Bosnien: Mindestens 19 Tote bei Hochwasser

Im Hochwasser in großen Teilen Zentralbosniens und der Hercegovina sind seit Donnerstag mindestens 19 Menschen ums Leben gekommen. Mehrere Städte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Die Katastrophe bringt freilich auch ein beeindruckendes Maß an Solidarität hervor.

Der Regen fiel schneller als die Menschen flüchten konnten. Und dann rutschte der Hang eines Steinbruchs über dem Dorf ab.

In Donja Jablanica in der Hercegovina starben mindestens 16 Menschen, als am Freitag gegen 2 Uhr früh nach heftigen Regenfällen die Neretva und die Neretvica über die Ufer traten, und Gesteinsmassen aus dem Steinbruch ins Tal stürzten.

Einer der Toten ist ein junger Mann, der zuvor mit seinem Vater zehn Menschen aus überfluteten Häusern gerettet hatte. Nachdem die Menschen befreit waren, rutschte er aus und wurde von den Wassermassen mitgerissen.

Ein weiterer Toter ist der Sohn von Muhamed Begović. Als sein Haus überflutet wurde, verließen Muhamed, seine Frau, sein Sohn, dessen Verlobte und die beiden Enkelkinder das Haus. Muhameds Sohn war direkt hinter seinem Vater. Eine Welle riss ihn in die Fluten, beschreibt der geschockte Vater in einem Interview mit der Boulevardzeitung Dnevni Avaz.

Mehrere Menschen wurden verletzt. Helikopter brachten sie ins Spital in Mostar. Die EUFOR unterstützte die Evakuierungsaktion mit ihrem Rettungshubschrauber.

Die Strom- und die Trinkwasserversorgung sind ausgefallen.

Die Stadt Jablanica, zu der Donja Jablanica gehört, steht zu großen Teilen unter Wasser. Hunderte Häuser sind überschwemmt, zahlreiche Menschen obdachlos. Die meisten dürften bei Freunden und Verwandten untergekommen sein, deren Häuser nicht unter Wasser standen.

Ein Erdrutsch riss auch Teile der M17 weg. Die Magistrale ist die Hauptverbindungsstraße zwischen Sarajevo und Mostar. Auch die Bahngleise, die wenige Meter über der M17 verlaufen, wurden schwer beschädigt. Jablanica ist von der Außenwelt abgeschnitten. Mostar ist aktuell von Sarajevo aus nur über Umwege erreichbar.

Straße und Eisenbahn werden auch in den nächsten Tagen gesperrt bleiben, kündigte der gesamtbosnische Sicherheitsminister Nenad Nešić am Freitag nach einem Lokalaugenschein in Jablanica an.

Im nahe gelegenen Konjic setzte die Neretva weite Teile des Dorfs Buturović Polje unter Wasser, wie dieses Video von Alen Begluk zeigt.

Mindestens drei Tote in Zentralbosnien, Helfer selbst in Lebensgefahr

In Fojinica in Zentralbosnien wurden bis Donnerstagnachmittag die Leichen von drei Ertrunkenen gefunden, bestätigt Hasan Hodžić gegenüber Medien. Er ist der Innenminister des Kantons Zentralbosniens.

Rettungskräften gelang es oft in letzter Minute, Menschen in Sicherheit zu bringen, die in überfluteten Häusern gefangen waren. Oft taten sie das unter Lebensgefahr, wie hier in Fojnica.

Nach jüngsten Informationen werden in Donja Jablanica und in Fojinica weitere Menschen vermisst.

Sieht man Videos und Bilder der bosnischen Hochwasserkatastrophe von 2024 steht zu befürchten, dass die Zahl der Toten weiter steigen könnte. Zwischen 20 und 40 Menschen sollen weiterhin vermisst werden.

Besonders stark betroffen sind auch die Städte Kiseljak, Vareš und Busovača in Zentralbosnien.

Sie sind nach Erdrutschen und Überflutungen teilweise von der Außenwelt abgeschnitten. In Kiseljak wurden am Freitag die Schulen geschlossen.

Ein Wildbach, der über die Ufer trat, schnitt das Dorf Gunjani bei Tarčin in zwei Teile. Im abgeschnittenen Teil sind nach Medienangaben mehrere Menschen, die sich nicht befreien können. Das Wasser überschwemmte mehrere Häuser und Straßen.

