Die „Pyramiden“ von Visoko rauschen wieder durch das Internet. Neben Eso-Spinnern und Verschwörungstheoretikern beschäftigt sich der erfolgreiche Youtube-Archäologe Miniminuteman mit dem Scam. In seiner insgesamt hervorragenden Analyse schießt er in einigen Details übers Ziel hinaus.
Milo Rossi ist der Miniminuteman auf Youtube. Der Archäologe nimmt aus seinem Kanal Verschwörungstheorien und Eso-Spinner wie Graham Hancocks „Ancient Apocalypse“ auseinander und erreicht ein Millionenpublikum.
Das ist gut so.
Nicht viele Menschen betreiben so fundierte und gleichzeitig wissenschaftliche Vermittlungsarbeit wie Milo für so viele Menschen. Diesen Beitrag zur allgemeinen Bildung und psychischen Gesundheit kann man nicht hoch genug schätzen.
Das gilt auch für seine Videoserie zum TikTok-Verschwörungstheoretiker Filip Zieba und dessen Obsession mit Pyramiden. Zu denen seiner Meinung nach auch die Bergspitzen rund um Visoko in Zentralbosnien gehören.
Wissenschaftlich alles richtig, was Milo sagt.
Mit der politischen Einordnung tut er sich etwas schwerer.
Bosniens kompliziertes politisches System verwirrt Außenstehende sehr leicht
Bosnien ist kompliziert. Vor allem das politische System ist es.
Etwas vereinfachend gesagt sieht es so aus:
Das Land besteht aus zwei fast gleich großen, weitgehend autonomen, Teilstaaten: Der Federacija im Westen und der Republika Srpska im Osten. In ersterer haben Bosniens Muslime und Katholiken das Sagen, in zweiterer Bosniens Orthodoxe.
Darunter liegen in der Federacija Kantone, und unter den Kantonen Verbandsgemeinden bzw. politische Bezirke, unter denen die Gemeinden und in den Großstädten zusätzlich die Stadtbezirke liegen.
In der Republika Srpska gibt es keine Kantone. Verbandsgemeinden bzw. politische Bezirke sind die nächste Verwaltungsebene unterhalb der Regierung des Teilstaats.
Über den Teilstaaten, im offiziellen Jargon bewusst nichtssagend Entitäten genannt, gibt es eine schwache National- oder Bundesregierung. Gegen sie wirkt der Schweizer Bundesrat wie die Verköperung des Zentralismus.
Dass dieses System jeden verwirrt, der nicht die komplizierten Zustände in Bosnien kennt, ist naheliegend.

Wenn Milo anprangert, dass die Zentralregierung und die Regierung der Federacija Osmanagić‘ „Pyramiden“-Schmäh subventioniert haben, hat er mit der Kritik völlig Recht.
Wenn er sagt, die politische und finanzielle Unterstützung sei „what some could classify as a government conspiracy“, schießt er etwas übers Ziel hinaus.
Das liegt nicht nur an den oben beschriebenen komplizierten Strukturen Bosniens. Mehrere bosnische Verwaltungsebenen haben hier ziemlich unkoordiniert einem Unternehmer Geld in den Rachen geworfen, der mit historischen Illusionen abcashen will. Ein gemeinsamer Plan steckte zu keinem Zeitpunkt dahinter.
Osmanagić bekommt schon lange keine politische Unterstützung mehr
Osmanagić machte sich einfach die Kompliziertheit des bosnischen politischen Systems zunutze. Er ist nicht der Einzige, und nicht der Letzte. Wenngleich vielleicht der, der am dreistesten mit Fantasiegebilden abkassiert. Oder abkassiert hat.
Öffentliches Geld bekommt er mittlerweile seit geraumer Zeit nicht mehr.
Die großen Förderungen flossen vor ungefähr 20 Jahren. Da war der Scam neu. Manche Politiker und Verwaltungsbeamte glaubten Osmanagić seine Erzählungen von den ältesten Pyramiden der Welt und einer untergegangenen Zivilisation.
Nach massiven Protesten aus der Wissenschaft rückte die Politik nach und nach von ihm ab.
Glücklicherweise hörten nicht nur die öffentlichen Geldflüsse auf. Man untersagte Osmanagić auch weitere Ausgrabungen rund um die Berge von Visoko. Bosnische und internationale Archäologen hatten darauf hingewiesen, dass die Gegenden seit Jahrtausenden besiedelt ist. Osmanagić‘ krude Ausgrabungen könnten tatsächliche historische Stätten gefährden.

