Mit fünf Gedichten zeichnet die montenegrinisch-kroatische Künstlerin und Architektin Paulina Lanzerotti ein realistisches und verstörendes Bild des Alltags derer, die den Exportweltmeister Deutschland der vergangenen Jahre geschaffen haben. Fabriksarbeiterinnen- und Arbeiter, häufig von Zeitarbeitsfirmen, oft genug mit Migrationshintergrund. Eine Geschichte zum 1. Mai.

Fliesen aus den 60-ern, rostige Waschbecken.

Das Arbeiterinnen-WC einer Autozulieferfabrik irgendwo in Deutschland.

Parolen im Befehlston mit Filzstift.

Irgendwo ein Handtuch zum Abtrocknen.

Das Kunden-WC.

Freundlich.

Mit einer Handtuchmaschine.

„Für unsere lieben Kunden“.

Im Arbeiterinnen-WC war man noch drauf hingewiesen worden, nicht im Schweinestall zu sein.

Der gern übersehene Alltag derer, die den Exportweltmeister Deutschland geschaffen haben, ist es, der sich in Paulina Lanzerottis fünf Gedichten findet, die sie vor wenigen Tagen im kritischen kroatischen Portal Lupiga veröffentlicht hat.

Seit eineinhalb Jahren ist Paulina in Deutschland. Geboren in Montenegro, danach 18 Jahre Zagreb.

Architektin, Künstlerin, Autorin.

Zeitarbeiterin in der deutschen Autozulieferindustrie.

Sechseinhalb Stunden ohne Pause

„Was ich geschrieben habe, habe ich alles so erlebt“, sagt Paulina gegenüber Balkan Stories.

Sie wollte in Deutschland als Architektin weiterarbeiten. Dazu fehlen – noch – die Sprachkenntnisse.

Und die Referenzen.

„Wenn du in der Produktion arbeiten willst, fragt dich niemand, ob du das schon gemacht hast“, schildert sie, wie sie an ihrem Arbeitsplatz gelandet ist.

Von irgendetwas muss man leben.

Es ist hart verdientes Geld.

„Teilweise waren wir sechs, sechseinhalb Stunden ohne Pause, nicht mal auf die Toilette konnten wir“, schildert Paulina.

Und es dauerte Wochen, bis man ihr die nötige Ausrüstung – Handschuhe und ein Messer – gab.

Nicht ganz unnötig, wenn man Verpackungen zuschneiden soll.

„Ich kontrolliere die Teile auf der einen Seite des Bands,
Ich klebe meine Nummer auf jedes Stück und packe es ein.
Zur anderen Seite gehe ich 16 Schritte.
Dort von jedem anderen Stück
Schneide ich den überschüssigen Kunststoff ab mit einem Messer.
Alle 36 Sekunden kommen neue Teile auf den Bändern an.“

(Made in Germany, Gedicht, Paulina Lanzerotti)

Die Ausbeutung fällt hier leichter

Der Großteil der Menschen in der Fabrik sind Leiharbeiter, schildert Paulina.

Fast alle sind Migrantinnen und Migranten. „Es waren in der ganzen Fabrik nur zwei Deutsche.“

Alte gibt es kaum. Die könnten ja krank werden. Oder über ihre Rechte bescheid wissen.

Leih- bzw. Zeitarbeit senkt die Personalkosten in der deutschen Industrie beträchtlich.

Der Tarifvertrag für Leihpersonal ist in Deutschland meist um einiges günstiger als der Tarifvertrag für Stammpersonal.

Außerdem fallen häufig Betriebsrat und gewerkschaftliche Betreuung weg.

Alles, was die Arbeitsbedingungen der Menschen verbessern könnte.

Man muss ja auf die Profite schauen. Wer den Groschen nicht ehrt…

Rauspressen aus den Beschäftigten, was geht, ohne, dass sie aufmucken.

Geht mit Leihpersonal leichter. Wer keinen Kündigungsschutz hat, lässt sich mehr gefallen.

Wenn vor allem Migranten dort arbeiten wollen – noch besser.

Die wissen weniger über ihre Rechte bescheid. Leben oft in schwierigeren finanziellen Situationen als Deutsche.

Wer aus finanzieller Not von zuhause weg ist, mit dem oder der kannst du viel machen, wenn es die gesetzlichen Rahmenbedingungen erlauben.

Oft auch gegen das Gesetz. Aber das ist ein anderes Thema.

Nach sechs Monaten gibt’s ein T-Shirt

Für die Betroffenen heißt das Nichts Gutes. Das bezeugen nicht zuletzt Paulinas Gedichte.

Immerhin, wenn du sechs Monate bei der Leihfirma warst, kriegst du wenigstens ein T-Shirt. Zumindest, wenn du brav warst.

Ist doch auch was.

Immer noch besser als die Nummer, die slowakische Leihfirmen mit bosnischen Arbeitern abziehen und über die Balkan Stories prominent berichtete.

Selbst, als das Werk coronabedingt schloss, zeigte sich ein Gefälle.

Wer sechs Monate oder länger dabei war, wurde auf Kurzarbeit gesetzt.

Wer nicht so lange dabei war, gekündigt, schildert Paulina.

Sie hofft, dass sie nicht ewig Hilfsarbeiterin sein muss, deren mäßig bezahlte Arbeitskraft das deutsche Exportwunder ermöglicht.

Vielleicht könnte hier die Kurzarbeit helfen. Paulina nutzt die zusätzliche Freizeit, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

Vielleicht hilft ihr das, in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu können.

Damit wäre zumindest einer gelungen, der Ausbeutung und Entwürdigung zu entkommen, die so maßgeblichen Anteil an der deutschen Konjunktur der vergangenen Jahre hatten.

Mindestens genauso hofft Paulina, dass ihre Gedichte einen Beitrag leisten, dass die Menschen über die Arbeitsbedingungen nicht nur in deutschen Fabriken nachdenken.

Und sie so beitragen kann, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Betroffenen zu verbessern.

Titelfoto: Paulina Lanzerotti, Privatfoto

Paulina Lanzerottis Gedichte könnt ihr HIER nachlesen.