Der Straßenverkehr in diesen Teilen Bosniens ist teils zum Erliegen gekommen, berichtet der Autofahrerklub Bosniens.

Beeindruckende Solidarität

Gleichzeitig bringt die Hochwasserkatastrophe ein beeindruckendes Ausmaß an Solidarität hervor.

Bosniens größte Hilfsorganisation Pomozi BA richtete am Freitag unter der Nummer 17039 eine Spendenhotline für die Opfer des Hochwassers ein. Wer dort anruft, spendet automatisch zwei Mark. Bis zum späten Freitagnachmittag gingen mehr als 170.000 Mark auf dem Spendenkonto ein.

Das heißt, dass sich in nicht einmal 24 Stunden mehr als zwei Prozent der bosnischen Bevölkerung an der Spendenaktion beteiligten.

Auch online dürften zahlreiche Spenden eingegangen sein. Die Seite von Pomozi war am Freitagabend teilweise nur schwer erreichbar.

Die Stadtregierung von Sarajevo stellte in einer Sondersitzung am Freitag 100.000 Mark Soforthilfe für die Hochwasseropfer bereit. Laut Bürgermeisterin Benjamina Karić sollen sie vor allem den Menschen in Jablanica zugute kommen: „Unsere Herzen und Gedanken sind bei den Menschen, die ihre Angehörigen und ihre Familien verloren haben, und jetzt ist es unsere Pflicht, ihnen zu helfen, sich so schnell wie möglich zu erholen“.

Die BH Telekom spendet den Hochwasseropfern 1,5 Millionen Mark. „Eine schreckliche Naturkatastrophe hat einen Teil von Bosnien und Herzegowina heimgesucht, und jetzt müssen wir dringend handeln“, sagt Generaldirektor Amel Kovačević.

Milorad Dodik, Präsident des serbisch dominierte bosnischen Teilstaats Republika Srpska, kündigt an, dass die RS 50.000 Mark an Soforthilfe für die Opfer der Katastrophe bereitstellen würde. Ein bemerkenswerter Schritt: Die am schlimmsten betroffenen Gebiete wie Jablanica oder Kiseljak liegen alle im zweiten bosnischen Teilstaat, der bosnjakisch-katholisch dominierten Federacija.

Mindestens genauso bemerkenswert der Hilfsaufruf der Ultras-Fanclubs von Bosniens drei größten Fußballvereinen, Željezničar Sarajevo, FK Sarajevo und Velež Mostar. Die Maniacs, Horda Zla, Robijaši, Zrinjski Mostar und die Red Army kündigten an, sie würden sich allen Rettungskräften zur Verfügung stellen und riefen auf, Blut zu spenden, und wenn möglich Geld für die Hilfsaktion von Pomozi BA zu spenden.

Vor allem die Maniacs und Horda Zla und Red Army und Zrinjski Mostar gelten als miteinander verfeindet.

Die BH Fanaticos, ein Fanclub des leidgeprüften bosnischen Nationalteams, versteigern einen Dress von Edin Džeko aus dem Match Bosnien – Montenegro im Jahr 2022 zugunsten der Hochwasseropfer. Freitagabend lag das Höchstgebot bei 3.000 Euro.

Das Abschleppunternehmen GONGO in Zentralbosnien wird Autos aus der Region zwischen Fojnica, Kiseljak und Busovača kostenlos abtransportieren, sobald sich die Situation beruhigt hat, kündigte Eigentümer Jasmin Osman am Freitag an. Jeder tut, was er kann.

Für landesweites Aufsehen sorgte am Freitag Edin Brkić aus Kiseljak. Er rettete eine Katze aus den Fluten in seiner Heimatstadt.

Hilfe aus Kroatien, Serbien und den USA angekündigt

Der kroatische Präsident Zoran Milanović kündigte am Freitag umfassende Hilfe für die Opfer der Hochwasserkatastrophe im Nachbarland an und drückte sein Beileid für die Toten der Überschwemmungen aus.

Auch Serbiens Präsident Aleksandar Vučić sagte am Freitag zu, dass die serbische Regierung Einsatzkräfte und Hilfsmaterial nach Jablanica und andere betroffene Städte schicken würde.

Hilfszusagen kamen auch von der UN und den USA.

Einen aktuellen Überblick über die Lage bietet der Live-Ticker von Radio Sarajevo.

Titelfoto: Soziale Medien

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