Das bosnische Portal Dunav versucht, einen Nazi-Skandal bei der Raiffeisenbank Bosnien herbeizuschreiben. Den Skandal gibt es nicht. Aber die Sache zeigt auf, dass sich bei Vorständen in einem Gastgeberland Perspektiven verschieben können. Und man als Österreicher trotzdem nicht alles machen sollte.

Geht es nach dunav.at ist die Sache einfach: Karlheinz Dobnigg, Vorstandsvorsitzender von Raiffeisen Bosnien, hat in einem Video einen Nazi gespielt.

Und sich wahrscheinlich sogar strafbar gemacht, schreibt das bosnische Portal, das auch ein Büro in Wien hat.

Von „Nazi-Provokationen“ schreibt Dunav gar.

Balkan Stories hat das Video gesehen. Bis gestern war es auf zwei Youtube-Kanälen zu sehen.

Nach der Krawallberichterstattung durch Dunav wurde es offline genommen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, wie Christof Danz, Pressesprecher der Raiffeisenbank International gegenüber Balkan Stories sagt.

Der Schritt erscheint nachvollziehbar.

Von einem Skandal kann bei dem Videoauftritt von Dobnigg keine Rede sein. Von NS-Provokationen schon gar nicht.

Wohl aber von einem Auftritt, der in Österreich und Deutschland weniger humorvoll beurteilt werden wird als in Bosnien.

Šturmbanfirer Šiling

Dobnigg spielt bei seinem Auftritt die Rolle des „Sturmbannführer Schilling“, bosnisch šturmbanfirer Šiling.

Das ist bedeutend harmloser als es für deutsche und österreichische Ohren klingt. Wenngleich nicht sonderlich gut durchdacht.

„šturmbanfirer Šiling“ ist eine Figur aus der beliebten bosnischen TV-Comedy-Serie Konak kod Hilmije (Herberge Hilmija).

Die spielt im Zweiten Weltkrieg in Sarajevo.

Herbergenbesitzer Hilmija (Emir Hadžihafizbegović) versucht sich in der besetzten Stadt über Wasser zu halten.

Bei ihm begegnen sich alle Kriegs- und Bürgerkriegsparteien oder gehen einander mehr oder weniger sehenden Auges aus dem Weg.

Četniks, Ustaša, Partisanen, Juden, Schmuggler, normale Leute und eben Stadtkommandant Sturmbannführer Schilling.

Alle schmieden hier ihre Pläne, verfolgen materielle oder sonstige nicht immer lautere Interessen, sind mehr oder weniger liebevoll ironisch überzeichnet.

Angelehnt ist Konak kod Hilmije an die BBC-Serie ‚Allo ‚Allo.

Sturmbannführer und Stadtkommandant Schilling ist eine der beliebteren Figuren der Serie. Ein bisschen bauernschlau, ein bisschen trottelig, schwul und vor allem lustig.

Nazi ist er keiner. Außer halt im Titel. Nazi-Insignien sind auf seiner (Fantasie-)Uniform übrigens keine zu erkennen.

Am Balkan beliebt, hierzulande würde das nicht gehen

Im deutschsprachigen Fernsehen würde eine solche Serie vielleicht nicht gezeigt werden.

In Bosnien ist sie sehr beliebt. Ebenso in Serbien und Montenegro, wo sie ebenfalls ausgestrahlt wird.

Die Popularität der Serie ließ den Vorstand der bosnischen Raiffeisen auch in eine Situation schlittern, die für österreichische und deutsche Augen eher unbedacht ist.

Im Dezember ließ Raiffeisen für die Neujahrsfeier für die Mitarbeiter eine eigene Folge von Konak kod Hilmije drehen.

Statt der üblichen Darsteller übernahmen die Vorstandsmitglieder die Rollen der beliebtesten Figuren der Serie. Einzig Hauptdarsteller Emir Hadžihafizbegović blieb von der Original-Besetzung.

Die Folge wurde bei der Neujahrsfeier gezeigt.

„Dabei wollte die Mitglieder des Vorstands unseren Mitarbeitern zeigen, dass auch sie sich aus ihrer Komfortzone herausbegeben und sich auf neue Situationen einlassen“, schildert RBI-Sprecher Danz.

Die Folge wurde auch auf Youtube gestellt: Auf den Kanal der Raika und auf den der Produktionsfirma.

Im zweiten Fall wurde es mehr als 44.000-mal aufgerufen.

Fürs Fernsehen war sie nie gedacht und wurde dort auch nie gezeigt.

„Die Reaktionen der Beschäftigten waren positiv, auch die der bosnischen Kunden“, schildert Danz. Die Serie ist eben in Bosnien sehr beliebt.

Nur: „In einem Opferland wie Bosnien oder Frankreich kann man über den Zweiten Weltkrieg Witze machen. In den Täterländern Deutschland und Österreich geht das nicht.“

Dass Dobnigg Schilling gespielt habe, möge in Bosnien kein Problem gewesen sein. Für einen Österreicher oder Deutschen sollte aber klar sein, dass er keinen deutschen Offizier im Zweiten Weltkrieg spielen könne.

Unglücklich. Aber kein Skandal.

Glücklich ist man in der RBI nicht über das Video.

Dobnigg ist seit mehreren Jahren Chef der bosnischen Raika, war sogar ein Jahr lang Vorsitzender des bosnischen Bankenverbandes.

Er spricht die Landessprache fließend.

Bei ausländischen Managern oder Mitarbeitern von NGOs ist das eine Seltenheit.

Viele können auch nach Jahrzehnten in Bosnien, Serbien oder Kroatien kaum mehr als drei Wörter.

„Wir ermutigen unsere Leute auch, sich in ihren neuen Ländern einzuleben und auf die dortige Kultur einzugehen.“

Im Fall Dobniggs hat das möglicherweise ein wenig zu gut geklappt.

Über der Idee, sich auf eine beliebte bosnische Fernsehserie draufzusetzen, ist die Perspektive offenbar ein wenig verrutscht.

Beziehungsweise verloren gegangen, dass manche Handlungen zuhause anders gesehen werden als im Gastgeberland.

Vielleicht ein Fall von zu gut integriert.

Mit sehr kritischem Blick könnte man das Ganze schlimmstenfalls noch als missglückte Anbiederung sehen.

Ein Skandal ist es nicht. Auch wenn dunav.at versucht, ihn herbeizuschreiben.

Mit Naziaffinitäten hat das Ganze schon gar nichts zu tun.

Und wo Dunav irgendetwas erkannt haben will, das nach österreichischem oder bosnischem Recht strafbar gewesen sein soll, muss einem auch erst einmal jemand erklären.

Mehr als eine unglückliche Geschichte lässt sich beim besten Willen daraus nicht machen.