Dass der Unternehmer weiter seine Anhänger im Land hat, stimmt bedauerlicherweise. Dass er sich mit Geld öffentliche Präsenz kaufen kann, ebenso. So lud er im Vorjahr zu einer Konferenz mit schwerer Eso-Schlagseite im Bosanski Kulturni Centar (BKC) in Sarajevo. Das ist ziemlich prestigeträchtig.
Osmanagić‘ lokale Anhänger sind vielfach auch weiter nationalistisch aufgepeitscht. Wer bezweifelt, dass die „Pyramiden“ echt sind, kann als Bosnienhasser beschimpft werden. In Einzelfällen dürften Skeptiker auch weiter bedroht werden.
Das ist ein wenig kurios. Es ist das einzige Beispiel eines radikalen gesamtbosnischen Nationalismus, das ich kenne.
Der Nationalismus, mit dem man es in Bosnien sonst zu tun hat, ist ein spaltender: Es ist ein bosnjakischer, ein kroatischer oder ein serbischer. Jede Seite reklamiert Geschichte und Land für sich, mit verschiedensten Argumenten und Unterströmungen.
Osmanagić‘ Fans kommen aus allen drei Lagern.
Das ist das wohl einzig annähernd Positive, das man über den Scam sagen kann. Sehen wir mal von der Schlichtheit und Aggressivität ab, in der sich dieses gesamtbosnische Nationalgefühl äußert.

Die „Pyramiden“ sind schon länger kein Touristenmagnet mehr
Dass der Scam – auch – eine Regierungsverschwörung sei, ist nicht Milos einzige Fehleinschätzung.
Er präsentiert in dem Kapitel zu den „Pyramiden“ von Visoko auch die Schätzungen zu den Besucherzahlen, die der Scam zwischen 2005 und dem Zeitpunkt der Entstehung des Videos nach Visoko lockte. 400.000 waren das.
Das klingt viel.
Ist es nicht.
Das ist ein Zeitraum von etwa 20 Jahren.
Das sind ungefähr 20.000 Touristen pro Jahr. Oder nicht einmal 60 pro Tag.
Tendenz: Schwindend.
Zumal wohl die meisten dieser Besucher nicht extra wegen der „Pyramiden“ nach Bosnien kamen sondern ihr touristisches Programm in Sarajevo mit dem Halbtagesausflug nach Visoko abrundeten.
Schon vor neun Jahren waren der Großteil der Besucher Eso-Spinner. Über die sind die meisten Touristenführer keineswegs glücklich. Siehe diese Reportage auf Balkan Stories.

Dass diese Leute immer noch kommen, ist etwas befremdlich. Dass ihr Geld einen skrupellosen Unternehmer reicher macht, ebenso.
Wie Milo würde ich mir wünschen, sie würden ihr Geld für etwas Sinnvolles ausgeben. Einen Besuch im Nationalmuseum oder im Historischen Museum von Sarajevo etwa. Die brauchen jeden Cent dringend.
Man sollte aber die Bedeutung dieser Leute und die von Osmanagić nicht übertreiben.
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Auch wenn ich hier einzelne Bemerkungen oder Formulierungen von Milo Rossi eingeordnet und kritisiert habe: Dass er sich so eingehend dem „Pyramiden“-Schmäh widmet, ist wichtig und zu begrüßen.
Das gilt für seine gesamte Arbeit als Wissenschaftsvermittler.
Ich bin seit wahrscheinlich drei Jahren begeisterter Abonnent seines Kanals. Ich kann nur jedem ein Abo nahelegen, der sich für Archäologie und Geschichts-Verschwörungstheorien interessiert. Nicht nur kriegt man wissenschaftlich fundierte und unterhaltsame Information. Man unterstützt mit einem Abo auch eine wirklich wichtige kritische und aufklärerische Stimme gegen ein Netz von Stumpfsinn, Desinformation und Verschwörungstheorien.
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