Reality Check Sarajevo, Teil 2

Bei meiner jüngsten Reise in Sarajevo hab ich auch geprüft, ob es Verbesserungen im öffentlichen Verkehr gegeben hat. Fazit: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

„Wir haben jetzt eine Straßenbahn, die mit dir spricht“, sagt Nermin und schmunzelt. Er ist Kellner in einem meiner Stammlokale.

Nermin meint die neuen Straßenbahnen. Seit meinem letzten und aus anderen Gründen eher unerfreulichen Besuch im November haben die Verkehrsbetriebe GRAS offenbar einige neue Garnituren geliefert bekommen.

Neue Straßenbahngarnitur auf der Obala Kula Bana

Musste man früher Geduld haben, um eine neue Garnitur fotografieren zu können, gilt das heute beinahe für die alten Straßenbahnen.

Und wenigstens haben die neuen ein Ansagesystem, bei welcher Haltestelle man ist. Das würde man sonst entlang der Strecke in den meisten Fällen nicht wissen.

Nur bei ein paar Haltestellen hängen wieder Schilder, wie die Stationen heißen.

Hier ist der Stationsname etwas irreführend. Skenderija liegt auf der anderen Seite der Miljacka. Die Station nach dem dahinterliegenden Präsidentschaftsgebäude oder dem Staatsarchiv zu benennen, wäre naheliegender gewesen

Ein kleiner Fortschritt. Aber allzu einfach will man es Ortsunkundigen offenbar nicht machen, die öffentlichen Verkehrsmittel der bosnischen Hauptstadt zu nutzen.

Beim Großteil der Haltestellen lässt man die Fahrgäste lieber im Ungewissen.

Auf den O-Buslinien sowieso. Ausgenommen ist hier nur der Trg Austrije. Das ist die Endhaltestelle zahlreicher Linien.

Eigentlich haben die neuen O-Busgarnituren alle Lautsprecher und sogar ein Display, um die nächsten Stationen und Umsteigemöglichkeiten anzuzeigen bzw. durchzusagen.

Nur benutzen die Fahrer die System einfach nicht. Siehe dieses Display. Als ich es fotografiert habe, waren wir beinahe in Grbavica.

Öffis in Sarajevo teurer als in Zagreb und in Wien

Man will es bei GRAS sicher nicht übertreiben mit der Kundenfreundlichkeit. Die Fahrkarten sind deutlich teurer geworden. Seit 1. Juli kostet eine Einzelfahrt 2 Mark 20. Das ist 1 Euro 10. Das sind 40 fenig oder 20 Cent mehr als zu Jahresbeginn.

Die Einzelfahrscheine gelten nach wie vor nur für ein Verkehrsmittel. Man braucht Extra-Tickets für Straßenbahn, O-Bus und Bus.

Zum Vergleich: In Zagreb kostet eine Einzelfahrt je nach Gültigkeitsdauer des Fahrscheins 53 Cent für eine halbe Stunde und 1,33 Euro für eineinhalb Stunden. Die Karten gelten für alle Verkehrsmittel der Zagreber Verkehrsbetriebe ZET.

Wenigstens hat GRAS mittlerweile wieder ein Monatskartensystem. Das freilich ist reichlich kompliziert und teuer. Für alle 4 Zonen des Stadtverkehrs kostet sie 129 Mark oder mehr als 60 Euro.

ZET verlangt für eine stadtweite Monatskarte inklusive Schnellbahn 53,09 Euro.

In Wien kostet eine nicht übertragbare Fahrkarte für 31 Tage 51 Euro. Die übertragbare Variante kostet 58.

Für eine Jahreskarte für das gesamte Netz verlangt GRAS 1.250 Mark. Das sind 625 Euro.

Bei ZET kostet das inklusive Schnellbahn 636,96 Euro. Ohne sind es 461,88. Das ist wohl noch am ehesten mit dem Sarajevoer Öffi-Netz vergleichbar. Wenngleich: Schaut euch die Öffis in Zagreb an und schaut euch die in Sarajevo an. Da liegen Welten dazwischen.

In Wien kostet die Jahreskarte noch 365 Euro. Auch nach der anstehenden Preiserhöhung wird sie billiger sein als in Sarajevo und in Zagreb.

GRAS und die Stadt Sarajevo wollen offenbar nicht, dass allzu viele Sarajlije auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

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Ein Gedanke zu “Reality Check Sarajevo, Teil 2

  1. Ich bin in Sarajevo gerne mit der Tram gefahren. Tagsüber ist der Takt auch recht dicht, ab Mitternacht ist aber Schicht, zumindest war das bei meinem letzten Besuch so. Allerdings bin ich anfangs mit dem Stadtplan auf den Knien gefahren, damit ich weiß wo ich bin. Nur gut, dass Sarajevo entlang der Haupt-Magistrale überschaubar ist.

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