Danka: Aus Trauer wird Hetze

In Serbien nutzt der Boulevard die Trauer um die getötete zweijährige Danka Ilić aus Bor, um gegen die ethnische Minderheit der Vlachen zu hetzen. Man scheut nicht vor übelsten Gerüchten zurück.

Es hätte ein Moment der serbischen, ja der (ex-)jugoslawischen, Einheit werden können. Als bekannt wurde, dass Danka Ilić tot war, hielt das Land den Atem an.

In ihrer Heimatstadt Bor stand das öffentliche Leben still. Serben, Vlachen, Roma, Männer, Frauen, Kinder, alle waren entsetzt, dass das Mädchen tot war, das das ganze Land fast zwei Wochen lang gesucht hatte.

Auch in Kroatien, Bosnien, Montenegro, im Kosovo zeigten sich Menschen bestürzt, dass zwei Bedienstete der Wasserwerke die Kleine vor der Vikendica ihrer Eltern in Bansjko Polje totgefahren und ihre Leiche auf einer Mülldeponie entsorgt haben soll, um den Unfall zu vertuschen.

Die Tragödie um Danka ließ Menschen zusammenrücken, innehalten, sich bewusst werden, dass es Wichtigeres gibt als Nation und Ethnie, mit denen in der Region so viele Probleme zugedeckt werden.

Diesen Moment störte schon Serbiens Präsident Aleksandar Vučić. Er forderte kurz nach dem Bekanntwerden von Dankas Tod, dass die Todesstrafe in Serbien wiedereingeführt werde. Wie er das schon nach den Amokläufen im Vorjahr getan hatte.

Das löste Besorgnis und Irritation in der Zivilgesellschaft aus, blieb aber ansonsten ohne Folgen dafür, wie die Menschen über Dankas Tod und die Verdächtigen dachten, die mittlerweile in Untersuchungshaft sitzen.

Ein Drecksblatt lässt kein Vorurteil aus

Dann machte das regierungsnahe Boulevardblatt Informer die Ethnie der Verdächtigen zum Thema. Sie sind Vlachen.

Diese kleine romanisch-sprachige Minderheit hat um die Stadt Bor herum ihr Bevölkerungszentrum in Serbien. Vlachen* oder Vlasi sind ein beachtlicher Anteil der Bevölkerung in der Gegend.

Auf seinem Fernsehkanal Informer TV ließ das Blatt auch tatsächliche oder selbsternannte Experten zu allem und jedem über die tatsächliche oder vermeintliche Kultur der Vlachen schwadronieren, und vor allem, was das mit dem Tod von Danka zu tun haben solle.

Die Vorurteile, die es gegen Vlachen gibt, schwappten hoch wie der Bodensatz einer gekippten Lacke bei Starkregen. Magische Rituale, Clanwesen, Brutalität. Der Informer fand zu allem und jedem einen „Experten“, der zu belegen glaubte, was an Horrorgeschichten über „die Vlachen“ immer schon in einschlägigen Kreisen erzählt worden war.

Komplettiert wurde das damit, dass der Informer hartnäckig Gerüchte in die Welt setzte, Danka sei bei dem Autounfall nicht gestorben. Die Verdächtigen hätten sie nach dem Unfall in ihr Auto geladen und in einem Teich ertränkt, um das Verbrechen zu vertuschen. Diese Gerüchte fanden ihren internationalen Niederschlag. Auch früher renommierte Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau griffen sie in ihrer Berichterstattung auf – und das befeuerte den antivlachischen Furor zusätzlich.

Der Chef der Kriminalpolizei sagt einen Halbsatz

Ninoslav Cmolić, Chef der serbischen Kriminalpolizei, setzte dem eines drauf. In einer öffentliche Stellungnahme beschrieb er, dass die Ermittlungen im Tod von Danka schwierig seien.

Die Leiche des Mädchens wurde bis heute nicht gefunden. Die Verdächtigen würden sich gegenseitig beschuldigen – zu ihnen zählt mittlerweile auch der Vater eines der beiden Wasserwerkmitarbeiter. Er soll mitgeholfen haben, die Leiche zu verstecken. Ein Bruder des gleichen Verdächtigen erlitt einen Herzinfarkt, als ihn die Polizei verhörte, und starb im Polizeibüro.

