Ein Ausflug ins Braune Beograd

Wie sehr mittlerweile auch in Serbien nationalistische Propaganda und nationalsozialistische verzahnt sind, zeigen Foto-Ausflüge, die der Beograder Historiker und Fotograf Nikola Radić-Lucati durch mehrere Nachbarschaften in Beograd gemacht hat. Er hat Balkan Stories die Fotos zur Verfügung gestellt.

Wer konnte auch ahnen, dass das Museum für Četnik-Führer Draža Mihailović in Zvezdara in Beograd ein Magnet für rechtsradikale Graffiti jeglicher Art wird?

Außer jedem, der weiß, welche Rolle Mihailović und seine Mörderbande gespielt haben, und welche Rolle sie seit der nationalistischen Restauration und dem Krieg in den 1990-ern als Symbol für Völkermord-Leugnung und Völkermord-Fantasien spielen.

Nikola Radić-Lucati hat auf Foto-Ausflügen in der Gegend zahlreiche Graffiti rechtsradikaler Gruppen in der Umgebung des Museums dokumentiert.

Prominent sind vor allem die Neonazi-Gruppe Srbska Akcija und die identitäre Organisation Klub 451 – über beide hat Balkan Stories in der Vergangenheit berichtet.

Graffiti an einer Wand in der Nacht, mit Schriftzügen in verschiedenen Farben und Stilen auf einer leeren Betonfläche.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Nikola hat Balkan Stories die Fotos als Reaktion auf eine Analyse über die historischen und aktuellen Verbindungen zwischen historischen Nazis und deutschsprachigen Neonazis und Rechtsradikalen im ehemaligen Jugoslawien geschickt.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass er dokumentiert, wie sehr um das Museum für den Verräter Draža Mihailović rechtsradikale Graffiti auf die Wände schießen wie Schimmel in einer feuchten Wohnung. (Mehr siehe hier.)

Dieses hier zeigt, wie sehr serbische Nationalisten Gavrilo Princip vereinnahmen. Sie feiern ihn als Helden des serbischen Volkes.

Wand mit Graffiti und einem großen Gesichtsporträt, umgeben von Schnee und Beton.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Dass Gavrilo jugoslawischer Nationalist mit anarchistischen Sympathien war, und die Schaffung eines jugoslawischen Staates im Sinn hatte und nicht ein Großserbien schaffen wollte – im nationalistisch gewandten Serbien interessieren solche Fakten kaum jemanden. Rechtsradikale schon gar nicht.

Wie die Umgebung des Museums zu diesen Umtrieben ermutigt

Die rechtsradikalen Graffiti werden offenkundig von der näheren Umgebung des Museums begünstigt.

Das Restaurant in unmittelbarer Nähe wurde erst vor kurzem in Vojvoda umbenannt.

Ein beleuchtetes, grünes Café in einer verschneiten Straßenecke bei Nacht.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Das ist ein Titel, den Fans vom Mihailović dem Verräter an Volk und König ehrfürchtig geben.

Theoretisch ist es ein historischer Titel. Im Mittelalter entspricht er dem deutschen Herzog, und ist die wortwörtliche Übersetzung. So kam die Hercegovina zu ihrem Namen.

In modernen Zeiten wurde er zum Ehrentitel für hochrangige serbische Offiziere.

Hier kann sich niemand auf einen derart unschuldigen Kontext berufen.

Das Restaurant Vojvoda unterstreicht das mit seiner Werbung.

„Istočno Sarajevski Ćevapi“ steht auf dieser Hauswand.

Städtische Straße bei Nacht mit Schneefall, zwei Autos fahren vorbei, ein Gebäude mit einer Projektion und dekorierten Bäumen im Hintergrund.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Sarajevski Ćevapi sind auch in Beograd sehr beliebt, gelten häufig als die besten.

Istočno Sarajevo heißen die Stadtteile und Umlandgemeinden Sarajevos, die seit dem Friedensvertrag von Dayton zum serbisch-bosnischen Teilstaat Republika Srpska gehören.

Viel nationalistischer geht es nicht.

Was man an den Graffiti sieht, ist, wie sehr radikal nationalistische und nationalsozialistische Propaganda sich mittlerweile verzahnen.

Wandgemälde eines Mannes mit Hut, der auf einer Wand in einer urbanen Umgebung steht, mit der Aufschrift "IZ ČIKAGA MOJI".
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Vor 30 Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Die Četniks waren eine Mörderbande, und beileibe keine Antifaschisten. Sie kooperierten gerne mit den Nazis, und fallweise mit den Ustaša, vor allem, wenn es gegen die Partisanen ging.

