Mit einer Lesung aus Goran Novakovićs besonderem Stadtführer für Wien haben der kleine Verlag „No Rules Publishing“ und die Österreichische Bibliothek ein ebenso gelobtes wie gerne übersehenes Werk in seine eigentliche Heimat gebracht. Und für internationale Aufmerksamkeit gesorgt.

Es ist selten, dass ein Werk in einer Übersetzung mehr internationales Echo bekommt als im Original.

„No Rules Publishing“ hat das mit Goran Novakovićs „Wien für (In- und) Ausländer/innen“ geschafft.

Das ist kein Zufall. „Beč za naše“ heißt der Wienführer für Migrantinnen und Migranten in der serbischen Ausgabe. „Wien für unsere (Leute)“.

Das ist weit mutiger als der Titel im Original. In der Sprache ohne Namen klingt es auch viel besser.

Entsprechend groß die Aufmerksamkeit, die die Lesung mit dem Autor auf Einladung von Verlag und Österreichischer Bibliothek in Beograd gefunden hat.

„Wir haben auch ein Video für die Frankfurter Buchmesse gemacht“, sagt Verlagsmitgründerin Sofija Živković gegenüber Balkan Stories.

Wichtige Orientierungshilfe

Man kann sagen, dass sie mit der Ausgabe in der Sprache ohne Namen Gorans klassisches Werk seinem eigentlichen Zielpublikum näher gebracht hat.

Schreibt der mittlerweile echte Wiener – Goran lebt seit 1991 in der österreichischen Hauptstadt, ist Lehrer, Autor und Übersetzer – seinen witzigen Stadtführer doch vorwiegend für Migrantinnen und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Derer gibt es in Wien 200.000. Das sind mehr als zehn Prozent der Stadtbevölkerung.

Nach wie vor ziehen pro Jahr tausende Menschen aus der Region neu nach Wien zu. Für sie ist dieses Buch eine wichtige Orientierungshilfe.

Das ehemalige Jugoslawien ist nach Österreich die mit Abstand wichtigste Herkunftsregion für Wienerinnen und Wiener.

Nicht, dass man nicht auch als deutschsprachig aufgewachsener Wiener viel aus dem Buch lernen könnte.

Goran hat einen scharfen Blick für Details, Absurditäten und Eigenheiten seiner Heimat.

Es gehört viel dazu, das Wienerische an Wien herauszuarbeiten. Goran hat es.

Auch als jemand aus einer ganz anderen Kultur wird man das Buch genussvoll und lehrreich empfinden.

Als (Ex-)Jugo hat man wahrscheinlich am meisten davon.

Die zahlreichen sprachlichen und historischen Anekdoten sind vor diesem Hintergrund am besten zu verstehen.

Der Blick für den kulturellen Wandel und die Neuen

Dass das Buch zwölf Jahre von seiner Ersterscheinung im Original gebraucht hat um in seine eigentliche Heimat zu finden, ist eine gewisse Tragik – die freilich im Verlagsgeschäft nichts Ungewöhnliches ist.

Auch bei engagierten Autoren wie Goran und engagierten Verlagen wie No Rules Publishing aus Beograd gibt es Dinge wie Übersetzer zu finanzieren, Rechte einzukaufen, Geld für Layout und Druck aufzustellen.

Das dauert häufig länger als den Protagonistinnen und Protagonisten lieb ist.

Dabei gibt es neben Reisen kaum Wege, die besser geeignet sind, andere Kulturen kennenzulernen als eben Bücher.

Das gilt vielleicht sogar vor allem, wenn man den Kulturen in ihrem steten Wandel zusehen will.

Hier trägt der echte Wiener Goran in seiner Heimat Wien übrigens nicht nur mit Literatur bei, das Bewusstsein für den Wandel und die Menschlichkeit der neuen Wiener zu schaffen.

Er ist auch Gründer des T-Shirt-Labels VAJT UND BRAJT. Der geht liebevoll und ironisch mit tatsächlich oder vermeintlich Ur-Wienerischem um und damit, wie es von Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien verstanden wird.

Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprachen-App der Stadt Wien.

Bleibt zu hoffen, dass Beč za naše auf der Frankfurter Buchmesse auf ebenso großes Interesse stößt wie bei der Lesung in Beograd.

Auch wenn sie „nur“ digital stattfinden kann.

Alle Fotos: Zur Verfügung gestellt von No Rules Publishing