Die Klimadebatte läuft völlig falsch. Daher produziert sie unweigerlich einen Rechtsruck. Auf so ziemlich allen Ebenen, nicht nur im Wahlverhalten der Massen.


Dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zwingt Menschen ohne Geld dazu, immer mobiler zu sein, damit ihre Arbeitskraft flexibler verwertet werden kann.

Es sind Migrationsbewegungen entstanden in einer Dimension, die es nie vorher gab. Und zwar vorwiegend innerhalb Europas, und hier vorwiegend innerhalb der EU. Was von der außereuropäischen Peripherie hereinschwappt, ist im Vergleich in der Dimension lächerlich.

(Alles andere als lächerlich ist, dass man die Leute ersaufen lässt, weil ein paar Bürger besorgt sind.)

Auch in Afrika, Asien und Amerika passieren die Migrationsströme – auch sie bisher unbekannten Ausmaßes – innerhalb der Kontinente und in der Regel zwischen benachbarten Staaten.

Nun werde ich ganz sicher nicht Migration kritisieren. Aber man muss die sozialen Verwerfungen auch offen an- und aussprechen. Die Leidtragenden sind übrigens die Migranten.

Und man kann, darf und soll auch ansprechen, dass diese Migrationsströme nicht aus einem plötzlichen Ausbruch allgemeinen Kosmopolitismus‘ entstanden sind, sondern aus Armut und dem steigenden Druck, unter dem Besitzende die Arbeitskraft derer verwerten, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft.

Wie gesagt, man verlangt von immer mehr Menschen, dauerhaft mobil zu sein, damit sie überhaupt ihre Arbeitskraft unter Bedingungen verkaufen können, von denen sie auch irgendwie leben können.

Ein Phänomen übrigens, von dem auch die „einheimischen“ Arbeitnehmer in Industrieländern immer mehr betroffen sind. Siehe Pendlerstatistiken.

Die wenigen Vorteile sollen auch verschwinden

Die Klimadebatte, wie sie jetzt geführt wird, läuft darauf hinaus, den Menschen die ganz wenigen Vorteile zu nehmen, die die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre gebracht haben. Einer dieser Vorteile ist, dass sie sich Reisen unter halbwegs angenehmen Bedingungen zumindest ab und zu leisten können.

Man verlangt von ihnen zu reisen, wenn es notwendig ist, ihre Arbeitskraft zu verwerten.

Wollen sie reisen, um sich zu erholen, die Welt kennenzulernen – oh, ist das nicht ein Ideal unserer bürgerlichen Eliten? Sollten wir nicht alle viel internationaler, viel vernetzter sein? – oder auch nur, um die Freunde und die Familie zu besuchen, die sie zuhause zurückgelassen haben, sagt man ihnen: Nein, das dürft ihr nicht. Klima!

Nur mehr Reiche sollen sich Reisen leisten können! Ihr habt über eure Verhältnisse gelebt!

(Das angesichts der Tatsache, dass die Realeinkommen der unteren 20 bis 30 Prozent, je nach Land, in den vergangenen 20 oder 30 Jahren gesunken sind.)

Bleibt ja zuhause!

Der einfache Arbeiter, die einfache Arbeiterin, hat halt keine Freunde und Familie zu haben, die mehr als 50 oder 100 Kilometer vom Wohnort entfernt leben.

Wozu an die Adria fahren wollen, wenn es doch das Gänsehäufel gibt? Da hat sich der Pöbel rumzutreiben und die schönen Strände gefälligst denen zu überlassen, die den Unterschied zwischen Parmesan und Grana Padano kennen.

Weil das auch nicht reicht, richten die Greta Thunbergs dieser Welt, diese Oberschichtsvertreter mit ihrem pseudorevolutionärem Gestus, den Leuten aus, dass ihr Essen auch eigentlich viel zu billig ist. Überhaupt, die Massen sollen schmerzhaften Verzicht üben, auf allen Ebenen.

Liebe Leute dieser Welt, die ihr nichts zu verkaufen habt als Eure Arbeitskraft: Seit Jahrzehnten wecken die Produzenten dieser Welt mit immer ausgefeilteren Werbetechniken Begehrlichkeiten und Bedürfnisse. Schämt Euch in Grund und Boden, dass ihr darauf reingefallen seid! Im Grunde seid ihr Schuld! Genau das ist die Botschaft.

