Die Covid-Pandemie hat den Tourismus weltweit zum Erliegen gebracht. Und Bosniens kleinem Küstenabschnitt die beste Saison bisher beschert. Als einziger Ort an der ex-jugoslawischen Adriaküste war Neum den ganzen Sommer ausgebucht. Vom Tourismusboom profitieren Restaurant- und Hoteleigentümer. Auf dem Rücken der zahlreichen Saisonarbeiterinnen- und arbeiter.

Želka schenkt mir ein Lächeln, in dem etwas Traurigkeit mitschwingt.

„Ich war kein einziges Mal im Meer“, sagt sie. „Ich hatte keine Zeit.“

Seit drei Monaten arbeitet die gelernte Kellnerin aus Pale als Küchenhilfe im Restaurant Humska Kuća in Neum.

Das Lokal gleich unterhalb der grotesken Kirche bietet auf seiner Terrasse einen hervorragenden Blick auf den bewaldeten Teil des Strands.

Vor wenigen Tagen noch war der Laden voll.

Heute ist 11. September. Sogar hier geht die Saison zu Ende.

Das ist zwei, drei Wochen später als normal. „Normalerweise beginnt man hier am 15. August langsam zuzusperren“, erzählt mir Rade, mein Gastgeber von Quiet Beach Apartments.

Am Tisch hinter uns ist angerichtet für eine größere Gruppe. Um eins hätten sie reserviert. Jetzt ist es vier. Niemand da.

„Na gut, dann geh ich mal schwimmen“, sagt Emir.

Er ist Kellner, kommt aus Zenica.

Wie Pale liegt das in Zentralbosnien in der Nähe von Sarajevo und ist einige Autostunden von Neum entfernt.

„Wenn sie kommen, ruft mich an.“

Drei Monate ohne freien Tag

Die kleinen Freiheiten, die er sich nimmt.

Auch Emir arbeitet seit drei Monaten im Lokal.

Wie Želka hatte er bisher keinen einzigen freien Tag.

12-Stunden-Tage sind für die beiden Standard.

Riki, dem Koch, geht es nicht besser.

Er lebt in Sarajevo und kommt ursprünglich aus Tuzla.

Riki sieht etwas müde aus heute.

„Ich bin froh, dass es ruhig ist“, sagt er. „Morgen ist der letzte Tag und der wird hart. Da gibt der Chef eine Party für die wichtigen Leute von den Hotels aus der Stadt.“

Er verschwindet in die Küche.

Gestern war er es, der in einer ruhigen Phase mal schwimmen ging.

Warum sie nie gegangen ist, frage ich Želka. „Ich bin die Disziplinierte von uns drei“, sagt sie.

Ihr und Riki merkt man die Saison am meisten an. Emir scheint es am besten weggesteckt zu haben. Er ist auch der Jüngste.

Covid beschert Neum Rekordsommer

2020 war der Neumer Rekordsommer.

Zog man in den vergangenen Jahren am 31. August stolz oder traurig Bilanz über den Tourismussommer in der Touristenstadt Neum am bosnischen Adriaabschnitt, sind heuer eineinhalb Wochen später die großen Hotels noch immer ausgebucht.

Das Grand Hotel Neum, der historische Kern des Fremdenverkehrs im ehemaligen Dorf entlang der steilen Küstenberge, hat 400 Betten.

„Alle ausgebucht“, sagt mir Jasna, gemeinsam mit ihrem Mann Rade meine Gastgeberin.

Weltweit hat Corona den Tourismus zum Erliegen gebracht. Nach Kroatien kamen nur halb so viele Gäste wie sonst.

Die Strände entlang der kroatischen Adria sind Anfang September leer.

Im und um den sonst überfüllten Diokletian-Palast in Split muss man sich diesmal keine Sorgen machen, ob man einen Mindestabstand zu anderen einhalten kann.

Nur Neum geht über.

Bosnier und Serben haben sonst kaum Möglichkeiten, ohne Covid-Test ans Meer zu kommen.

Die sind hier für heimische Verhältnisse teuer.

Nur Bosnien und Albanien machen eine Ausnahme.

Für die Eigentümer der Tourismusbetriebe in Neum war das der Jackpot.

Tourismusbetriebe leben von Saisonarbeitskräften

Für ihre Arbeiterinnen und Arbeiter nicht.

Sie erwirtschafteten mit ihrer Arbeitskraft die Rekordgewinne der Unternehmen.

Und erhielten im Gegenzug zwei oder drei Wochen mehr vergleichsweise kärglich bezahlte Arbeitsplätze als sonst.

Die meisten Beschäftigten im Neumer Fremdenverkehr kommen nicht von hier.

Neum ist eine Kleinstadt mit 3.000 Einwohnern, dazu kommen offiziell knapp 2.000 in den umliegenden Dörfern.

Dem gegenüber stehen zwischen 3- und 7.000 Betten in Neum. Je nachdem, wen man fragt.

Das ist nur zu bewältigen, wenn während der Saison Arbeitskräfte aus Innerbosnien kommen.

Die hohe Arbeitslosigkeit sorgt dafür, dass es keinen Mangel an Menschen gibt, die bereit sind, monatelang ohne freien Tag zwölf Stunden und mehr zu arbeiten.

„Ich finde zuhause nichts“, erzählt mir etwa Želka.

Ihre Heimatstadt liegt in der Republika Srpska (RS). Das ist der serbisch dominierte Teilstaat Bosniens und der mit Abstand ärmste Landesteil.

