Die Mazedonier sind ihren korrupten Langzeit-Machthaber Nikola Gruevski losgeworden. Er ist nach Ungarn geflüchtet. Vor allem in der Hauptstadt Skopje wirft der Nationalkonservative nach wie vor einen langen Schatten. Der wird so schnell nicht verschwinden.

„Hier beginnen unsere Touren immer“, sagt der Fremdenführer.

Wir stehen vor dem „Mutter-Teresa-Gedächtnishaus“ in der Ulica Makedonija im Stadtzentrum der (nord-)mazedonischen Hauptstadt Skopje.

Straßenhunde beäugen die sich nähernden Besucher mit mäßigem Interesse.

Das Museum in einer Mischung aus Hundertwasser-Kitsch und Pseudorekonstruktion eines historischen Bürgerhauses von Skopje mit Glaskapelle am Dach ist die Touristenattraktion der Stadt.

Die katholische Nonne Anjezë Gonxhe Bojaxhiu, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Mutter Teresa, ist so etwas wie die Nationalheilige für Mazedonier jeglicher Religion und Ethnizität – Katholiken sind eine verschwindend kleine Minderheit – und ihre Legende erfreut sich auch international großer Beliebtheit.

„Danke für alles, was du getan hast“ lauten zahlreiche Einträge im Gästebuch, und sie sind in vielen Sprachen abgefasst. Wenngleich auffällig viele Polen und Kroaten hier ihre Spuren hinterlassen haben, finden sich auch Grüße aus Israel, Serbien oder den USA.

Eine Schulklasse verlässt das kleine Museum. Eine halbe Stunde lang hat sie das Personal mit Mutter-Teresa-Mythen bombardiert.

Eine der wenigen wahren Aussagen war, dass sie als Tochter albanischer Katholiken in Skopje auf die Welt kam.

Wenngleich nicht hier.

Das Haus – eine „Rekonstruktion“

„Das Mutter-Teresa-Gedächtnishaus ist eine Rekonstruktion“, schildert eine Angestellte des Museums. „Ihr Geburtshaus wurde beim Erdbeben 1963 zerstört. Vor einigen Jahren wurde es am Gelände einer ebenfalls zerstörten orthodoxen Kirche wiederaufgebaut“.

Die angesprochene orthodoxe Kirche – mazedonisch-orthodox nach lokaler Lesart, serbisch-orthodox nach serbischer – wird gerade am Nachbargrundstück wiedererrichtet.

Viel hört man hier von den angeblichen Wohltaten der kleinen Nonne in Indien.

Es ist der allgemeine Mutter-Teresa-Weihrauch, den einem die Beschäftigten des Museums und Fremdenführer ins Gesicht blasen.

Genügend Besucherinnen und Besucher lassen sich berauschen. Siehe Gästebuch.

Dass von der angeblichen Mildtätigkeit Bojaxhius nichts überbleibt als Boshaftigkeit, Frömmelei und Katholikenmachen um jeden Preis, gewürzt, offenbar, mit einer Portion Spendenveruntreuung, wenn man nur ein wenig hinsieht – hier wird man es nicht hören.

(Details kann man HIER nachlesen.

HIER findet sich eine kritische Analyse des Mutter-Teresa-Kults am Balkan.

HIER wird ihre Rolle als Symbol für albanischen Nationalismus aufgezeigt.)

Einen passenderen Ort, der heiliggesprochenen Betrügerin zu huldigen, kann man sich nicht ausdenken.

Wie Kusturica auf Speed

Das gesamte Stadtzentrum Skopjes ist steingewordener offener Geschichtsrevisionismus.

Mazedonische Geschichte, wie sie nach nationalistischer Lesart hätte sein sollen.

Geschrieben in Stein. Sei er echt oder Imitat. Fast, als hätte jemand versucht, das Architekturkapitel im Glöckner von Notre Dame umzusetzen.

Alexander der Große steht oder vielmehr reitet Pate für das vermeintlich Echte, Historische, Authentische im Kitsch des 21. Jahrhunderts.

Als hätte man Emir Kusturica sich austoben lassen in Skopje.

Freilich, selbst der verblasst hinter dem Projekt „Skopje 2014“ des langjährigen nationalkonservativen mazedonischen Premiers Nikola Gruevski.

Wenngleich nur in der Dimension, nicht in der Absicht, wie Kusturicas Projekte beweisen.

Nationale Größe

Die Mazedonier, zeigt uns das Zentrum von Skopje, sind keine Slawen.

Sie sind die Neu-Altmazedonier, die Nachfahren Philipp von Mazedoniens, dem Einiger Griechenlands, und seines Sohnes Alexander dem Großen, dem Vereiniger Europas und Asiens.

Nur zufällig sprechen die Mazedonier nach nationalistischer Lesart eine slawische Sprache.

Selbst Göttervater Zeus legt Zeugnis ab für die glorreiche Geschichte der Republik Mazedonien, die seit kurzem Republik Nordmazedonien heißt.

Das ganze Regierungsviertel wurde neu errichtet. Oder zumindest hat man die alten Gebäude hinter Fassaden falschen Marmors versteckt.

Das Gleiche gilt für die meisten Häuser im Stadtzentrum. Zuckerbäckerstil, nur in Weiß.

Die Fassaden sind nur wenige Zentimeter dick und in der Regel aus billigem Material.

700 Millionen Euro statt 80

Bis zu 700 Millionen Euro soll „Skopje 2014“ gekostet haben. Veranschlagt waren ursprünglich 80.

