Heute jährt sich der Völkermord von Srebrenica. Das offizielle Serbien versucht, das Gedenken an mehr als 8.000 bosnjakischen Mordopfer zu umgehen. Die größte Zeitung für Auslandsserben, Vesti, verschweigt den Jahrestag. Und gibt Hetzern eine Plattform.

Srebrenica? War da was?

Geht es nach Vesti, der größten Zeitung für Dijaspora-Serben, schon. Nur nicht das, dessen heute gedacht wird.

Das Boulevardblatt wird in Deutschland herausgegeben.

Am Denkmal soll am Samstag enthüllt werden, meldet Vesti im Blattinneren.

Ein Denkmal mit den Namen von zehn Serben, die in Srebrenica ermordet wurden.

Aufgestellt wird es von einer Initiative namens Istočna Alternativa (Östliche Alternative).

Dass heute vor 24 Jahren die Armee der Republika Srpska (RS) in Srebrenica begann, mehr als 8.000 bosnjakische Männer und männliche Teenager zu ermorden, davon findet sich kein Wort in der Printausgabe.

Auch online zeigt sich Vesti sehr verhalten.

Da darf der deutsche EU-Parlamentarier David McAllister immerhin sagen, wer Srebrenica nicht als Völkermord anerkennt, hat in der EU nichts verloren.

Nur, gleich daneben spinnt der serbische Vertreter in der bosnischen Präsidentschaft, Milorad Dodik, Verschwörungstheorien.

Man solle aufklären, wer vor vier Jahren versucht habe, den damaligen serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vučić bei der Gedenkfeier in Srebrenica zu töten, sagt er.

Gerichtet ist diese Bemerkung an Željko Komšić, das kroatische Mitglied der bosnischen Präsidentschaft.

Dodik war lange Präsident der RS und ist serbisch-nationalistischer Scharfmacher.

Regelmäßig droht er, dass die RS eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit von Bosnien abhalten werde.

Dass es heute vor allem darum geht, oder gehen sollte, der Opfer des Völkermords zu gedenken, war Vesti keine Zeile wert.

Auch in der Vergangenheit ist Vesti immer wieder mit eher eigenartiger Berichterstattung aufgefallen und hat nationalistischen Hetzern eine Plattform geboten.

Politik und Medien in Serbien sehr zurückhaltend

Auch in Serbien berichten Medien eher zurückhaltend.

Anders als Vesti berichten sie über die heutigen Gedenkfeiern.

Und vermeiden peinlich ein Wort: Völkermord.

Das zeigt etwa dieser Artikel des Boulevardblatts Blic.

Auch die offizielle serbische Politik versucht, das Thema Srebrenica zu umgehen.

Ana Brnabić, serbische Ministerpräsidentin von der nationalkonservativen Partei SNS, sagt, dass sie nicht an den Gedenkfeiern teilnehmen wird.

Vor vier Jahren habe Aleksandar Vučić, damals Ministerpräsident und heute Präsident, bei der Gedenkfeier die Hand ausgestreckt. Sie sei abgewiesen worden.

Das ist eine von mehreren Interpretationen des Auftritts von Vučić bei der Gedenkfeier 2015.

Damals hatten mehrere Menschen Steine nach ihm geworfen. Vučić flüchtete.

Er hatte sich im Vorfeld geweigert, den Mord an mehr als 8.000 Bosnjaken als Völkermord zu bezeichnen.

Viele bosnische Muslime hatten das als bewusste Provokation verstanden.

Ob der Übergriff ein Versuch war, Vučić zu töten oder man ihn bloß vertreiben wollte, ist ungeklärt.

Für manche serbischen Nationalisten gilt der Zwischenfall als Mordkomplott.

Bis heute keine serbische Anerkennung als Völkermord

Bis heute weigert sich die serbische Politik, das Massaker in Srebrenica als Völkermord anzuerkennen. Entsprechende internationale Urteile werden ignoriert.

Zumindest offiziell wird aber das Ausmaß der Morde nicht mehr geleugnet.

Offene serbische Nationalisten spielen die Zahl der Todesopfer nach wie vor herunter.

Und stellen den Völkermord als legitime Racheaktion dar.

Bosnjakische Milizen hatten davor die Bevölkerung serbischer Dörfer in der Umgebung von Srebrenica massakriert.

Als die Stadt eingenommen wurde, waren die Verantwortlichen für diese Verbrechen geflüchtet.

Zurückgeblieben waren Menschen, die mit diesen Morden nichts zu tun hatten.

Sie wurden Opfer des größten Verbrechens in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Mitarbeit: Manuel Mahler-Hutter