Das illegale Flüchtlingslager Vučjak bei Bihać in Bosnien ist geräumt. Die bosnische Polizei brachte am Dienstag etwa 600 Flüchtlinge in eine Kaserne in der Nähe von Sarajevo. Das Lager galt als das schlimmste Europas und war ohne Genehmigung vom Bürgermeister von Bihać eingerichtet worden.

Am späten Vormittag kam ein gutes Dutzend Busse die enge Straße voller Schlaglöcher den Hügel hinauf, auf dem die ehemalige Mülldeponie der Stadt Bihać liegt.

Begleitet wurden sie von zahlreichen Polizeiautos.

In ihnen saßen maskierte Polizisten.

Sie sollten sicherstellen, dass das Flüchtlingslager Vučjak auf der ehemaligen Mülldeponie mit 600 Flüchtlingen geräumt werden konnte.

Beobachtet wurde das Geschehen offenbar von Mitarbeitern der UN-Organisation IOM.

Wie die Räumung ablief, ist nicht bekannt.

Die zahlreichen Journalisten und Journalistinnen bosnischer und internationaler Medien mussten hunderte Meter vom Lagereingang entfernt Stellung beziehen.

Die Polizei verwehrte ihnen und Helfern den Zutritt zum Lager.

Das kann auch der engen Zufahrtsstraße geschuldet sein. Dutzende Medienvertreter und ihre Autos hätten die Zu- und Abfahrt von Bussen erheblich behindert.

Neues Lager weit weg von Grenze

Möglicherweise geschah es auch, um zu verhindern, dass eher unschöne Bilder in die Welt gelangen.

So sehr die Flüchtlinge von Vučjak das Lager verlassen wollen – in ihre neue Unterbringungsstätte hunderte Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt, in eine Kaserne bei Ušivak in der Nähe von Sarajevo wollen die wenigsten.

Die Menschen im Lager kamen zuletzt vorwiegend aus Afghanistan, Pakistan und dem indischen Teil von Kashmir.

Sie wollen alle in die EU – deren Grenzen liegen nur wenige Kilometer von ihrem derzeitigen Standort entfernt.

Die meisten von ihnen sind über Serbien und mutmaßlich über Sarajevo in diese Ecke Nordwestbosniens gekommen, um ihr Glück zu versuchen.

Und man kann in jedem Einzelfall von Glück sprechen, wenn es ein Flüchtling gesund über die Grüne Grenze nach Kroatien geschafft hat.

Die kroatische Polizei und das kroatische Militär bewachen die Grenze scharf.

Erwischen sie einen Flüchtling, verprügeln sie ihn und verletzen ihn oft schwer.

Sie nehmen ihm alles Überlebensnotwendige ab, das er für einen weiteren Versuch brauchen könnte, um nach Kroatien zu gelangen und bringen ihn illegal über die Grüne Grenze zurück nach Bosnien.

Oft setzen die kroatischen Grenzwächter ihre Opfer irgendwo im bosnischen Wald aus.

Für den ungleichen Kampf zwischen Flüchtlingen und Grenzwächter haben Flüchtlinge einen zynischen Begriff geprägt: „The Game“.

Humor, und sei er noch so schwarz, als Waffe der Ohnmächtigen der Macht.

Flüchtlinge wollen in EU

Die Flüchtlinge selbst bitten darum, dass EU-Länder sie aufnehmen oder sie wenigstens in einem der offiziellen Lager innerhalb von Bihać untergebracht werden.

Gegen Letzteres hat Šuhret Fazlić alle Maßnahmen ergriffen, die ihm zur Verfügung stehen.

Erst am Freitag verhinderte er, dass die Flüchtlinge von Vučjak ins offizielle Lager Bira in seinem Stadtgebiet verlegt werden (siehe HIER).

Das Lager wird von der IOM betrieben.

Anders als Vučjak besteht es nicht aus Zelten, die auf einer nackten Erdschicht errichtet werden, die einen halben Meter über einer ehemaligen Mülldeponie liegt.

Es besteht aus Containern in einer ehemaligen Fabrikshalle.

Alles andere als komfortabel, aber wenigstens muss niemand fürchten zu erfrieren.

Demnächst soll das Lager Vučjak geschliffen werden, kündigen die Behörden in Zetteln an, die den Flüchtlingen heute ausgehändigt wurden.

Bild: Dirk Planert

Zahlreiche Fragen bleiben offen

Auch wenn mit der Schließung die wichtigste Forderung von Flüchtlingshelfern, der EU und der UN-Organisation IOM erfüllt wurde, bleiben zahlreiche Fragen offen.

Der deutsche Flüchtlingshelfer und Journalist Dirk Planert etwa kündigt an, bis auf Weiteres in der Region Bihać bleiben zu wollen.

Es seien hier noch zahlreiche Flüchtlinge unterwegs, die keine Unterkunft hätten.

Außerdem befürchtet er, dass etliche Flüchtlinge beim Versuch, die kroatische Grenze zu überqueren, geschnappt und illegal nach Bosnien zurückgebracht wurden.

Auch sie werden Betreuung brauchen.

Ob es für diese Menschen einen Platz etwa in Bira geben wird, ist kaum abzusehen.

Der Bürgermeister von Bihać wird eher keine Freudensprünge machen, wenn zusätzliche Flüchtlinge in Zentrumsnähe untergebracht werden.

Und er hat eine Geschichte wenig durchdachter Gegenmaßnahmen vorzuweisen, die an der Grenze der Legalität entlangschrammen.

Von den Grenzen der Menschlichkeit ganz zu schweigen.

Nächster Brennpunkt Tuzla

Außerdem befürchten Flüchtlingshelfer, dass sich viele Flüchtlinge aus dem Lager in der Nähe von Sarajevo wieder auf den Weg zur kroatischen Grenze machen werden.

Und während die Schließung des schlimmsten Flüchtlingslagers Europas zumindest eine Zwischenlösung ist, kündigt sich in der ostbosnischen Stadt Tuzla die nächste Misere an.

Dort campieren dutzende Flüchtlinge am Busbahnhof oder in der Nähe des Bahnhofs in Zelten, die bosnische Freiwillige organisiert haben.

Was mit ihnen passieren soll, ist ungewiss.

Balkan Stories berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach ausführlich über die Situation in Vučjak. Für einen Überblick, siehe HIER.

Titelfoto: Dženita Duraković, RFE/RL