Ein halbwegs angenehmes Leben, das sollen sich nur die Reichen leisten können. Die in den vergangenen Jahrzehnten von der Arbeitskraft der Durchschnittsbevölkerung immer reicher geworden sind. Reich in einem Ausmaß, das noch vor 20 Jahren als völlig unvorstellbar galt.

(Beeindruckend übrigens die naive Marktgläubigkeit, die den Forderungen nach Verteuerungen zugrundeliegt. Der Markt wird’s schon richten, schreit das. Dass Märkte eben nichts richten, hat uns ja erst in das Schlamassel gebracht.)

Worüber gesprochen werden sollte

Nicht reden, oder nur sehr oberflächlich, tun die Greta Thunbergs dieser Welt über diesen Umstand. Und noch weniger über den Umstand, dass es eben die kapitalistische Produktionsweise ist, die Ressourcen verschwendet und Treibhausgase produziert.

Wir produzieren Nahrungsmittel im Überfluss und schaffen es nicht, sie so zu verteilen, dass auch verlässlich niemand verhungert. Und wenn wir das geschafft hätten, hätten wir immer noch Überproduktionen zu reduzieren.

Will natürlich keiner. Wer Geld hat, kann sehr gut leben von diesen Ineffizienzen.

Noch besser leben davon kann man natürlich, wenn, wie von den Greta Thunbergs dieser Welt gefordert, Nahrungsmittel teurer werden.

Nahrungsmittelproduktion ist nicht der einzige Bereich, in dem massiv Ressourcen verschwendet werden und damit Treibhausgase rausgeblasen noch und nöcher.

Man möge kritischen Blick auf die Handelsströme dieser Welt werfen. Man wird erbleichen, was alles unnötigerweise über die Ozeane geschippert wird um ein paar Cent Profit pro Tonne zu erwirtschaften.

Möglich ist das vor allem, weil man irgendwo immer Leute findet, deren Arbeitskraft man noch schlechter bezahlen kann.

Alleine dadurch, dass man vielleicht auch den Warentransport teurer macht, wird man das nicht lösen. Das kann man nur glauben, wenn man sehr, sehr marktgläubig ist.

Dass ein sehr zentraler Teil der Lösung ist, die Arbeitskraft der Menschen an der Peripherie besser zu bezahlen, das kommt natürlich nicht vor in der Debatte.

Dann, und nur dann, würde sich das Spiel aufhören, dass man Baumwolle vom Aralsee etwa in der Mongolei zu Stoff spinnen lässt, den Stoff in Bangladesh zu T-Shirts verarbeiten, die man in Vietnam bedrucken lässt um sie in Deutschland, Österreicher oder sonsteinem reichen Land um ein X-faches der Produktions- und Transportkosten aber immer noch zum Schleuderpreis verkauft.

Das Verkaufspersonal ist höchstwahrscheinlich aus der europäischen Peripherie zugewandert und kriegt nur unwesentlich mehr bezahlt als einen Hungerlohn, aber immer noch erheblich mehr als zuhause.

Wahrscheinlich ist das Verkaufspersonal weiblich und deswegen besonders schlecht bezahlt.

Und, hier schließt sich der Kreis, wenn diese Verkäuferin nachhause reisen will und dabei vielleicht nicht tagelang unterwegs sein – sofern sie sich das unter jetzigen Bedingungen überhaupt leisten kann – sagt man ihr dann, sie sei egoistisch, die eigentlich Schuldige am Klimawandel, sie soll sich nicht so anstellen, weil das ist ja alles immer noch viel zu billig. Aber toll, dass sie da ist, weil kulturelle Bereicherung und so.

Die Satten predigen den Hungrigen Verzicht

Es predigen die Satten den Hungrigen Verzicht.

Das ist so unfassbar zynisch, man findet kaum Worte.

Diese Haltung ist aus sich heraus konservativ bis reaktionär, also rechts.

Verschärfend kommt hinzu, dass sie in einer Selbstbestätigungsschleife ist.

Die Moralisch Gerechten, die Zukunftsbesorgten, die Weltversteher, die sich selbst für erleuchtet haltenden naiven Pseudokapitalismuskritiker, sehen in jeder Kritik an ihrem arroganten, tief religiös gefärbten, abgeschmackten, Gefasel von den Massen, die gefälligst den Gürtel enger schnallen sollen, nur beharrende Kräfte, die wollen, dass sich nichts ändert.

