Eine entgleiste Straßenbahn hat Ende vergangener Woche einen jungen Künstler in Sarajevo getötet und ein 17-jähriges Mädchen schwer verletzt. Seitdem protestieren täglich bis zu mehrere tausend Menschen gegen Missstände in der Stadt. Der Unfall rüttelt Mensch weit über Bosnien hinaus auf.
Hunderte Straßenbahnfahrer und normale Sarajlije standen am Sonntag vor dem Hauptgericht in Sarajevo in Stadtzentrum. In der Menge viele Schüler und Studenten und Mitglieder der Familie von Ella Jovanović.
Ärzte kämpfen seit Donnerstag um das Leben der Schülerin. Sie war schwer verletzt worden, als eine Straßenbahn an der Haltestellte vor dem Nationalmuseum entgleiste. Der 17-jährigen musste ein Bein amputiert werden.
Das Gericht entschied über den Antrag der Staatsanwaltschaft, den Fahrer der Straßenbahngarnitur in Untersuchungshaft zu nehmen. Die sah menschliches Versagen als Ursache für den Unfall. Das Gericht sah die Gründe für U-Haft nicht gegeben.
Als der Straßenbahnfahrer Donnerstagnachmittag das Gericht verließ, applaudierten die Demonstranten. Viele trugen Schilde „Svi mi smo Adnan“. „Wir sind alle Adnan“. Adnan Kasapović, so heißt der Straßenbahnfahrer.
Zeitgleich hatte sich eine größere Menge vor dem Schauplatz des Unfalls und dem nahegelegenen Parlament versammelt. Nicht nur um Erdoan Morankić‘ zu gedenken, dem 23-jährigen Künstler, den die entgleiste Straßenbahn in der Haltestelle getötet hatte.

Die Nachricht seines Todes erschütterte nicht nur die Akademie der Bildenden Künste, wo der junge Mann aus Brčko als vielversprechendes Talent gegolten hatte. Große Teile der Kulturwelt der Stadt bringen ihre Trauer über seinen tragischen Tod zum Ausdruck, etwa das Stadtmuseum von Sarajevo oder das Kultur- und Sportministerium des Kantons Sarajevo.
Parallelen zu Novi Sad
„Wie viele noch?“ fragten die Demonstranten auf ihren Schildern. Viele trugen Schilder mit den Roten Händen der Massenproteste in Serbien. Sie stehen für das Blut, das die politisch Verantwortlichen der Region nach Meinung der Demonstranten an ihren Händen haben.