Unter dem neoklassizistischen Vordach des neoklassizistischen Hauptquartiers der nationalkonservativen VMRO-DPMNE liegt ein zotteliger Straßenhund. Offenbar sucht er Schutz vor dem Regen.

Vermutlich darf er hier liegen, weil er von Odysseus‘ Hund abstammt.

Wie möglicherweise auch die Streuner auf der Brücke zum Archäologischen Museum, die hier auf Radfahrer lauern.

Ob im Museum Zeugnisse ihrer edlen Herkunft aufbewahrt werden?

Die Architektur des Gebäudes als billige Imitation eines griechischen Tempels, wenngleich in strahlendem Weiß und nicht bemalt wie die Originale, lassen das erwarten.

Gruevskis Bescheidenheit

Im Vardar beherbergen künstliche Schiffe auf Betonfundamenten Hotels und Restaurants.

Wer erwartet hätte, dass sie Galeeren nachempfunden sind, wird enttäuscht.

Sie sehen eher aus wie Karavellen.

Es ist eine wenig beachtete historische Tatsache, dass Christoph Columbus Mazedonier war.

Seine Eltern tarnten sich als genuesische Juden. Sie wollten sich vor dem Neid der Welt schützen, der schon damals den Nachfahren Alexanders des Großen entgegenschlug.

Columbus verwischte die Spuren weiter. Jude zu sein war schließlich auch nicht angenehm, seinerzeit.

In seiner unendlichen Bescheidenheit, bekanntermaßen seine hervorragendste Eigenschaft, ließ Nikola Gruevski das nur andeuten.

Die charakteristischen Segel der Karavellen, die 1492 Richtung Westen steuerten, fehlen.

Sonst könnte noch jemand glauben, die Mazedonier würden behaupten, sie hätten auch Amerika entdeckt.

Vielleicht sind die Schiffe auch nur ein billiger Fehler.

Wie das ganze Stadtzentrum ein einziger Fehler ist. Freilich kein billiger.

„Was man mit dem Geld hätte machen können“, sagt mir Goran, ein Taxifahrer.

Ich treffe ihn zufällig vor dem Makedonija-Triumphbogen.

Seine offiziellen und inoffiziellen Kollegen verstellen mit ihren Autos die Sichtachse durch das Monument.

Das Innere des Monuments zieren auf jeder Seite Konterfeis von Anjezë Gonxhe Bojaxhiu samt belanglosen Zitaten der Heiligen.

Unbeliebt bei den Menschen in Skopje

„Und jetzt schau dir das an. Das ist doch furchtbar“, sagt Goran. „Wie eine Filmkulisse“.

Kaum jemand, mit dem man hier spricht, hat ein gutes Wort übrig für das neue Stadtzentrum, das Gruevski und seine Kollegen von der VMRO-DPMNE aus dem Boden stampfen oder wenigstens aufpropfen ließen.

„Ich versteh nicht, warum die das gemacht haben“, sagt mir auch Hristijan. Er arbeitet am Stand der T-Shirt-Druckerei seines Vaters in der Stara Čaršija.

Das osmanische Bazarviertel ist der einzige Teil des Stadtzentrums, der von „Skopje 2014“ verschont blieb.

Zu Gast in Budapest

Auch über Gruevski wird kaum jemand mehr nett reden.

Den hat eine Protestwelle 2017 aus dem Amt gefegt. Die Bürgerinnen und Bürger waren monatelang auf die Straße gegangen und hatten unter anderem Farbbeutel auf die falschen Fassaden geworfen.

Im Vorjahr flüchtete Gruevski nach Ungarn. Dort gestand ihm die Regierung des nationalistisch-konservativen Premiers Viktor Orban im Schnellverfahren Asyl zu.

Gegen Gruevski laufen mehrere Gerichtsverfahren wegen Korruption, in einem Fall wurde er verurteilt.

Vielleicht schätzt Orban seine Expertise als subtiler Erneuerer sozialistischer Stadtkerne.

Auch in Ungarn stellt man neuerdings gerne Monumente für zweifelhafte Vorbilder auf und erfindet sich neu als großes Volk.

„Das ist so bei uns“, sagt mir Goran. „Bei uns machen Politiker Großprojekte, damit sie sich das Geld in die Taschen stecken können.“

Das hört man, praktisch in den selben Worten, überall südlich von Ljubljana.

„Fahr nach Ohrid“, sagt mir Goran. „Dort ist es schön“.

Interessanterweise ist das praktisch das Erste, das du von nahezu Jeder und Jedem als Tourist zu hören bekommst, wenn du nach Skopje kommst.

„Skopje 2014“ ist gestoppt. Offiziell.

Nach dem Machtwechsel von 2017 wurde das Projekt „Skopje 2014“ gestoppt.

Die neue, sozialdemokratisch geführte, Regierung will so viel von dem Kitsch einstampfen lassen, wie möglich.

Hat sie angekündigt.

Das Einstampfen scheint sehr zögerlich vor sich gehen.

Nach wie vor wird an Baustellen gearbeitet, die ganz offensichtlich Teil der Kitschkulisse Skopjes sein sollen.

Für etliche Neubauten der Ära Gruevski wird man sich Lösungen überlegen müssen.

Das wird Jahre dauern.

Auch zwei Jahre nach seiner Entmachtung wirft Gruevski einen langen Schatten.

Sofern freilich nur Fassaden auf ältere Gebäude aufgebracht wurden, könnte es schnell gehen.

Als ich gegen die äußere Schicht der Außenmauer des Wohnhauses klopfe, in dem ich untergebracht bin, klingt es nach Sperrholz.