Den Verdächtigen fehle es an Einfühlungsvermögen, und sie hätten einen niedrigen IQ. Was eine möglicherweise zutreffene Einschätzung konkreter Verdächtiger war, rückte er unmittelbar darauf selbst in einen Zusammenhang mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit.

„Opet samo to podneblje je nama čudno… narečje, govor…. Vlasi su…”.

„Wieder einmal ist uns das Umfeld hier fremd. Der Dialekt, die Sprache… Sie sind Vlachen“.

Es scheiden sich die Geister, ob das eine Entgleisung war oder eine reichlich ungeschickte Formulierung eines Spitzenbeamten.

Die Redaktion des Informer verstand es als Aufforderung, weiter gegen Vlachen zu hetzen.

Die Hetze behindert die Ermittlungen zum Tod von Danka

Dass das Blatt am nächsten Tag die deutliche Entgegnung von Novica Janošević abdruckte, dem Präsident des Zentralrats der Vlachen in Serbien, wirkte da eher alibihaft.

Dass die Hetze des Informer nicht nur indirekt schadet, indem sie das Klima vergiftet sondern gerade die Ermittlungen im Todesfall von Danka behindert, legt eine Aussage von Miki Janošević nahe. Er ist Vizebürgermeister von Bor und selbst Vlache.

Innerhalb der enormen Bemühungen, die Leiche des Mädchens zu finden, müssten Menschen die Zeit finden, der Öffentlichkeit zu erklären, dass Vlachen ganz normale Menschen sind: „Wir durchsuchen seit Tag und Nacht die Gegend und unterstützen niemanden, der ein solches Verbrechen begeht“.

Ein Hinweis, dass gerade in der Gegend von Bor viele Polizisten selbst der ethnischen Minderheit angehören und seit dem Verschwinden von Danka alles getan haben, was sie konnten, um die Zweijährige zu finden – auch, nachdem bekannt wurde, dass sie tot war.

Auch wenn der Informer bei der Hetze gegen Vlachen relativ isoliert dasteht – es zeigt auf, was schief läuft in Serbiens Mediensektor.

Wie das Ministerium für Menschen- und Minderheitenrechte mitteilte, ist es in Serbien verboten, dass Medien die ethnische oder nationale Zugehörigkeit von Verdächtigen nennen, wenn sie in keinem unmittelbaren Zusammenhang zur Tat stehen. Was das Blatt sehr offen schlicht ignoriert.

Freilich nicht der einzige gravierende Verstoß gegen Medienethik, wie die renommierte staatseigene Tageszeitung Politika erinnert: „Die Verfolgung einer nationalen Minderheit mit obligatorischen Clickbait-Schlagzeilen ist nur ein Teil der Medienmathematik, die den Schmerz, das Leid oder Ethik nicht anerkennt. Deshalb haben wir erlebt, dass im Fall von Banjsko polje, genau wie nach den Morden in „Ribnikar“, Mali Orašje und Dubona, gegen den gesamten ethischen Kodex für Journalisten verstoßen wurde.“

*Für diese Bevölkerungsgruppe haben sich im Deutschen mehrere Schreibweisen eingebürgert. Balkan Stories verwendet hier jene, die der in Serbien gebräuchlichen Schreibweise am nächsten kommt.

Über die Minderheit der Vlachen gibt es sehr wenig frei zugängliches seriöses Material. Der Ausdruck kann sich auf mehrere unterschiedliche Gruppen am Balkan beziehen – für die gleichzeitig immer wieder auch Begriffe wie Aromunen oder Aromanen gebräuchlich sind. Problematisch ist mitunter auch die Abgrenzung zu den Rumänen, deren Sprache mit der Sprache der Vlachen eng verwandt ist. Eine historische Abhandlung findet ihr HIER. Studenten der Uni Jena berichten HIER von einer Studienreise in vlachische Gebiete in Serbien. Einen Überblick findet ihr auch auf der Seite des Zentralrats der Vlachen in Serbien.

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