(Dass gerade sie es sind, die wollen, dass sich an den Macht- und Produktionsverhältnissen auf dieser Welt nichts ändert – geschenkt. Das Wort Kapitalismus darfst du in diesen Kreisen ja nicht mal aussprechen.)

Jegliche Kritik an der Konsumverzichtshysterie bestätigt die Menschen also in ihrem Gefühl der moralischen und sonstigen Überlegenheit.

Das treibt zu Recht Besorgte aber zu Unrecht Uninformierte in ihre Arme.

Kurz: Immer mehr Angehörige der Mittelschicht und der Oberschicht übernehmen diese im Kern konservative bis reaktionäre Haltung. Man will sich ja der eigenen moralischen Überlegenheit vergewissern.

Bis zu einem gewissen Grad muss man Verständnis haben für diese Haltung.

Es ist einfacher, die Massen zu Verzicht zu zwingen als die Produktionsverhältnisse zu ändern.

Nur löst halt der gepredigte Verzicht sehr wenig. Den Klimawandel wird er nicht aufhalten.

Aber es werden sich nicht wenige Besitzende an diesem Verzicht eine Goldene Nase verdienen. Klingt paradox. Ist aber zwangsläufig so, wenn Waren und Dienstleistungen teurer werden.

Von den arbeitenden Massen kommen sich nicht wenige ob dieses zynischen Geschwafels zu Recht verarscht vor.

Jahrzehntelang hat man die Arbeitsbedingungen gerade für die am schlechtesten Verdienden verschärft. Im Lauf der Jahrzehnte sind ihre Einkommen langsamer gestiegen als die Inflation. Sie können sich also um ihre Arbeit immer weniger leisten.

Gleichzeitig hat man ihnen den Sozialstaat weitgehend abmontiert. Sie sind ja, so die allgemein gewordene Überzeugung, faule Hunde, die man mit der Knute treiben muss, ihre Arbeitskraft wohlfeil zu verkaufen.

Wohlfeil, wohlgemerkt, für den, der von ihrer Arbeitskraft lebt.

Man schickt sie kreuz und quer durch die Gegend, damit sie ihre Arbeitskraft verkaufen können.

Sagt ihnen gleichzeitig, dass sie eigentlich eh Überflüssige sind, Unqualifizierte, wie’s so schön heißt, deren Arbeitskraft man eh nicht mehr braucht oder zumindest sehr bald nicht mehr brauchen wird – ihr habt euch halt für den falschen Bildungsweg entschieden, was soll man da machen – und nur mehr aus einem Gnadenreflex heraus überhaupt in Anspruch nimmt. Man ist ja nicht so und hat auch ein Herz für die weniger Begüterten.

Jetzt sagt man ihnen: Ihr seid am Klimawandel schuld, ihr habt über Eure Verhältnisse gelebt! Schämt Euch! Verzichtet! Lasset fahren die wenigen Annehmlichkeiten, die die widrigen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gebracht haben! Ihr seid ihrer nicht würdig!

Das kommt vorwiegend von Bewegungen, die sich nach außen als links geben und sich vielleicht selbst als links verstehen.

Was von den klassischen Arbeiterparteien übrig geblieben ist, hat zum Thema überhaupt nichts zu sagen als Platitüden – und wenn doch, predigen auch sie Verzicht.

Sie machen’s vielleicht ein bisschen netter als die Fundis. Das ist auch der einzige Unterschied.

Die Einzigen, die eine andere Botschaft haben, sind die andere Fraktion derer, die wollen, dass sich nichts ändert.

Die sagen: Den Klimawandel gibt’s nicht. Alles paletti. Weitergehen, es gibt nichts zu sehen.

Dreimal darf man raten, wessen Botschaft für die Hungrigen, denen die Satten Verzicht predigen, attraktiver ist.

Dass sich die Leute damit selbst ins Fleisch schneiden, wissen sie häufig sogar – aber sie freuen sich diebisch darüber, dass sie’s denen gezeigt haben, die ihnen seit Jahrzehnten ihre Überflüssigkeit vorbeten.

Ist auch keine Lösung. Man fühlt sich nur ein bisschen besser. Und ahmt damit in Wahrheit nur das Verhalten der Verzichtsprediger nach.