Tausende Studenten haben sich am Donnerstag auf dem Marsch von Beograd nach Novi Sad gemacht. In den Kleinstädten der Vojvodina werden sie gefeiert wie Helden. So sieht eine Revolution aus.
Revolution.
Mit keinem anderen Wort würde man den Szenen gerecht, die sich auf dem Marsch der Beograder Studenten nach Novi Sad abspielen.
Es beginnt im Beograder Stadtteil Zemun.
Und setzt sich fort in den Kleinstädten der Vojvodina. Hier Batajnica. Gerade mal 30.000 Einwohner hat die Gemeinde.
Gemeinhin sind solche Kleinstädte nicht die Orte, denen Protestierende am Herzen liegen.
Die Studenten, die seit zwei Monaten die Massenproteste in Serbien für Rechtsstaat und gegen Korruption anführen, werden willkommen geheißen wie Helden. Die halbe Stadt ist auf den Beinen.
Begleitet werden die Studenten von protestierenden Bauern und Bikern. Die sichern zusätzlich zur Polizei den Protestzug mit ihren Traktoren und Motorrädern ab.
In Stara Pazova brennt man ein Feuerwerk für die Studenten ab.
Und bewirtet sie wie Könige.
18.000 Einwohner hat die Stadt. Ein Umstürzlernest würde man hier nicht vermuten. Noch nicht mal in der Vojvodina, wo man es häufig nicht so hat mit der Regierung in Beograd.
In Inđija hebt das SNS-Regime noch einmal sein Haupt
Inđija ist der letzte Stop am Donnerstag. Hier sollen die Studenten übernachten. Hier hebt das Regime der SNS noch einmal sein Haupt.
Bürgermeister Marko Gašić untersagt es, die örtliche Turnhalle für die Teilnehmer des Protestmarsches zu öffnen.
Zu Dutzenden bringen Bürger die Studenten bei sich zuhause unter. Wer keinen Platz findet, übernachtet auf dem Fußballfeld. Über den FK Inđija hat Gašić keine Kontrolle. Für diese Studenten organisieren die Bürger der Stadt Zelte und Matten.
Als der Protestmarsch einzieht, begrüßen ihn tausende Bewohner enthusiastisch.
Auch hier gibt es ein Feuerwerk.
Bürgermeister Gašić beobachtet den Einzug von seinem dunklen Büro aus.
Die Menschen haben ihre Angst verloren
Vor drei Wochen noch hätte es diese Szenen so wahrscheinlich nicht gegeben. Die Massenproteste für Rechtsstaat und gegen Korruption hatten sich da gerade auf die größeren Städte im Land ausgebreitet. Dass sie etwas verändern würden, war ungewiss.
Den Demonstranten war die Sympathie Vieler gewiss. Dass sich ganze Kleinstädte zusammentun würden, um sie zu unterstützen, das war damals bei aller Sympathie und bei aller balkanischen Gastfreundlichkeit kaum vorstellbar.
Dann breitete sich der Protest der Studenten wegen des Einsturzes des Vordachs des frisch renovierten Bahnhofs in Novi Sad auf das ganze Land aus. In Kleinstadt um Kleinstadt gingen Schüler auf die Straße, Eltern von Studenten, Kleinstädter ganz ohne Bezug zu Unis oder Politik.
Vergangenes Wochenende erreichten die Proteste ihren ersten Höhepunkt. (Mehr könnt ihr hier nachlesen.) Die Skepsis wich Hoffnung oder, im Apparat der Regierungspartei SNS, Angst.
Am Dienstag trat die gesamte serbische Regierung zurück.
Seitdem mehren sich die Stimmen, die einschneidende Veränderungen in Serbiens politischem System voraussagen.
Am Donnerstag diese Szenen. Nichts zu spüren von der Resignation und der Angst vieler Menschen in Serbien, sobald man das Thema Politik auch nur ansprach.
Sollte Präsident Aleksandar Vučić Neuwahlen unter Kontrolle seiner Partei herbeiführen wollen, würden das die Menschen nicht mehr zulassen. So die Meinung eines ausgewiesenen Kenners der serbischen Politik, und so die Meinung des renommierten Historikers Dragan Markovina.
Noch vor zwei Wochen hätte niemand solche Sätze geschrieben.
Gewonnen – oder verloren – ist die Auseinandersetzung nicht
Gewonnen – oder, aus Sicht der SNS verloren – ist diese Auseinandersetzung nicht. Auch Revolutionen können scheitern.
Das wissen die Belgrader Studenten auf dem Weg nach Novi Sad. Das hat sie zu diesem zweitägigen Fußmarsch veranlasst.
Am Samstag werden sie zu den Studenten von Novi Sad stoßen und sie bei der Blockade dreier Donaubrücken unterstützen.
Auch hier werden Bauern und Biker für zusätzlichen Schutz sorgen.
In Novi Sad waren zuletzt Studenten um drei Uhr früh von Bewaffneten überfallen worden, die aus einem Parteilokal der SNS kamen. Die Studenten hatten Poster aufgeklebt, um für die Blockade am Samstag zu mobilisieren.
Und Donnerstagabend versuchte eine Gruppe lokaler Neonazis, ein Plenum der protestierenden Studenten an der Juristischen Fakultät zu stören. Wie das unabhängige Portal Autonomija schreibt, hinderte sie eine Menschenmasse vor der Uni daran, das Gebäude zu betreten.
Man darf davon ausgehen, dass die Menschenmassen am Samstag in Novi Sad noch bedeutend größer werden. Der bisherige Höhepunkt der Massenproteste steht bevor.
Selbst wenn diese Revolution scheitert, wird sie eines erreicht haben: Die Menschen in Serbien haben ihre Angst vor diesem politischen System verloren. Ein Zurück zur Situation vor den Protesten ist nur schwer vorstellbar.
Titelfoto: Feuerwerk für die Studenten in Stara Pazova/Screenshot
Aktuelle Informationen über den Marsch der Studenten findet ihr auf dem kritischen Portal nova.rs und auf dem Twitter/X-Account von Mašina.
Dieser Eintrag wurde Freitagfrüh um die Entwicklungen in Inđija ergänzt.
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