Erneut erschüttert eine Schießerei an einer Schule die Öffentlichkeit im gesamten ehemaligen Jugoslawien. Am Mittwoch erschoss der Schulwart eines Gymnasiums in Sanski Most in Bosnien den Direktor, eine Sekretärin und eine Englischlehrerin. Es stellt sich die Frage, wie er an die Waffe kam.
Eine Blumenvase stand am Donnerstagmorgen vor dem Gymnasium der bosnischen Kleinstadt Sanski Most. Bewohner, Schüler, Eltern stehen unter Schock.
Und nicht nur sie. Im gesamten ehemaligen Jugoslawien trauert man um den Direktor, die Sekretärin und die Englischlehrerin, die am Mittwoch bei einer Personalkonferenz im Turnsaal der Schule ermordet worden waren.
Laut zahlreichen Zeugenaussagen stürmte der Schulwart mit einem automatischen Gewehr in die Konferenz und erschoss die drei.
Sie dürften einer Disziplinarkommission angehört haben, die ihn suspendiert hatte. Er soll des öfteren der Arbeit unentschuldigt ferngeblieben sein beziehungsweise nicht gearbeitet haben.
Der Schulwart schoss sich in die Brust. Im Klinikzentrum in Banja Luka wurde er gestern notoperiert. Laut bosnischen Medienberichten dürfte er wieder bei Bewusstsein sein. Ob er überlebt, ist nach aktuellem Stand ungewiss.
Schüler wurden keine verletzt. Es ist noch eineinhalb Wochen bis Schulbeginn. Es waren nur wenige Schüler im Gebäude, um Nachprüfungen zu machen.
Erinnerungen an Beograd
Die Bluttat erinnert die Menschen der Region an das Massaker in einer Schule in Beograd vor etwas mehr als einem Jahr. Damals erschoss ein Schüler acht Mitschüler, eine Lehrerin und sich selbst.
Im Beograder Fall konnte rekonstruiert werden, dass der Jugendliche seinem Vater die Pistolen gestohlen hatte. Pistolen, die zu benutzen ihn der Vater gelehrt hatte. Er hatte die Waffen legal besessen,
Beim Schulwart des Gymnasiums von Sanski Most ist unklar, woher er das als automatisch beschriebene Gewehr hatte. Bislang wurden auch keine Details bekannt, welche Waffe es genau gewesen sein soll.
Beide Tragödien machen freilich deutlich, dass Menschen am Balkan leicht an Schusswaffen kommen, wenn sie wollen.
Nehmt ihnen die Waffen weg
Bislang galten in den meisten Nachfolgestaaten Jugoslawiens lasche Waffengesetze.
Nach der Bluttat im Vorjahr und Massenprotesten verschärfte das serbische Parlament die Gesetze zwar drastisch und untersagte de facto den Einwohnern des Landes, neue Pistolen zu besitzen. Die Strafen für illegalen Waffenbesitz wurden drastisch verschärft.
Es gaben auch etliche Menschen legale und illegale Schusswaffen in den Wochen nach dem Massaker bei der Polizei ab.
Wie viele illegale Waffen es im Land gibt, bleibt freilich unbekannt. Und wer bis dahin eine Schusswaffe legal besessen hatte, blieb von den neuen Gesetzen weitgehend unberührt.
So bleibt eine beträchtliche Zahl an Schusswaffen im privaten Besitz.
In Bosnien dürfte das Massaker von Sanski Most den Ruf nach strengeren Waffengesetzen lautwerden lassen.
Die Situation dort dürfte freilich schlimmer sein als sie es im Serbien im Vorjahr war.
Das ist ein Erbe des Krieges in den 1990-ern.
Zu Beginn wurden in Kroatien, Bosnien, Serbien und Montenegro großzügig Waffen aus den Beständen der Nationalgarden der bis dahin jugoslawischen Republiken und teilweise der JNA an neu gebildete Milizen verteilt. Oft genug kamen die Mitglieder der ersten Milizen aus dem Organisierten Verbrechen. Arkan ist nur das prominenteste Beispiel.
Bosnien stand zudem unter internationalem Waffenembargo. Die beträchtlichen Waffenmengen, die ins Land geschmuggelt wurden, wurden kaum registriert und kontrolliert.
In den Wirren des Bürgerkriegs wurden Milizen in offizielle Streitkräfte eingegliedert – oder auch nicht. Wurden demobilisiert – oder auch nicht. Mussten ihre Waffen abgeben – oder auch nicht.
Dass Bosnien in den vergangenen 30 Jahren nie eine funktionierende nationale Regierung hatte, die Gesetze umfassend durchsetzen konnte, machte es nicht besser.
Gut möglich, dass das automatische Gewehr, mit dem der Schulwart am Mittwoch drei Menschen erschoss, aus dieser Zeit stammt. Laut Medienberichten soll der Mann im Krieg gekämpft haben.
Es ist Spekulation, dass die Schusswaffe vom Mittwoch seine damalige Dienstwaffe war. Ausgeschlossen ist es keinesfalls.
Erschwerend kommt dazu, dass Schusswaffen am Balkan stärker als in vielen anderen Regionen wichtiger Bestandteil des Männlichkeitskults sind, der sich mit dem Zerfalls Jugoslawiens und der nationalistischen Restauration breitmachte.
Privater Waffenbesitz ist hier breit gesellschaftlich akzeptiert, auch wenn das Massaker von Beograd im Vorjahr zu einem Umdenken geführt hat.
Der Dreifachmord im Gymnasium von Sanski Most zeigt der ex-jugoslawischen Öffentlichkeit wieder schmerzhaft, welche Gefahr Schusswaffen in privaten Händen sind – mögen sie legal oder illegal sein.
Es ist überfällig, die abertausenden Schusswaffen in Privathaushalten aus dem Verkehr zu ziehen.
Nie wieder dürfen Schüler und Lehrer Opfer einer Schießerei an einem Ort werden, in dem sie sich sicher fühlen sollten.
Und vielleicht wären nach diesem Massaker strengere Waffengesetze und der ernsthafte Wille, sie durchzusetzen, auch etwas, das Bosnier und die bosnische Politik in beiden Teilstaaten zusammenbringen könnte.
Einen Überblick über aktuellen Entwicklungen um den Dreifachmord von Sanski Most findet ihr unter anderem bei N1.
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