Die Kuppel des serbischen Parlaments in Beograd, fotografiert durch die eingeschlagene Scheibe eines Traktors. Sinnbild für die tiefe politische Krise Serbiens.

Die politische Krise verursacht Halbstille

Offiziell aus Sicherheitsgründen hat die Stadt Beograd das traditionelle Silvester-Open Air-Konzert am Trg Republike abgesagt. Beobachter sehen das als Reaktion auf die tiefe politische Krise im Land.

Beograds Bürgermeister Aleksandar Šapić von der klerikalnationalistischen Partei SNS von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić zeigt sich firm: Das traditionelle und traditionell riesige Open Air-Konzert der Stadt zu Silvester wird abgesagt. Man wolle die Sicherheit der Besucher nicht gefährden.

Wer hier an Drohungen möglicherweise islamistischer Terroristen denkt, liegt falsch. Das ist nicht einmal die offizielle Begründung.

Šapić sagt, er befürchte, dass nicht näher genannte Gruppen versuchen könnten, in abgesperrte Bereiche des Konzerts vorzudringen. Das sei im Vorjahr passiert. Damals hätten sich Jugendliche im abgesperrten Bereich aufgehalten. Polizei und Securities hätten die Möchtgern-Eindringlinge gerade noch abdrängen können.

„Solange wir nicht sicher sein können, dass 500 oder 1.000 Menschen versuchen, in das Konzert einzudringen und die Kinder zu traumatisieren, werden wir keine Silvesterfeier veranstalten“, sagte Šapić gegenüber Medien.

Überprüfen lassen sich die Angaben schwer.

Die tiefe politische Krise Serbiens lässt den interessierten Beobachter solche Begründungen auch eher skeptisch beurteilen.

Legt Ćacilend das öffentliche Leben in Beograd still?

In den vergangenen Monaten hatte es rund um die lange friedlichen Massenproteste von Serbiens Studenten und desillusionierten Bürgern immer wieder Ausschreitungen gegeben.

In den meisten Fällen ging die Gewalt von Sympathisanten der serbischen Regierung aus, auch Polizeigewalt gegen die Demonstranten ist dokumentiert.

(Mehr über die Proteste in Serbien könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.)

Die Sympathisanten der Regierung, die offiziellen Gegendemonstranten, haben in unmittelbarer Nähe des traditionellen Silvesterkonzerts ihr halblegales Hauptquartier: Ćacilend.

Ćacilend ist ein nie genehmigtes Zeltlager im Pionirski Park zwischen Präsidentenpalast und Parlament. Hier hausen seit zehn Monaten die so genannten Ćaci. Offiziell sind sie Studenten, die nur studieren wollen, und den landesweiten Unistreik und die Massendemonstrationen der überwältigenden Mehrheit der Studenten im Land ablehnen.

Wer über die Polizeisperren rund um Ćacilend einen Blick in das Zeltlager wirft, wird feststellen, dass die meisten Ćaci aussehen, als seien sie direkt aus dem Ultrassektor von Crvena Zvezda ins Stadtzentrum gekommen.

Dazu kommt häufig ein auffällig hoher Anteil an ehrwürdig ergrauten Männern.

Einen Eindruck gibt diese Fotogalerie. Die Fotos stammen aus dem März diesen Jahres.

(Mehr über dieses Lager könnt ihr unter anderem hier lesen und sehen.)

Die von der Polizei geschützten Ćaci gelten als ausgesprochen gewaltbereit.

Zudem befand sich traditionellerweise eine zweite Bühne just an dem Platz, an dem heute Ćacilend liegt.

Die Stadtverwaltung hat bislang keine Anstalten gemacht, den Platz für das Konzert zu räumen.

Massenproteste als eigentlicher Hintergrund der Absage

In den vergangenen Wochen haben mehrere Gruppen der streikenden und protestierenden Studenten angekündigt, dass sie zu Silvester größere Aktionen in Serbiens Hauptstadt planen würden.

Es erscheint plausibel, dass die SNS-geführte Stadtregierung befürchtet, dass es zu Zusammenstößen zwischen Studenten und Ćaci kommen könnte.

Dass das das eigentliche Motiv ist, das traditionelle Silvesterkonzert abzusagen, liegt nahe. Auch in Serbien interpretieren das etliche Beobachter so.

Für diese These spricht, dass das Konzert erst am 11. Dezember abgesagt wurde.

Offizielle Feiern in nur fünf serbischen Städten

Dass die Absage in Beograd etwas mit tiefen politischen Krise zu tun hat, zeigt sich auch darin, dass die meisten Stadtverwaltungen des Landes die traditionellen öffentlichen Silvesterfeiern abgesagt haben.

Nach Recherchen des unabhängigen Portals Nova.rs wird es nur in Čajetina, Bor, Vrnjačka Banja, Kragujevac und Sokobanja Silvesterkonzerte geben. Das ist denkbar wenig.

Für die These, dass die Stadt Beograd das Konzert wegen Ćacilend und der anhaltenden Massenproteste abgesagt hat, spricht auch, dass es in der Stadt sehr wohl Großveranstaltungen im öffentlichen Raum geben soll.

Im neuen und skandalgeplagten Stadtviertel Beograd na vodi am Sava-Ufer etwa gibt es ein offizielles Programm mit Musik, Feuerwerk und allem Drum und Dran.

Laut Bürgermeister Šapić hat das mit der Stadtverwaltung nichts zu tun. Die Feier werde privat organisiert.

Als ob sich auf einer privat organisierten Feier im öffentlichen Raum noch nie Sicherheitsbedenken gestellt hätten.

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