Fuß in die Hauptstadt der Vojvodina marschieren.

Zum ersten Mal seit der Großdemonstration in Kraljevo im April sehen sich die zwei wieder. Nadija, die angehende Architektin aus Novi Pazar, und Sava, der angehende Physiotherapeut aus Ćuprija.

Aus einer anderen Perspektive und in etwas besseren Qualität könnt ihr ein Video auch auf Threads sehen.

Es ist etwas länger. Aus meiner Sicht transportiert es die Tiefe der Emotionen besser als es das andere Video tut.

Nadija und Sava sind zu einem Symbol der Studentenproteste in Serbien geworden. Und für eine neue Gesellschaft, die aus diesen Protesten entstanden ist.

Das alles geht auf Foto zurück, das Fotograf Irfan Ličina von ihnen in Kraljevo gemacht hat. Er kannte Sava von der Demo in seiner Heimatstadt Novi Pazar ein paar Tage davor.

„Die zwei sind sich auf dem Hauptplatz von Kraljevo über den Weg gelaufen“, schildert Irfan gegenüber Balkan Stories. Die zwei begannen zu reden, und Irfan sprach sie an, ob sie sich für ein Foto aufstellen würden.

„Ich hatte sofort im Kopf: Das Bild könnte einen starken Eindruck hinterlassen. Ein Symbol der Einheit zweier Völker, die Politik und die Umstände versucht haben, auseinanderzudividieren“.

Foto: Irfan Ličina

Es ist einer der seltenen Momente, in denen ein inszeniertes Foto so authentisch ist wie ein Reportagefoto.

Viele Ebenen, viele Geschichten, viele Emotionen

Wie wirkmächtig Irfans Foto ist, zeigt man an der Berichterstattung über das Wiedersehen der beiden auf dem Fußmarsch nach Novi Sad.

(Siehe etwa hier, hier und hier.)

Im Bild und im Video kommen viele Ebenen zusammen. Historische, religiöse, politische. Stereotypen ebenso wie das bewusste Spiel mit ihnen. Das Aufeinanderprallen zweier Welten, die viele bis vor kurzem als entgegengesetzt empfanden, und wie aus diesem Aufeinanderprallen etwas Neues entsteht.

Und etwas Schönes, wie es die Emotionen der beiden beim Wiedersehen sind.

Der Sandžak als Heimat der religiösen Muslime, für den Nadijas Hidžab steht, und das traditionelle, orthodoxe Serbien, wie es Savas Šajkača symbolisiert. Zwei Welten, die für die meisten bis vor wenigen Monaten irgendwie parallel existierten, aber gegensätzlicher kaum scheinen konnten.

Die Sandžaklije waren in den Augen vieler geduldeten Minderheit, bestenfalls. Wenn sie sich für etwas einsetzten, so das Stereotyp, dann für eigene Sonderrechte. Aber doch nicht fürs ganze Land.

Diese Meinung haben die Studentenproteste als Vorurteil entlarvt. Die Studenten aus Novi Pazar kämpfen wie alle anderen für ein besseres, ein rechtsstaatliches und ein demokratisches Serbien.

Die anderen Studenten sehen sie nicht mehr als Gruppe, die man irgendwie mitschleppt. Sie sind Kollegen wie alle anderen. Serben wie alle anderen.

Die meisten, die die Studentenproteste unterstützen, sehen das mittlerweile genauso.

Was in der Berichterstattung leider unterging

Dass es praktisch alle Medienberichte auf die Formulierung Hidžab und Šajkača reduzieren, ist stereotypisch und unglücklich gewählt – aber nicht völlig falsch.

Die Berichterstattung übersieht Ebenen, die sowohl in Irfans Foto wie in den neuen Videos deutlich werden.

Nadija und Sava spielen mit den Symbolen.

Bei Sava ist es etwas offensichtlicher. Seine Šajkača ist eine Štrajkača. Das steht auch so auf dem Button.

Die traditionelle serbische Kappe wird oft nationalistisch vereinnahmt. Die Studentenbewegung hat aus sie mit dem Button Štrajkača zu einem revolutionären Symbol umgedeutet.

Nadija trägt ihren Hidžab unironisch. Gleichzeitig zeigt sie mit ihrem Verhalten Sava gegenüber, dass sie mehr ist als ihre Religion. Sie ist eine stolze und selbstbewusste Kämpferin für ein besseres Serbien.

Ein zweiter Umstand geht mit der Formulierung Hidžab und Šajkača unter: Die Zuneigung und die Fürsorge, die diese zwei jungen Menschen offensichtlich füreinander empfinden.

Kurz: Das ist Liebe.

Es ist naheliegend, ihre Liebe füreinander romantisch zu deuten. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Es ist letztendlich egal.

Man wünscht sich, dass Nadija und Sava füreinander sein können, was sie sich in diesen Momenten gewünscht haben.

Dass das nicht allen gefällt, ist klar. Ein Novi Pazarer Islamgelehrter namens Elvedin Pezić etwa bekundete öffentlich, dass Nadijas Verhalten haram sei. Die religiösen gebote stünden über den Gefühlen.

Sicher sagt auch irgendein Četnik, dass Sava ein Verräter am eigenen Volk sei oder irgendsoeinen Mist.

Beide stehen für das alte Serbien.

Nadija und Sava, sie sind das neue Serbien, das die Studentenproteste hervorgebracht haben. Ein schöneres, ein besseres Serbien als das, aus dem heraus sie das erste Mal auf Protestmärsche aufgebrochen sind.

Dafür haben auch die beiden gesorgt.

Es gibt auch noch etwas nicht ganz Unbedeutendes, was in all den Medien keinen Platz zu haben scheint, die über die Bilder schreiben: Wer die zwei eigentlich sind.

Balkan Stories ist die erste Seite, die sich mit den beiden und mit der Entstehungsgeschichte des Originalfotos auseinandersetzt.

Zu sehr waren haben regionale Medien wohl gehofft, dass Foto und Video selbsterklären wären. Das wird weder Nadija noch Sava gerecht, noch Fotograf Irfan Ličina und seiner Botschaft.

„Es ist eine Ehre, ein Foto zu machen, das im Gedächtnis der Menschen bleiben wird“

Unabhängig davon zeigt sich Irfan stolz und erfreut, dass sein Foto diese Bedeutung gewonnen hat: „In einer Welt, in der gute Fotografie immer weniger geschätzt wird, ist es eine große Ehre, ein Foto zu machen, das im Gedächtnis der Menschen bleiben wird“, sagt er gegenüber Balkan Stories. „Ich glaube, dieses Foto hat das erreicht.“

Das Video jetzt gebe dem Bild noch zusätzliche Bedeutung. „Mir tut’s nur leid, dass ich nicht dabei war. Das war ein Moment, in dem sich der Kreis der Geschichte rund um dieses Foto geschlossen hätte, und um die Geschichte, die ich erzählen wollte.“

Bleibt zu hoffen, dass Irfan die Gelegenheit erhält, Nadija und Sava ausführlicher und unter etwas ruhigeren Umständen zu portraitieren. Und ihre Geschichte und die des Traums von einem neuen Serbien weiterzuerzählen.

Titelfoto: Irfan Ličina

Mitarbeit: Selma Slezović Mehović

Eine ausführliche Analyse, wie sehr die Studentenproteste die Wahrnehmung der Sandžaklije verändert haben, könnt ihr hier lesen.

Und im Archiv von Balkan Stories findet ihr mehr über die Hintergründe der laufenden Massenproteste in Serbien.

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