Ich will das Bild von Henryk Broder und Alice Weidel von der AfD nicht teilen. Geistert eh durch alle Kanäle. Da zeig ich lieber ein Katzenbild. Überraschend ist allenfalls, dass die freudige Zusammenkunft erst jetzt passiert. Es ist symptomatisch für die aggressive Weltflucht von Teilen des Bürgertums.

Henryk Broder bedient seit 15 Jahren in immer steigender Polemik und teils Hysterie die Narrative dieser Leute.  (Siehe HIER.)

Mehr ist über diese Banalität nicht zu sagen.

Genausogut hätte Peter Sloterdijk auf dem Bild sein können, der Thilo Sarrazin der Alphabetisierten. Auch der spielt seit Jahren den Untergang des Abendlandes durch und vernichtet en passant die Moderne. (Siehe HIER.)

Intellektuell hat das wesentlich größeres Gewicht als ein Henryk Broder. Revolutionär oder gar mutig ist es freilich auch nicht.

Sloterdijk kleidet seit jeher die banalen Vorurteile sich für gebildet haltender Schichten in gelahrte Worte. Nachdem sie für jedermann offensichtlich sind.

Der hoch geschätzte Philosoph ist kaum mehr als ein allenfalls wortgewaltiger Hinterherdenker.

Wer das völlig überrascht als eine plötzliche, allenfalls sich seit 2015 abzeichnende, Verrohung des Bürgertums hält, hat den Leuten eben nicht zugehört. Das als „Verrohung“ abzutun, verharmlost die Sache ohnehin.

Die Entwicklung war zu sehen, da hätten die besorgtesten aller Bürger Pegida noch für ein billiges Rasierwasser gehalten.

Wer sehen wollte, konnte es sehen. Broder ist da nur eine irrelevante Randfigur.

Nach oben buckeln, nach unten treten

Die Fratze, die einem entgegenstarrt, ist ein guter Teil des Bürgertums, wie er immer schon war.

Die feinen Damen und Herren spüren, dass von weiter oben viel zu wenig heruntertröpfelt – Trickle down hat eben nie funktioniert – und sie geben denen weiter unten die Schuld.

Den Migranten, den Anderen, den Arbeitenden, den Arbeitslosen, den alleinerziehenden Müttern, den Kinderlosen, je nach persönlichem Geschmack.

Das müssen sie in gewisser Hinsicht auch tun. Die wenigsten verfügen über den ökonomischen Verstand und die Ehrlichkeit, die Entwicklung zu erkennen, zu verstehen und zu benennen.

Es an irgendwelchen offensichtlichen gesellschaftlichen Dynamiken festzumachen, vorzugsweise einem wehleidigst beklagten Werteverfall, ist einfacher.

Es ist auch wesentlich gefahrloser auf die da unten herunterzutreten als gegen die Macht- und Gesellschaftsstrukturen vorzugehen, die die Misere erzeugt haben.

Das einzig Tragische an der Sache ist, dass sich Leute wie Broder, Sarrazin, Sloterdijk, Alexander Gauland und wie auch immer sie heißen mögen, auch noch für unglaublich mutig und intelligent halten.

Eine feige Bande sind sie, nichts mehr.

Die Anständigen

Es gibt auch andere Teile des Bürgertums.

Ein guter Teil schwankt. Versteht, dass der neoliberale Konsens, auf den die westlichen Demokratien und Wirtschaftssysteme eingeschwenkt sind, nicht funktioniert.

Der will das Rad der Zeit nur ein wenig zurückdrehen. Zu den Zeiten, als in den westlichen Industrieländern dank Wirtschafstaufschwungs und Keynesianismus die Lage wirklich besser war.

Als man sich Moral leisten konnten, wenn man Konservativer oder Liberaler war.

(Dass der jahrzehntelange Erfolg des Modells in einem erheblichen Ausmaß darauf gründete, dass die stalinistischen Staaten als Bedrohung wahrgenommen wurden und man auf jeden Preis vermeiden wollte, dass es zu linken Revolutionen kommt, sei nur am Rande erwähnt.

Mit den Bayonetten der Roten Armee im Rücken macht man den werktätigen Massen eben schneller Zugeständnisse als ohne.

Als sich ab den 70-ern herausstellte, dass die werktätigen Massen, denen es besser ging als denen jenseits des Eisernen Vorhangs, nicht im Traum an Revolutionen dachten, machte man ohnehin keine mehr. Die Bayonette der Roten Armee waren stumpf geworden.

Neoliberalismus ist Kapitalismus ohne Rote Armee.)

Mittlerweile kann man eigentlich nicht mehr. Dazu fließt zu viel Geld an die Eigentümer der Produktionsmittel und die Eigentümer des Kapitals, das diese Produktionsmittel erst ermöglicht hat.

Um das Kind beim Namen zu nennen.

Das soll den Angehörigen der Mittelschicht, die sich vehement gegen Ungerechtigkeiten einsetzen, ihr Engagement nicht nehmen und ihre Kämpfe nicht ins Lächerliche ziehen.

Ohne sie stünden wir noch viel schlechter da.

Und wer uneigennützig Schwächeren hilft, hat Anerkennung verdient.

Die identitären Schwätzer

In den Reaktionen auf das banale Foto von heute fehlten die Wortmeldungen nicht, Broder sei eben ein alter weißer Mann, und denen gehe es jetzt zurecht an den Kragen.

Diese Meinung vertritt ein weiterer Teil des Bürgertums, vorwiegend ein junger.

