Die Ergebnisse der Volkszählung in Montenegro bergen einige Überraschungen. Eine ist, dass die Bevölkerung des Landes gewachsen ist – gegen den regionalen Trend. Andere Details zeugen eher von politischen Fehlentscheidungen.
633.158 Menschen lebten 2023 in Montenegro. Das sind um 13.000 oder um etwas mehr als zwei Prozent mehr als bei der vorigen Volkszählung 2011.
Und das in einer Region, deren Bevölkerung so schnell schrumpft wie nirgends auf der Welt. Seit dem blutigen Zerfall Jugoslawiens sind mehr als zwei Millionen Menschen aus seinen Nachfolgestaaten ausgewandert.
Bosnien hat seit dem Krieg in den 1990-ern ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Das kleine Bevölkerungswachstum in Montenegro ist vor diesem Hintergrund ein Intermezzo – aber immerhin eine Überraschung, vielleicht sogar eine kleine Sensation.
Das kleine Plus bei der Zahl der Einwohner ist teilweise darauf zurückzuführen, dass Montenegro aus verschiedenen Gründen beliebtes Einwanderungsziel für Russen und Ukrainer bleibt. Das alleine reicht freilich nicht als Erklärung: Zusammen machen diese Gruppen knapp unter 17.000 Einwohner aus.
Ein genauerer Blick in die Statistik zeigt auch, dass Inlands-Montenegro mit wenigen Ausnahmen unter Bevölkerungsabwanderung leidet und sich das Wachstum vorwiegend auf die Fremdenverkehrsstädte entlang der Adria-Küste konzentriert.
Plužine etwa hat innerhalb eines Jahrzehnts fast ein Drittel seiner Einwohner verloren. Šavnik fast ein Viertel, Nikšić immerhin acht Prozent.
Im gleichen Zeitraum wuchs die Bevölkerung von Budva um 13.000 Menschen – so viel wie Montenegro insgesamt. Auf Budva bezogen ist das ein Bevölkerungswachstum von beinahe 40 Prozent.
Die Schattenseiten des Tourismus
In der noblen Küstenstadt zeigen sich auch die Schattenseiten der montenegrinischen Bevölkerungspolitik. Entlang der Küste wurde Wohnblock um Wohnblock aus dem Boden gestampft. Ohne Rücksicht auf Natur und Infrastruktur. Die Stadt hat heute um fast 11.000 Wohneinheiten mehr als 2011 – das sind um 44 Prozent mehr Wohnungen.
Stärker war der Bauboom nur in Tivat und Ulcinj – beides sehr touristische Gemeinden. Dort stieg die Zahl der Wohneinheiten innerhalb eines Jahrzehnts um fast 60 Prozent.
Auch Podgorica platzt mit knapp 40 Prozent mehr Wohnungen langsam aus den Nähten.

Knapp 400.000 Wohnungen hat Montenegro laut der Volkszählung von 2023 mittlerweile – das macht im Schnitt knapp 1,6 Einwohner pro Wohnung. Das Zahlenverhältnis, und die Tatsache, dass die meisten der fast 100.000 neuen Wohnungen auf vier Städte konzentriert sind, legt nahe, dass viele der Wohnungen eher Ferienwohungen bzw. Apartments sein dürften.
Unterstützt wird diese These von der Tatsache, dass es in ganz Montenegro nur 217.000 Haushalte gibt.
Anders ausgedrückt: Der wachsende Tourismus wurde innerhalb eines Jahrzehnts in Beton gegossen. Das mag gut für die Wirtschaft sein. Für Umwelt und öffentliche Infrastruktur gilt das nicht.
Mehr Menschen bezeichnen ihre Umgangssprache als Serbisch als als Montenegrinisch
Für politische Diskussionen und die eine oder andere Überraschung sorgen die Detailergebnisse zu ethnischer Zugehörigkeit und Umgangssprache.
Knapp 260.000 Montenegriner bezeichneten sich in der Volkszählung als ethnische Montenegriner. Das sind 42 Prozent der Bevölkerung.
Als ethnische Serben sehen sich etwas mehr als 205.000 Montenegriner. Das sind 32 Prozent und um etwas mehr als vier Prozent mehr als 2011.
In einzelnen kleineren Gemeinden drehten sich die ethnischen Mehrheitsverhältnisse sogar um. In Žabljak, der höchstgelegenen Stadt des Landes, bezeichnen sich heute 1.548 Einwohner als ethnische Serben. 2011 waren es 1.474.
Als Montenegriner sehen sich 1.248 Žabljaci. Beim vorangegangenen Zensus waren das 1.800.
Und das vor dem Hintergrund einer stark schrumpfenden Bevölkerung in Žabljak. Heute leben nur mehr 3.002 Menschen dort. 2011 waren es 3.569.