Auch wenn es keine offiziellen Statistiken gibt, wie viele Saisonarbeitskräfte aus der RS kommen – der Anteil dürfte überraschend hoch sein.

„Ich bin aus Višegrad“, erzählt mir eine junge Frau, die in einem Kiosk am Strand unweit des Grand Hotel Neum arbeitet.

Die Stadt ist im Osten, unweit der serbischen Grenze.

Ein Kellner in einem Strandcafe kommt aus Doboj. Das ist im Norden Bosniens.

Saisonarbeit ist immer Ausbeutung

Das Prinzip ist das Gleiche wie in allen Betrieben entlang der kroatischen Adriaküste, nur ein paar Kilometer weiter.

Während der Tourismussaison strömen die Menschen aus den ärmeren Landesteilen her und arbeiten monatelang bis über die körperlichen und psychischen Grenzen hinaus.

Dafür bekommen sie mehr bezahlt als zuhause. Nur ist das kärglich im Vergleich zu den Gewinnen der Unternehmenseigner, denen sie erst die Profite ermöglichen.

So funktionieren Saisonbetriebe auf der ganzen Welt.

Wie sehr die Arbeitskräfte ausgebeutet werden, entscheidet sich vor allem danach, wie gut oder schlecht die wirtschaftliche Lage in deren Heimat ist.

In zweiter Linie sind staatliche Strukturen und die Stärke der jeweiligen Gewerkschaft Faktoren, die bestimmen, wie sehr Saisonarbeiterinnen- und arbeiter ausgebeutet werden.

Aber auch die kann man nicht isoliert sehen von der wirtschaftlichen Lage.

Im Allgemeinen gilt: Saison im Tourismus ist furchtbar. Und immer noch besser als Saison in der Landwirtschaft.

Emir kommt zurück

„Wenn die zuhause eine Kellnerin suchen, dann nehmen sie eine Jüngere“ sagt Želka und zuckt mit den Schultern.

Aus ihrer Perspektive ist Küchenhilfe auf Saison immer noch besser als zuhause herumzusitzen.

Was sie nachher machen wird? „Keine Ahnung“.

Emir will sich zuerst zuhause wieder um einen Job umschauen. Langfristig überlegt er, aus der Branche auszusteigen.

„Als Kellner giltst du hier nichts. Du kriegst keinen Respekt, die Leute glauben, du bist ein Diener“, sagt er, der auch internationale Erfahrung hat.

Mittlerweile ist er zurück vom Strand.

Riki macht seine Carbonara

„Was du überall an Carbonara kriegst, das ist doch ein Witz. Das hat mit Carbonara nichts zu tun“, sagt Riki.

„Da gehört kein Obers rein. Ei und Parmesan. Und um Gotteswillen kein Schinken. Pancetta! Pancetta! Ich kann dir übrigens eine machen. Willst du?“

Carbonara steht nicht auf der Speisekarte der Humska Kuća.

Es ist sechs und die Ein-Uhr-Gäste sind immer noch nicht da.

Es ist ein Teller für wahrscheinlich vier Leute.

Riki lächelt breit, als ich in mich hineinschaufle.

Es ist ein cremiges Gedicht.

„Weißt du, was eine perfekte Carbonara ausmacht?“ fragt Riki.

Er weiß, dass er in mir einen überdurchschnittlich interessierten Ansprechpartner für Rezepte hat.

Gestern abend erst haben wir übers Kochen gefachsimpelt. Riki eher gefacht, ich eher gesimpelt.

„Ich liebe gutes Essen“, habe ich gestern zu Riki gesagt.

„Vidi se“ war Emirs knappe Anwort. Man sieht’s.

„Also, was ist die perfekte Carbonara?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, ich mach wie du auch immer die Originalvariante. Aber so gut ist sie nie.“

„Ein Teil ist jedenfalls: Parmesan. Mehr Parmesan. Und wenn du glaubst, es ist genug Parmesan, dann gib noch Parmesan dazu.“

Und er verrät mir ein weiteres Geheimnis, das ich schwöre, nicht öffentlich preiszugeben.

Es ist nicht das einzige Geheimnis Neums, das ich ins Grab mitnehmen werde. Aber das schönste.

Morgen ist der letzte Tag für die drei

Wir trinken Bier und Kräuter-Rakija.

Sarajevsko geht aus. Morgen wird zugesperrt. Ich steige auf Ožujsko um.

Riki denkt an das Leben nach Corona. „Wenn das vorbei ist, werde ich probieren, in Schweden zu arbeiten.“

Riki war lange in Italien, ist begeisterter Koch, vor allem für anspruchsvolleres Publikum.

In Sarajevo hatte er ein eigenes Restaurant. „Das einzige ohne Huhn“, sagt er. „Aber das war mir zu viel Arbeit.“

Es ist sieben. Die Ein-Uhr-Gäste kommen.

Ob die drei heute bis zur Corona-Sperrstunde um 23 Uhr arbeiten müssen?

„Keine Ahnung. Auch, wie lange morgen es dauern wird, weiß ich nicht“, sagt Želka. „Aber morgen ist der letzte Tag. Dann geht’s nachhause“.

Für die Verkäuferin aus Višegrad am Strandkiosk ist das keine Option. Ihr Vertrag ist verlängert worden.

Es gibt noch tausende Gäste in Neum. Der Kioskbetreiber kann diesmal noch Gewinne erwirtschaften.

„Es gibt noch viel zu tun“, seufzt sie. Und wirkt ein wenig müde.

Ich will nicht fragen, wann sie zuletzt einen freien Tag gehabt hat.