Ana Gligić ist tot. Die weltbekannte Virologin verstarb im 91. Lebensjahr in Beograd. Neben ihren wissenschaftlichen Arbeiten trug sie vor allem dazu bei, die letzte Pockenepidemie Europas zu besiegen.
Das Leben von Latif Mumdžić konnte Ana Gligić Anfang März 1972 nicht mehr retten. Unzähligen weiteren ersparte ihr Einsatz eine Pockenerkrankung.
Nachdem der Lehrer nach mehrtägiger Irrfahrt von seinem Heimatdorf bei Tutin über das Krankenhaus von Čačak mit seltenen Infektionssymptomen nach Beograd gebracht wurde, diagnostizierte die damalige Leiterin des Nationalen Labors für Pocken, virales hämorrhagisches Fieber und Vektorkrankheiten schnell: Pocken.
Und setzte die Seuchenbekämpfung in Gang, die sie in einige der abgelegensten Gebiete des damaligen Jugoslawiens brachte. „Wir sind mit dem Auto und manchmal mit dem Helikopter in Gebiete gelangt, wo der Verdacht bestand, dass die Krankheit ausgebrochen war“, werden ihre Erinnerungen in den zahlreichen Nachrufen in Medien im ehemaligen Jugoslawien zitiert.
Eingeschleppt nach Jugoslawien hatten die Krankheit Pilger, die Mitte Februar von der Hadsch zurückgekehrt waren. Als Patient Null wurde Ibrahim Hoti aus dem Kosovo identifiziert. Er soll elf Menschen angesteckt haben, unter anderem Latif Mumdžić.
Wahrscheinlich dürften aber weitere Passagiere des Rückflugs aus Saudi Arabien infiziert gewesen sein.
Entsprechend verbreiteten sich die Pocken vor allem in den Gebieten, die mehrheitlich von religiösen Muslimen bewohnt waren: Im Kosovo und am angrenzenden Sandžak – die auch die ärmsten Gebiete Jugoslawiens waren und die mit der schlechtesten Infrastruktur.
Das machte es besonders schwierig, die Seuche einzudämmen.
175 Menschen erkrankten damals nach offiziellen Angaben. 35 starben, die meisten im Kosovo. Ganz gesichert sind die Zahlen nicht. Die renommierte Tageszeitung Danas spricht in ihrem Nachruf von 184 Erkrankten und an die 40 Toten.
Angesichts der Tatsache, dass sich die Pocken in einem relativ großen geographischen Gebiet verbreiten konnten, bevor Ana Gligić die ersten Proben erhielt und das Virus identifizieren konnte, ist das bei aller Tragik eine überschaubare Zahl an Erkrankten und Toten – und auf die Leistungen der damals noch nicht einmal 40-jährigen Ärztin und ihres Teams zurückzuführen. Auch wenn man bedenkt, dass damals knapp unter 90 Prozent der Bewohner Jugoslawiens gegen Pocken geimpft waren.
Es gelang offenbar auch, zu verhindern, dass die Seuche auf die benachbarten und ebenfalls armen Grenzregionen in Albanien und Griechenland übersprang.
Ana Gligić gilt zu Recht als Heldin.
Der Ausbruch 1972 war die letzte Pockenepidemie in Europa.
Sie isolierte als Erste das Marburg-Virus
Über dieser Leistung soll die wissenschaftliche Arbeit der 1932 im heutigen Kroatien geborenen Ärztin nicht verblassen.
Als erste Forscherin weltweit isolierte und beschrieb sie 1967 das Marburg-Virus. Mehr über diesen wissenschaftlichen Durchbruch, und warum bis heute etwa in der deutschsprachigen Wikipedia mehrheitlich anderen dieses Verdienst zugewiesen wird, könnt ihr in dieser wissenschaftlichen Arbeit nachlesen.
Das Marburg-Virus ist eine seltene Infektionskrankheiten, und mit einer durchschnittlichen Sterblichkeit von etwa 25 Prozent eine der tödlichsten.
Später konzentrierte sie sich darauf, hämorraghische Fieber zu erforschen. Mit ihrer Arbeit fand sie weltweit Anerkennung.
Ihren Kampf gegen Infektionskrankheiten setzte sie bis ins hohe Alter fort. Während der Corona-Pandemie war Ana Gligić gefragter Studiogast in serbischen Radio- und Fernsehsender. Dort klärte sie die Öffentlichkeit auf, wie wichtig epidemiologische Schutzmaßnahmen und Impfungen sind.
Kurz nach der Auffrischungsimpfung mit dem chinesischen Impfstoff erkrankte sie 2021 an Corona und war 13 Tage im Krankenhaus. Davon ließ sie sich nicht abschrecken. Sie habe sich wahrscheinlich vor der Impfung infiziert und habe mit 86 einige Grunderkrankungen, unter anderem eine Autoimmunerkrankung sagte sie in einem Interview. Sie hätte vor der zweiten Impfdosis noch etwas zuwarten sollen.
Die Impfungen gegen Corona seien immer noch das Beste, was man hätte.
In vielen Fällen hatte selbst die anerkannte Virologin angesichts der auch in Serbien sehr beliebten Verschwörungstheorien freilich keine Chance.
Am 5. Jänner verstarb Ana Gligić im 91. Lebensjahr in Beograd.
In einem gewissen Sinn war dieser Tod alles andere als leise. Zahlreiche Medien im gesamten ehemaligen Jugoslawien würdigen die Ärztin und Forscherin als jugoslawische Heldin. Etwa Slobodna Dalmacija oder die Sendung Face TV.
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