Faschisten im historischen Sinn waren sie nicht. Sie waren eine andere Art von Rechtsextremen, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen. Das macht sie keineswegs sympathisch.

Es war diese Art von Rechtsextremismus, der sich serbische Nationalisten nach dem Zweiten Weltkrieg zuwandten.

Die Nazis waren für auch noch so grauslische serbische Rechtsextreme tabu. Die standen für den Völkermord an den Serben in Kroatien und Bosnien im Zweiten Weltkrieg. Die mit den Nazis verbündeten Ustaša schlachteten hunderttausende Serben, Juden und Roma in ihrem Herrschaftsgebiet ab, dem Unabhängigen Staat Kroatien (NDH).

Die Četniks wurden von diesen Leuten zum Bollwerk gegen Nazis und Ustaša interpretiert. Das ist historisch Unsinn, prägte aber Wahrnehmung und Strategien extremer serbischer Nationalisten.

Seit dem Krieg in den 1990-ern haben Neonazis und praktisch alle anderen europäischen Rechtsextremen Muslime zum Haupt- und Lieblingsfeind gemacht. Serbien ist keine Ausnahme. Das machte offenen Neonationalsozialismus für viele serbische Rechtsradikale attraktiv.

Der Fußball als Spielwiese der Rechtsradikalen

Das sieht man auch hier.

Ultras stilisieren das Logo des Beograder Fußballvereins FK Rad in der Art der NS-Fahne um. Der Haken des FK-Rad wird zum Hakenkreuz-Ersatz.

Graffiti an einer Ziegelwand mit einem roten und weißen Farbfeld und einem schwarzen Symbol in der Mitte. Links befindet sich eine alte Tür, die ebenfalls mit Graffiti bedeckt ist.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Dieses Graffiti zeigt auch, wie sehr Fußball zum Instrument rechtsradikaler Gruppen geworden ist.

Wie bei Crvena Zvezda oder Dinamo Zagreb haben sie die Ultras unterwandert und übernommen.

Es mag ein schwacher Trost sein, dass der Verein seitdem aus der Ersten Liga abgestiegen ist und in der Regionalliga herumdümpelt.

Mit diesem Problem kämpfen Fußballvereine in ganz Europa. Im ehemaligen Jugoslawien geht die politische Dimension dieser Unterwanderung weit darüber hinaus, dass das Neonazis und Ungeistesverwandten eine Bühne bietet.

Fußballvereine sind hier eine Bühne, über die Politik gemacht wird. Die rechtsradikal übernommenen Ultras sind seit den späten 1980-ern das organisatorische und finanzielle Rückgrat der rechtsradikalen Szene, häufig mit starken Verbindungen in die Organisierte Kriminalität, und häufig mit politischer Rückendeckung.

Arkans Tiger etwa rekrutierten sich vorwiegend aus den Delije, den Ultras von Crvena Zvezda.

Die Verbindung ist bis heute mächtig. Siehe diese Reportage.

Spezifisch für Serbien ist die Rolle, dass die Bewunderung für Russland in diese Gemengelage hineinspielt.

Wandgraffiti mit rotem Kreuz und russischen Schriftzeichen, die religiöse und nationale Botschaften vermitteln.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

Der Bücherstand vor dem Dom Omladine

Wie sehr sich historische rechtsradikale serbische Narrative und Neonazi-Diskurse mischen, zeigt dieser Bücherstand, den Nikola vor dem Dom Omladine im Stadtzentrum fotografiert hat.

Eine Ansammlung von verschiedenen Büchern und Heften, die größtenteils in serbischer Sprache sind. Die Cover enthalten Titel zu historischen und politischen Themen sowie einige erotische Abhandlungen.
Foto: (c) Nikola Radić-Lucati

„Mein Kampf“ und „Der Graue Wolf“ liegen hier neben antisemitischer Propaganda, Werken des neofaschistischen russischen Philosophen Aleksandar Dugin, großserbischen Fantasien und antikatholischer Hass-Literatur, wie man sie bei serbischen Nationalisten häufig findet.

Nazi- und anderen rechtsradikalen Dreck bekommt man in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens mehr oder weniger offen auf der Straße angeboten. Diese Mischung ist freilich spezifisch serbisch.

Sie lässt nichts Gutes vermuten.

Einen Foto-Essay von Nikola zu einem gemeinsamen Ausflug im Jänner könnt ihr sehen.

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Alle Fotos: (c) Nikola Radić-Lucati


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