Die Massenproteste in Serbien weiten sich auch nach ihrem bisherigen Höhepunkt am Freitag aus. Die serbische Regierung versucht verzweifelt, gegenzusteuern. Und scheint keine überzeugenden Antworten zu finden. Eine Analyse.
„Das ist wie Danzig 1989“, zeigt sich ein Freund aus Beograd am Freitagabend begeistert. Auch aus der Wiener Dijaspora heraus unterstützt er demokratische Bewegungen zuhause und hat hier jahrelang Proteste gegen die national-klerikale Regierungspartei SNS in Serbien organisiert.
Soeben machen in serbischen Liveprogrammen- und streams und in den sozialen Medien Fotos und Videos vom Generalstreik und den Demos in allen Bezirkshauptstädten Serbiens die Runde.
Hunderttausende sind insgesamt auf der Straße. Großdemos mit zehntausenden Teilnehmern in Beograd und Novi Sad, Proteste mit tausenden Demonstranten in Bezirksstädten wie Valjevo.
Selbst im kleinen Vlasotinac im Titelbild mit nicht einmal 15.000 Einwohnern sind wohl mehr als 100 Menschen auf der Straße.
Von Subotica bis Niš, von Šabac bis Zaječar. Geschäfte, Cafes, Märkte waren zumindest zeitweise geschlossen. Serbiens Studenten hatten für Freitag einen Generalstreik ausgerufen. Dem schlossen sich die Arbeiter tausender Betriebe im ganzen Land an.
Auch von den wenigen kritischen Medien traten einige in den Ausstand und berichteten am Freitag einzig und allein über die Proteste.
(Einen Überblick über die Proteste gibt es hier.)
Fallweise legten sogar Ämter die Arbeit nieder. Um 11:52 hielten die Mitarbeiter mehrerer Gerichte 15 Schweigeminuten für die 15 Opfer des Vordacheinsturzes in Novi Sad am 1. November ab.
Dieser Einsturz steht im Zentrum der Massenproteste, die Serbien seit gut zwei Monaten erlebt. Praktisch landesweit haben die Studenten des Landes und eine wachsende Anzahl an Schülern die Arbeit niedergelegt und fordern, dass die serbischen Strafbehörden die unmittelbar Verantwortlichen für den tödlichen Unfall vor Gericht stellen und ermitteln, inwieweit Korruption zum Einsturz der frisch renovierten Struktur beigetragen hat.
In Beograd und Novi Sad täglich, in kleineren Städten zumindest regelmäßig, blockieren sie Ämter, wichtige Verkehrswege, Unis. Blokada nennen sie den rollenden Protest. Blockade.
Am Sonntag schlossen sich die Studenten der Universität in Novi Pazar der landesweiten Blockade an. Das war die wahrscheinlich letzte größere öffentliche Uni, an der sie das nicht getan hatten.
Für sie hatte das Fass zum Überlaufen gebracht, dass eine Autofahrerin am Freitag eine Studentin aus Novi Pazar bei einer Protestaktion in Novi Beograd überfahren und schwer verletzt hatte.
Die Studenten gehen davon aus, dass das ein Anschlag war. Wie genau eine Woche davor, als ebenfalls in Beograd ein Autofahrer in eine Gruppe protestierender Studenten gerast war und eine Studentin schwer verletzt hatte. Er wurde wegen Mordversuchs angeklagt und sitzt in Untersuchungshaft.
In den Wochen davor hatten immer wieder Schlägertrupps die Demonstranten einzuschüchtern versucht. Es kam zu mehreren gewalttätigen Übergriffen. In den wenigsten Fällen hat die Staatsanwaltschaft bislang Anklage erhoben.
Die serbische Regierung und Serbiens Präsident Aleksandar Vučić versuchen seit Beginn der Proteste, die Studenten und die tausenden anderen Demoteilnehmer zu beschwichtigen, zu Gesprächen einzuladen, einzuschüchtern oder öffentlich als Agenten ausländischer Mächte zu diffamieren – häufig alles zugleich.
In Jagodina treffen die Welten aufeinander
In Jagodina in Zentralserbien trafen diese Welten am Freitag aufeinander.
Praktisch fliegend übergaben die tausenden Demonstranten den Hauptplatz der Stadt an die serbische Regierungspartei SNS. Die hielt dort am Abend ihr „Miting“ ab.
Eine Großdemo, mit der Vučić eine „Bewegung für den Staat“ ins Leben rufen will.
Je nach Schätzung sollen zwischen 14- und 40.000 Menschen auf die Regierungsdemonstration gekommen sein. Für den Großteil hatte die SNS Busse aus dem ganzen Land und drei Sonderzüge aus dem Süden organisiert. Letzteres eine beeindruckende Leistung angesichts des beklagenswerten Zustandes des Bahnverkehrs im Land.
Das regierungsnahe Boulevardblatt Informer machte daraus 100.000 Teilnehmer. Auf Basis welcher Tatsachen, erschließt sich unabhängigen Beobachtern nicht ganz.
Auf der Bühne griff Vučić auf sein Lieblingsrepertoire zurück. Bis zur Machtübernahme der SNS habe Chaos im Land geherrscht. Jetzt versuche die frühere Opposition, auf der Straße die Macht zu übernehmen, das Land werde von innen und außen angegriffen.
