Kirche in Podgorica, Montenegro

Die Vernunft siegt. Manchmal zumindest

In Montenegro wird es keinen Religionsunterricht in Schulen geben. Das Parlament hat die Einführung am Mittwoch gestoppt. Als Argument wurde ausdrücklich die säkulare Verfassung genannt. Das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Montenegro ist eines der wenigen Länder Europas, in denen Kinder nicht in den Schulen religiös indoktriniert werden.

Das wird auch so bleiben. Der Bildungsausschuss des montenegrinischen Parlaments stoppte am Mittwoch eine Initiative, Religionsunterricht in den Schulen einzuführen.

Gegen die Initiative stimmten im Ausschuss die Mitglieder der Regierungsparteien des Landes.

Sie befürchteten, dass Religionsunterricht in öffentlichen Schulen gegen die säkulare Verfassung des Staates an der Adriaküste verstoßen würden, sagten die Abgeordneten mehr oder weniger einhellig.

Zahlreiche Organisationen der montenegrinischen Zivilgesellschaft hatten sich im Vorfeld gegen Religionunterricht ausgesprochen. Eine Petition gegen die Einführung wurde bis Mittwoch von 90 Organisationen, Vereinen und Aktivisten unterzeichnet.

Für Petar Đukanović vom Zentrum für politische Bildung in Podgorica etwa ist alleine die Debatte ein Beitrag zur Entsäkularisierung des multireligiösen und multiethnischen Landes.

In Montenegro würde der Staat bereits religiöse Schulen finanzieren, was für sich schon die Säkularität des Landes untergrabe, sagt Đukanović gegenüber dem Portal CdM. Religionsunterricht an öffentlichen Schulen würde dem Staat weiteren Schaden zufügen.

In Montenegro gilt die Mehrheit der Bevölkerung als christlich-orthodox.

Im Land gibt es auch eine größere südslawische und eine kleinere albanische muslimische Minderheit, ebenso eine südslawische und eine albanische katholische Minderheit.

Der politische Hintergrund

Für die Einführung stimmten die Vertreter der pro-serbischen Oppositionsparteien.

Vor diesem Hintergrund ist auch ein guter Teil der Debatte zu sehen.

Ungeachtet der Einstellungen des Drittels ethnischer Serben in Montenegro vertreten Parteien, die sich als ihre Vertretung bezeichnen, serbischen Ethnonationalismus, der sich eng an Serbiens Präsident Aleksandar Vučić orientiert.

Die serbisch-orthodoxe Kirche spielt in dieser Politik eine tragende Rolle.

Sie wird als spirituelle und historische Heimat des serbischen Volkes inszeniert.

Das führt in Montenegro seit geraumer Zeit zu ethnischen und religiösen Spannungen.

Für den Balkan einzigartig, ist die quasi nationale orthodoxe Kirche gespalten: In die serbisch-orthodoxe Kirche und die montenegrinisch-orthodoxe Kirche.

Beide befinden sich in einem Konflikt über Kirchengüter, die im sozialistischen Jugoslawien enteignet wurden und restituiert werden sollen.

Beide beanspruchen zudem, die nationale Kirche für Montenegros orthodoxe Christen zu sein.

Die schwierigen und verwirrenden ethnischen Selbstzuordnungen im Land (siehe hier) ziehen sich durch beide Kirchen.

Religionsunterricht an Montenegros öffentlichen Schulen hätte den Konflikt zwischen den beiden orthodoxen Kirchen verschärft oder der serbisch-orthodoxen Kirche erheblichen Einfluss im Bildungswesen eingeräumt, oder beides.

Das machte seine Einführung auch über den Schutz der säkularen Verfassung in dem multiethnischen und multireligiösen Land hinaus bedenklich – offenbar auch für Montenegros Regierungsparteien.

Dass Religionsunterricht an Montenegros Schulen zumindest vorerst verboten bleibt, mag angesichts des politischen Hintergrunds kein Sieg der reinen Vernunft sein. Aber ein Sieg der Vernunft ist es allemal.

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2 Gedanken zu “Die Vernunft siegt. Manchmal zumindest

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