Am Wochenende wurde Petar Šarić aus Banja Luka in seiner Heimatstadt begraben. Er war in Wien während einer Therapie wegen eines aggressiven Tumors verstorben. Der Tod des 19-Jährigen hätte sich vielleicht verhindern lassen.
Es gibt Todesfälle, an denen niemand direkt schuld ist. Wo alle Beteiligten getan haben, was sie konnten, und darüber hinaus. Und die sich doch vielleicht hätten verhindern lassen.
Der Tod des erst 19-Jährigen Petar Šarić aus Banja Luka ist so einer, und er erschüttert Menschen im gesamten ehemaligen Jugoslawien.
Bei ihm tauchte im Sommer überraschend ein seltener und bösartiger Tumor auf.
Seine Familie, die Ärzte, die Verwaltung seiner Heimatstadt, Freunde, Menschen aus ganz Bosnien taten, was sie konnten, um ihm eine Behandlung zu ermöglichen.
Das nächste Spital mit den geeigneten Einrichtungen war in Wien.
Für den Transport dorthin stellte man Mitte Oktober in nur 24 Stunden das nötige Geld auf.
Alleine die nächsten drei Chemotherapien hätten 155.000 Euro gekostet.
Der Verein KUD Sebilj im 22., Suzana Radanović, viele hier organisierten, so schnell sie konnten. Die Künstlerin Christine Bucher stampfte eine Benefizausstellung ihrer Werke aus dem Boden.
Für den 9. November wäre sie geplant gewesen.
Von Banja Luka aus trommelte auch Davor Dragičević in den Tagen davor Unterstützer aus Wien zusammen.
So sind sie, die Bosnier, wenn sie helfen.
Der 9. November war der Tag, an dem Petar begraben wurde.
Er starb wenige Tage vor der geplanten Benefizausstellung.
Man könnte das mit der zynischen Bemerkung abtun: Es war umsonst, niemand konnte etwas dafür.
Und niemand, der versuchte, Petar zu retten, kann etwas dafür.
Die Ärzte und Pfleger in Wien taten, was sie konnten. Seine Familie, seine Freunde, viele, die ihn nie getroffen hatten, taten, was sie konnten.
Dass man die Kosten einer Therapie selbst aufbringen muss, ist ein Skandal
Vielleicht hätte sich Petars Tod trotzdem verhindern lassen.
Wäre Petar Österreicher gewesen, wären seine Überlebenschancen besser gewesen.
Österreich hat hervorragendes Gesundheitsversicherungssystem. Auch dieses System hat seine Fehler. Aber solche Therapien werden hierzulande von der öffentlichen Gesundheitsversicherung bezahlt.
Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, wo dieses System nicht greift.
Bosnien hat kein so gutes Gesundheitsversicherungssystem. Vor allem ist es nur rudimentär mit den Gesundheitsversicherungssystemen anderer Staaten vernetzt.
Das alleine schafft Hürden, die für Verzögerungen sorgen.
Bei einer plötzlichen und schweren Erkrankung wie der von Petar verringert jeder verlorene Tag die Chance, zu überleben.
Eine dieser Verzögerungen ist etwa, dass man da im Vorfeld klären muss, ob überhaupt jemand zahlen kann. Das ist eine Folge dessen, dass es nicht überall ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem gibt, und dass die einzelnen Ländersysteme oft nicht gut miteinander vernetzt sind.
Ich habe vollste Bewunderung für Petars Mutter Rada, für Christine, für Suzana, für Davor, für Sofija, wie sie alles in Bewegung gesetzt haben, um Petar zu retten, und für das was sie erreicht haben.
Dass sie das tun mussten, ist der Skandal.
Es ist einer des Staates Bosnien und Hercegovina, seines Teilstaates Republika Srpska, und des dortigen Sozialversicherungssystems.
Aber nicht nur.
Es ist auch ein Skandal, dass es keinen funktionierenden Ausgleichsfonds zumindest auf europäischer Ebene gibt, der solche Fälle abdeckt – und sich dann nötigenfalls das Geld von der zuständigen Sozialversicherung zurückholt.
Dann braucht in solchen Fällen niemand abklären, wer was zahlt. Medizinische Befunde bestimmen, ob die Behandlung notwendig ist – und nicht, ob jemand die richtige Staatsbürgerschaft hat oder sonstwie genügend Geld.
Was man besser machen könnte und sollte
Auch ein Skandal ist, wie viel die Medikamente für Petars Behandlung kosteten.
Die Entwicklung solcher Medikamente ist sehr teuer.
In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem überlässt man es privaten Firmen, solche Medikamente zu erforschen.
Die müssen die Kosten wieder hereinbringen, wenn sie weiter bestehen wollen.
Ein Teil der Kosten sind auch die Kosten für jene Medikamente, die die Firma erforscht hat, und die nicht wirksam waren.
Dazu kommen Kosten für Vertrieb und Marketing.
Das alles macht Medikamente teurer als sie sein müssten.
In vielen Staaten führt das dazu, dass es diese Medikamente gar nicht gibt. Niemand könnte sie bezahlen.
Anders als uns die Profiteure dieses Systems eintrichtern, ist das nicht ohne Alternativen.
Ein Netzwerk an Forschungsstellen an öffentlichen Einrichtungen würde das genauso gut, genauso schnell und deutlich günstiger hinbekommen.
Einige der bahnbrechendsten Entdeckungen in der Medizin kamen zustande, ohne, dass die Entdecker aus finanziellen Interessen gehandelt hätten.
Vielleicht wäre Petar auch gestorben, wenn wir in dieser besseren Welt leben würden.
Manche Erkrankungen sind leider nicht zu besiegen.
Eine bessere Chance hätte er gehabt.
Dass es besser geht, das sollten wir aus Petars Tod lernen.
Titelfoto: Petar Šarić, Facebook
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