Offen gestanden, von den drei Hauptrichtungen ist das mit Abstand der Dümmste.

Dass die sich für links halten, und dass dieses identitäres Gewäsch allgemein als links gilt, ja als Paradebeispiel der neuen Linken, zeigt nur, wie sehr der neoliberale Diskurs die Dimensionen verschoben und intellektuelle Ödnis erzeugt hat.

Ja, Broder ist ein alter weißer Mann.

Die ihn umarmende Alice Weidel ist es nicht.

Auch wenn jetzt, ganz auf Judith Butler getrimmt, manche – nicht alle – Vertreterinnen und Vertreter des 3rd-Wave-Feminismus, der Critical Whiteness, oder der Queer-Bewegung einwerfen werden, sie erfülle eben die Rolle eines alten weißen Mannes, also sei sie auch einer. Irgendwie halt.

Es ist kein Geheimnis, dass wir, je nach Geschmack, in einem patriachalen Kapitalismus oder in einem kapitalistischen Patriachat leben.

Rassismus rundet das Ganze ab.

Frauen und – in praktisch allen westlichen Industriegesellschaften – Menschen dunklerer Hautfarbe zu diskriminieren, hält Löhne niedrig, verhindert, dass sich Menschen wirksam organisieren und sorgt dafür, dass die Mächtigen unter sich bleiben.

In unseren Breiten sind das in der Regel eher ältere weiße Männer. So weit, so banal angesichts der Ausgangssituation und so ungerecht.

In afrikanischen oder asiatischen Gesellschaften haben die Machthaber eine andere Hautfarbe. Männer sind sie in der Regel auch. Und häufig deutlich reaktionärer als mächtige Menschen hier.

Woraus man sieht: Die Identität, oder was auch immer man dafür halten mag, allein bestimmt eben nicht den Standort.

Die soziale Situation ist viel entscheidender.

Dem „obersten“ Prozent soll wirklich nur mehr ein Prozent gehören

Wer die Rettung der Welt oder auch nur ihre Verbesserung allein daran festmachen will, dass es jetzt endlich den alten weißen Männern an den Kragen geht und dass es doch schön sei, dass die Angst haben, hat in Wahrheit schon längst den Anspruch aufgegeben, sich eine bessere Welt auch nur vorstellen zu können.

Nicht, dass irgendein Argument gegen 50:50 in Chefetagen, Aufsichtsräten etc. sprechen würde – das wäre höchst notwendig.

Aber die Welt wird nicht an sich besser, wenn das oberste Prozent, dem zwei Drittel des Planeten gehören, zur Hälfte aus Frauen besteht, zu x Prozent aus Menschen nicht-weißer Hautfarbe etc.

Siehe Alice Weidel.

Das Eigentum an Produktionsmitteln und Kapital verschwindet nicht, wenn man es ein bisschen nach den Grundsätzen des Diversity Management verteilt.

Die Welt wird besser, wenn dem „obersten“ Prozent wirklich nur ein Prozent gehört.

Dass Frauen nicht mehr diskriminiert werden, andere Teile der Bevölkerung ebensowenig, ist notwendige Voraussetzung für diese Entwicklung.

(Die Diskussion, ob zuerst das Patriachat verschwinden muss oder der Kapitalismus, oder ob es komplizierter ist, ist übrigens eine alte und wird nach wie vor teils erbittert geführt.)

Das ist nicht das einzige logische Problem an diesen identitären Diskursen.

Zwei Seiten der gleichen Medaille

Die Vertreterinnen und Vertreter erreichen mit ihrer Fixierung auf tatsächliche und vermeintliche Privilegien vor allem eines: Indem sie jegliche Nichtdiskriminierungserfahrung zum Privileg ausrufen, lassen sie die Diskriminierung sprachlich verschwinden.

Viel mehr kann man Neoliberalismus nicht verinnerlichen.

Das Spiel funkioniert nur, wenn man es auf Hyperindividualismus und Narzissmus aufbaut, samt dem klassischen neoliberalen Euphemismus, der oft genug in die sprachliche Hysterisierung kippt.

Jeder will Opfer sein und keiner Opfer genannt werden. (Das nennt man heutzutage übrigens „Überlebende“).

Also schafft man feinziselierte Opferhierarchien, in der es keine Opfer mehr gibt sondern nur mehr Schuldige.

Danke.

Aber das nur am Rande. Um diese Kindereien ordentlich auseinanderzunehmen, bräuchte ich viel mehr Platz als ich es meiner Leserinnen- und Leserschaft an dieser Stelle zumuten möchte.

Um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Diese scheinbar emanzipatorischen Identitätsdiskurse stehen einem Henryk Broder viel näher, als es die Damen und Herren begreifen, die sich damit zum Narren machen.

Sie bauen weitgehend auf den gleichen Begriffen und der gleichen Logik auf. Sie sind nur eine moralische Spiegelung dessen, was Broder und – in schärferer Form – Identitäre von sich geben.

Insofern sind auch sie Teil dessen, was manche als Verrohung des Bürgerlichen bezeichnen.

Wobei intellektuelle Selbstaufgabe weitaus treffender wäre.

Aber in irgendetwas muss man sich wahrscheinlich flüchten, wenn die Welt immer unerträglicher wird.

Fragt sich, ob dank dieser scheinbaren Pole, die doch nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind, nicht schon längst die Aufklärung mit ihren Errungenschaften diskursiv abgewickelt wurde.

Dann hätten wir wirklich ein Problem.