Hochwasserkatastrophe von Donja Jablanica

Immer mehr Fragen um Todes-Steinbruch

Der Steinbruch, dessen Felsmassen nach heftigen Regenfällen Freitagfrüh in Donja Jablanica mindestens 17 Menschen getötet haben, wirft immer mehr Fragen auf. So dürfte er offiziell gar nicht mehr in Betrieb gewesen sein. Der Besitzer schweigt und dürfte bislang auf freiem Fuß sein.

Für Ermittler und Regierungsverantwortliche besteht längst kein Zweifel, dass es die Felsmassen aus dem Steinbruch waren, die am Freitag gegen zwei Uhr früh mindestens 16 Menschen im nordhercegovinischen Dorf Donja Jablanica getötet haben.

Der – örtlich nicht zuständige – Katastropenschutzdirektor der Republika Srpska, Boris Trninić, spricht nach einem Lokalaugenschein am Dienstag von 16 Toten.* Einsatzkräfte der RS unterstützen die Rettungsarbeiten in Donja Jablanica.

Jetzt stellt sich die Frage: Hatte der Steinbruch überhaupt eine Konzession? Und wenn nein, seit wann nicht? Und wenn nein, warum fiel der Granitabbau nur den Dorfbewohnern auf und nicht den Behörden?

Behörden bestreiten Konzession für Steinbruch

Marija Buhač, Ministerpräsidentin des Kantons Hercegovina Neretva, bestreitet in einer öffentlichen Stellungnahme, dass es eine Genehmigung für den Granitabbau 200 Meter oberhalb des seit Freitag großteils verschütteten Dorfes gibt: „Diese (die Kantonal-, Anm.) Regierung hat weder eine Konzession für diesen Steinbruch erteilt noch haben wir Aufzeichnungen über Konzessionsgebühren für diesen Steinbruch.“

Nermin Nikšić, Premierminister des bosnischen Teilstaats Federacija, sagt gegenüber Medien, sagt das in nahezu den gleichen Worten: „Es wurde nie eine Konzessionsdokumentation zur Genehmigung der Ausbeutung ausgestellt“.

Damir Šabanović, Bürgermeister von Jablanica will mit Medien nicht über den Steinbruch reden – und vor allem nicht die Frage beantworten, ob es jemals eine Inspektion durch städtische Behörden gegen habe.

Offensichtliche Widersprüche

Die Aussagen der Verantwortlichen beziehungsweise ihr Schweigen schlagen sich mit einigen Details. Wie die Plattformen Istraga.ba und Akta.ba dokumentieren, hat etwa die Eigentümerfirma, die SANI d.o.o. Jablanica, Hilfsmittel aus dem Ministerium für Energie und Minen der Federacija erhalten.

Und die Stadt Jablanica soll in den Jahren 2015 und 2016 Fahrzeuge der Firma für Zivilschutzmaßnahmen genutzt haben.

Wie Recherchen von Radio Free Europe nahelegen, wurde dem Unternehmen bei einer Inspektion im Jahr 2009 der Abbau von Gestein untersagt. Drei Jahre später wurde wegen eines Verstoßes gegen Vorschriften eine Geldstrafe von 2.500 Mark verhängt. Bei der letzten Inspektion 2021 haben die Behörden laut RFE weder Maschinen noch Arbeiter angetroffen.

Ein unwahrscheinlicher Zufall.

Bei ihrer Reportage für RFE sahen Melisa Teletović und Ermin Zatega selbst einen Bagger. Hier geht’s zum Foto. (Balkan Stories zeigt das Bild aus Copyright-Gründen nicht direkt auf dieser Seite.)

Die investigative Plattform Istraga.ba wertete zudem Satellitenbilder aus. Die zeigen nach Angaben des Portals, dass noch im August Maschinen im Steinbruch zugegen waren und wahrscheinlich Granit abbauten. Zu einem Zeitpunkt, in dem keine Behörde in Bosnien eine Konzession für den Steinbruch vergeben haben will.

Das geht auch aus dieser Reportage der kritischen Sendung Face TV hervor.

Auch aus öffentlich zugänglichen Informationen geht eindeutig hervor, dass die Firma im Vorjahr und in den Jahren davor Umsatz gemacht hat. Das könnte freilich aus anderen Aktivitäten stammen – auch wenn der Firmenname einzig und allein auf den Granitsteinbruch abstellt.

Staatsanwaltschaft ermittelt, Besitzer zumindest gegenüber Öffentlichkeit untergetaucht

Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass sie Ermittlungen aufgenommen hat. Unter anderem soll ein Sachverständigengutachten klären, ob im Steinbruch gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen wurde, und ob das verantwortlich für die Katastrophe von Donja Jablanica war.

Ob der Besitzer des Steinbruchs, Dženan Honđo, bislang einvernommen wurde, war nicht in Erfahrung zu bringen. Es gibt auch keine Nachrichten, dass er festgenommen wurde.

Die Organisation Karton Revolucija weist in einem Facebookvideo darauf hin, dass illegale Bauarbeiten und auch illegale Steinbrüche ein systemisches Problem in Bosnien sind. Das Video wurde zu Redaktionsschluss mehr als zwei Millionen Mal gesehen.

Karton Revolucija verweist auf einen ähnlichen Vorfall vor sechs Monaten im Bijela-Steinbruch bei Mostar. Im April löste sich ein Steinbruch, der die Autos von drei Wanderern in einen nahegelegenen See riss. Damals kam niemand ums Leben: Die Wanderer waren glücklicherweise nicht in ihren Fahrzeugen.

„Die Menschen in Donja Jablanica wurden nicht nur durch die Überschwemmung getötet, sondern auch durch die illegale Ausbeutung durch einen örtlichen Tycoons, der durch das kaputte System arbeiten durfte und immer noch auf freiem Fuß ist“, sagt der NGO-Gründer Adi Selman.

Was nicht nur Karton Revolucija sondern die Öffentlichkeit im gesamten ehemaligen Jugoslawien auf die Palme bringt: Mittlerweile gelöschte Fotos auf sozialen Medien zeigen Dženan Honđo bei einem offensichtlich sehr freundlichen Essen und Umtrunk mit verurteilten bzw. flüchtigen Schwerkriminellen.

Dženan Honđo, hat bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen Stellung genommen. Er ließ die Fragen zahlreicher Medien, etwa von Istraga.ba, RFE und von Balkan Stories unbeantwortet.

Titelfoto: Screenshot eines Videos von dnevnik.hr

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*In den Tagen nach Erscheinen dieses Artikels wurde die Zahl der Toten nach oben korrigiert.


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