Die Kinder, die auf die Straße gingen würden „missbraucht“, klagte er die Organisatoren der Proteste an, und bot gleichzeitig den Studenten an, mit ihnen über Forderungen zu sprechen. Berichte über Übergriffe auf die Studenten seien teils erfunden.
Wie die „Bewegung für den Staat“ aussehen soll, ließ sich auch aus den Berichten regierungsnaher Medien wie des Telegraf nicht entnehmen. Das Blatt hatte auffälligerweise keinen eigenen Reporter zum Miting nach Jagodina geschickt sondern übernahm weitgehend die Berichterstattung der früheren staatlichen Nachrichtenagentur TANJUG.
Kritischer und distanzierter die Berichte in unabhängigen Medien – etwa die BBC oder die DW.
Vučić bleibt nur, die Fahne zu schwenken
Auf symbolischer Ebene scheint es, als habe das Regime den Massenprotesten nichts entgegenzusetzen.
Seit Monaten sind die roten Handschuhe im öffentlichen Raum in Serbien präsent. Als Anklage, dass Behörden und Regierung das Blut der 15 Menschen an den Händen hätten, die die Trümmer des Vordachs des Novi Sad Bahnhofs am 1. November erschlugen.
Als optisch emotionalster Moment des Miting in Jagodina wird in die Geschichte eingehen, dass Vučić die serbische Fahne schwang.
Das wirkt im Vergleich reichlich hilflos.
Deutlich wird das auch im öffentlichen Streit zwischen zwei Promis.
Diva attackiert Nole
Nole hatte Verständnis für die Anliegen der Studenten und Schüler signalisiert. Ausgerechnet er, den man mit seinen politischen Ansichten getrost dem traditionellen Lager zurechnen kann, sofern er sie denn äußert.
Und ausgerechnet die Diva. Sie hatte bis vor eineinhalb Jahren als Aushängeschild des progressiven Serbien gegolten. Am Höhepunkt der Proteste nach den Amokläufen in Beograd und Mladenovac lief sie ins SNS-Lager über.
Nole handle mit den besten Absichten, schrieb sie sinngemäß, habe sich aber geirrt. Er ließe sich von Faschisten instrumentalisieren.
Der Tennis-Star ging nicht auf die Angriffe ein.
Und selbst in Kosovska Mitrovica gingen die Menschen auf die Straße, um der 15 Opfer von Novi Sad zu gedenken und eine Aufklärung des Unfalls zu fordern.
Eine Straßenhündin wird zum emotionalen wie tragischen Symbol
Am Wochenende haben die Demonstranten ein weiteres tragisches wie emotionalisierendes Symbol für ihre Anliegen erhalten. Es ist die Straßenhündin Dona aus Novi Sad.
Ein Rettungsfahrer überfuhr sie Freitagmittag auf einer Kreuzung, als sie wie jeden Tag die Proteste schwanzwedelnd begleitet hatte.
Am Samstag gingen in Novi Sad zahlreiche Menschen mit dem Schildern auf die Straße „Sie war nicht nur irgendein Hund“. Und am Sonntag versammelten sich hunderte Novi Sader mit ihren Haustieren vor dem Rathaus.
Für Menschen weit über Serbien hinaus sind die Treue Donas zu den Studenten und ihr tragischer Tod zu einem Symbol für die Proteste geworden – auch dank des Sarajevoer Cartoonisten und Comic-Künstlers Midhat Kapetanović.

Dem scheinen weder SNS noch Präsident irgendetwas entgegensetzen zu können. Propagandistisch sind sie in der politischen Krise in Serbien ins Hintertreffen geraten.
(Eine Analyse der Hintergründe dieser Krise findet ihr.)
Ob das den Vergleich mit Polen 1989 rechtfertigt, sei dahingestellt.
Es gibt in Serbien keine oppositionelle Bewegung, die mit der Solidarnosc vergleichbar wäre.
Und mit Ausnahme des Sturzes von Slobodan Milošević im Oktober 2000 gab es in der serbischen Geschichte keine einzige erfolgreiche Protestbewegung.
Außerdem hat die SNS in der Vergangenheit gezeigt, dass sie mit Versprechen und dem Schüren von Angst sehr wohl Massen mobilisieren kann – vor allem in den Nationalistenhochburgen am Land, wie etwa in Jagodina.
Gut möglich, dass ihr etwas einfällt, das sie den roten Handschuhen und Dona entgegensetzen kann. Das freilich wird bedeutend kreativer sein müssen als die altbekannte Mischung aus Patriotismus, Kosovo und Regierungsdemos.
Aktuell sieht es so aus, als würde Vučić versuchen, die Krise auszusitzen. Die Bewegung, die er in Jagodina präsentiert hat, soll ab Mitte März Fahrt aufnehmen. Bis dahin, so offenbar die Hoffnung, werden sich die Proteste totgelaufen haben.
Ob die Rechnung aufgeht, sei dahingestellt. Seit ihrem Höhepunkt am Freitag scheinen die Proteste eher noch weiter Zulauf bekommen zu haben.
Titelfoto: Proteste in Vlasotinac. Bild: (c) Nikola Zdravković
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