Die drittgrößte ethnische Minderheit in Montenegro sind Bosnjaken. Ihr gehören knapp 60.000 Menschen an.
Als Albaner bezeichnen sich knapp 31.000 Menschen.
Gut 10.000 Montenegriner gaben als Ethnizität „Muslim“ an.
Romani – getrennt in zwei Gruppen – machen gut 7.000 Menschen aus. Dahinter folgen kleinere autochthone Minderheiten wie Kroaten und immerhin etwas mehr als 1.600 Jugoslawen.
Für Außenstehende etwas überraschend sind die Antworten auf die Frage, welche Umgangssprache zu Hause gesprochen wird.
Auf diese Frage antworteten fast 270.000 Montenegriner, oder 43 Prozent der Bevölkerung: Serbisch. Auch das ist etwas mehr als in der Volkszählung von 2011.
Als Montenegrinisch bezeichnen nur 215.000 Menschen ihre Umgangssprache. Das ist nur etwas mehr als Drittel.
Anders ausgedrückt: Es gibt deutlich mehr Montenegriner, die ihre Sprache als Serbisch bezeichnen als es Montenegriner gibt, die sich als ethnische Serben sehen.
Es gibt in Montenegro auch deutlich weniger Menschen, die ihre Sprache als Bosnisch beziehungsweise als Kroatisch bezeichnen als es Mitglieder der jeweiligen Bevölkerungsgruppen gibt.
Kurios ist auch, dass die Volkszählung als Kategorien sowohl Serbokroatisch als auch Kroato-Serbisch und Jugoslawisch zuließ. Diese Antworten gaben zusammen mehr als 13.000 Menschen.
Diese Sprachbezeichnungen sind willkürlich: Wenn diese Menschen einander begegnen, hören sie einander nicht an, wie sie ihre Sprache nennen.
Um die 1.400 Menschen entzogen sich diesen mehr oder weniger willkürlichen Zuordnungen. Sie bezeichneten ihre Umgangssprache als „Maternji“ – „Muttersprache“.
Ein multiethnisches Land mit nationalistischen Diskursen
Dass die Menschen ihre Sprache eher als Serbisch bezeichnen als als Montenegrinisch, zieht sich durch das ganze Land. Ausnahmen sind lediglich Städte, wo kleinere Minderheiten die Mehrheit stellen – etwa das mehrheitlich albanische Ulcinj und das mehrheitlich bosnjakische Rožaje. Die einzigen Städte, wo das nicht zutrifft, sind Zeta und Cetinje.
Man könnte das alles als Zeichen eines multiethnischen Landes sehen, in dem Fremd- und Eigenzuordnungen nicht sonderlich wichtig sind.
Das ist es in gewisser Weise auch.
An den Reaktionen zeigt sich freilich, dass es auf politischer Ebene mehr Spannungen gibt als in der Bevölkerung.
Dass es heute nach Eigeneinschätzung mehr Serben und Serbisch-Sprecher in Montenegro gibt als 2011, ist aus Sicht von Ex-Präsident Milo Đukanović alles andere als unschuldig. Er sieht das als Resultat von Einmischungen aus Beograd. Diese Ergebnisse der Volkszählung würden Montenegro als „ersten Teil der serbischen Welt darstellen“. Die montenegrinische Nationalität solle unterhöhlt werden – als erster Schritt, um die Unabhängigkeit Montenegros zu zerstören.
Milan Knežević, einer der Sprecher der Beograd-nahen Parlamentspartei „Für die Zukunft Montenegros“, warf Đukanović eine „irrationale Angst vor dem Anstieg der serbischen Bevölkerung“ vor.
Marko Milačić, Vorsitzender der ebenfalls Beograd-nahen Parlamentspartei Prava Montenegro, sieht die Ergebnisse der Volkszählung als Beweis für die Bedeutung der serbischen Sprache im Land. Er fordert, dass das serbische Idiom neben dem montenegrinischen zur zweiten Amtssprache Montenegros erhoben werden soll.
Das geht über bloße Minderheitenpolitik hinaus. Hintergrund der erbitterten Auseinandersetzung ist das Projekt „Srpski Svet“ (Serbische Welt) des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić. Es soll serbische Minderheiten in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien enger an seiner Politik binden, und instrumentalisiert ethnische Serben von Bosnien bis Montenegro.
Regierung „alarmiert“ von hohem Durchschnittsalter
Der montenegrinische Premierminister Milojko Spajić vermied das Thema in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme. Er zeigte sich „alarmiert“ vom mit knapp 40 Jahren hohe Durchschnittsalter der Montenegriner.
Detaillierte Analysen und politische Maßnahmen würden in den nächsten Monaten folgen.
Titelfoto: Trg Republike in Podgorica
Wenn euch dieser Beitrag gefällt…
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun. Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