So wie Korruption verantwortlich ist für den Kollaps des frisch renovierten Vordachs des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad mit 16 Toten am 1. November 2024, so sehen viele Sarajlije den Zustand des öffentlichen Verkehrs in der Stadt und des Verkehrs in der Stadt im Allgemeinen als verantwortlich für den Tod Erdoans und die schweren Verletzungen Ellas.
(Eine Bildergalerie der Proteste könnt ihr auf der Seite von Radio Sarajevo sehen. Balkan Stories kann die Fotos hier aus Coypright-Gründen nicht wiedergeben.)
Es gibt einige Parallelen zwischen den beiden Tragödien.
Wie der Bahnhof von Novi Sad ist auch das Straßenbahnsystem in Sarajevo vor Kurzem renoviert worden. Die mittlerweile 25 neuen Garnituren aus der Schweiz wurden mit sehr viel Pomp eingeweiht.
Der Öffentliche Verkehr in Bosniens Hauptstadt mag weiter seine Mängel haben (siehe diese Reportage), aber die Schieneninfrastruktur wirkt solide.
Wären da nicht die alten Garnituren, die nach wie vor der Großteil der Straßenbahnen Sarajevos sind.
Es war eine dieser Garnituren aus den seinerzeit tschechoslowakischen Tatra-Werken, die Adnan Kasapović am Donnerstag fuhr.
Viele halten alten Tatra-Garnituren für ungeeignet für die neuen Schienen und für unsicher.
Dazu kommt, dass GRAS seit Jahren in finanziellen Schwierigkeiten steckt. GRAS ist das städtische Verkehrsunternehmen Sarajevos.
Der Zustand besteht mindestens seit der Vorvorgängerregierung der jetzigen Stadt- und Kantonalregierung,
Hier wird es politisch, auf einer Ebene, die sich stark von den Massenprotesten in Serbien unterscheidet.
SDA versucht, die Proteste zu vereinnahmen
Die klerikal-nationalistische Partei SDA ist auf die Proteste nach dem Unfall aufgesprungen. Sie schiebt der aktuellen Stadtregierung die Schuld in die Schuhe, schürt Misstrauen gegen die Renovierung der Straßenbahnschienen und stellt Korruption in den Raum, ohne das Wort selbst zu benutzen.
Dass sie selbst die meiste Zeit nach dem Krieg das Sagen in Sarajevo hatte, dass in ihrer Zeit GRAS heruntergewirtschaftet wurde und zeitweise de facto insolvent war, hängt sie nicht an die große Glocke. Ebenso den Umstand, dass erst neue Straßenbahngarnituren angeschafft wurden, als sie aus Stadt- und Kantonalregierung gewählt worden war.
Unter der SDA war jahrzehntelang ein Sammelsurium an alten Tarta-Garnituren und gespendeten Straßenbahnen aus der Türkei und Wien auf der Straßenbahnlinie der bosnischen Hauptstadt gefahren, mehr schlecht als recht gewartet. Noch nicht einmal die Stationsdiagramme der türkischen Garnituren im Inneren hatte man ausgetauscht.
Die Demonstranten der vergangenen Tage, sie sind keine SDA-Schergen. Aber die SDA versucht, sie zu vereinnahmen.
Auch in Serbien hatte die Opposition versucht, die Massenproteste zu vereinnahmen. Sie scheiterte kläglich.
Premierminister des Kantons zurückgetreten, viele Fragen offen
Es gibt einen weiteren Unterschied auf der politischen Ebene. Nihad Uk trat zurück, der junge Premierminister des Kantons Sarajevo von der liberalen Partei Naša stranka. Er legte seine Ämter am Sonntag zurück. Die Stimme der Bürger sei ihm wichtiger als sein Amt, erklärte er.
Es ist ein seltener Akt politischer Verantwortung. Nicht nur, aber vor allem in Bosnien.
Uks Rücktritt klärt freilich die langfristige und möglicherweise juristische Verantwortung einer Reihe politischer Entscheidugsträger über einen längeren Zeitraum nicht.
Das können nur Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nach dem tragischen Unfall vom Donnerstag. Die freilich hat sich auf Straßenbahnfahrer Adnan Kasapović eingeschossen.

Wie Dragan Bursać in seiner Kolumne für Radio Sarajevo schreibt: „(…) das System sucht stets nach einem Schuldigen. Denn ein Schuldiger beruhigt die Öffentlichkeit. Und der springende Punkt ist, dass das System sich selbst selten als Ursache erkennt. (…) Und während die Öffentlichkeit so mit einem Mann beschäftigt ist, bleiben die wahren Ursachen in den Tiefen der Bürokratie, der Budgets und der politischen Entscheidungen verborgen.“
Die renommierte investigative Sendung Face TV fasste am Wochenende den Ermittlungsstand zusammen.
„Wie viele noch?“
Der tödliche Unfall vom vergangenen Donnerstag und der Tod von Erdoan Morankić rütteln Menschen weit über Bosnien hinaus auf. Vor allem Medien in Serbien berichteten ausführlich über die Tragödie. Siehe diesen langen Nachruf in der Tageszeitung Telegraf oder diesen Bericht von Blic.
Nicht nur in Bosnien wissen die Menschen, dass sehr wahrscheinlich ein langes Systemversagen die Straßenbahn entgleisen ließ, die Erdoan tötete und Ella schwer verletzte. Dass es Zeit ist, zu fragen, wer dieses versagende System errichtet hat und wer aufrechterhält. Dass dieses versagende System die ganze Region beherrscht.
Oder, um es mit der zentralen Botschaft der Demonstranten in Sarajevo zu formulieren: „Wie viele noch?“
Titelfoto: Žarko Bogosavljević via Twitter/X.
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