Er ist wahrscheinlich doppelt so lustig wie in Venedig: Der Karneval von Rijeka. Er gilt als Höhepunkt des Fasching in Kroatien. Die Tourismuswerbung bemüht sich eifrig, die im Westen fast unbekannte Faschingstradition in Kroatien an seinem Beispiel bekannter zu machen. Andernorts freilich hat das närrische Treiben mehr dunkle als lustige Seiten.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Karnevalsumzüge in Rijeka als Höhepunkt der kroatischen Faschingssaison gelten.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt gelten seit jeher als aufmüpfig und kritisch. Diese Tradition haben sich die Rijecer bis heute bewahrt, wie man an den Wahlergebnissen sieht.

Der klerikal-nationalistische Konsens in weiten Teilen des Landes hat hier keine Chance.

Seit der Antike waren der Karneval und seine Vorgänger der – zeitlich enge – Freiraum, in dem Kritik geäußert werden konnte.

Manchmal ging das ritualisiert ab.

Jahrhundertealte Tradition

Manchmal war die Kritik auch im Fasching streng verboten. Dass die Kritiker meist maskiert waren, machte das Verbot zu dieser Zeit freilich gegenstandslos.

Weshalb man 1449 auch die Masken in Rijeka verbieten wollte.

Es ist der erste historisch verbürgte Hinweis für eine Karnevalstradition in der Hafenstadt, die im Laufe ihrer Geschichte zu Kroatien, Ungarn, Österreich-Ungarn, Jugoslawien, Italien, Jugoslawien und wieder Kroatien gehörte.

Viel Erfolg scheint das Verbot nicht gehabt zu haben.

Dass die Rijecer nicht das österreichische Wort Fasching übernommen haben sondern von Karneval sprechen, ist möglicherweise auch als Hinweis zu verstehen, dass die Tradition älter ist als der österreichische Einfluss auf die Kvarner Bucht.

Allerdings: Faschings- bzw. Karnevalsumzüge gibt es erst seit 1982. Davor hat man unkoordiniert gefeiert.

Aus den drei Gruppen, die im ersten Jahr den Umzug bestritten, sind mittlerweile mehr als 1.000 geworden.

 

Mehr als zehntausend Menschen aus Rijeka und der Region beteiligen sich aktiv am Umzug.

Ähnlich ausgelassen geht es in der Nachbarstadt Opatija zu.

Auch Fasching kann nationalistisch sein

Fasching beziehungsweise Karneval wird auch im Rest Kroatiens gefeiert.

Karneval ist vorwiegend eine katholische Tradition. Dass sich viele Kroaten seit jeher als sehr katholisch verstehen, ist kaum zu bestreiten.

Das macht es vielleicht etwas überraschend, dass im Westen kaum bekannt ist, dass in Kroatien überhaupt gefeiert wird.

Nicht überall geht es so freundlich und friedlich zu wie in Rijeka.

Die Zagreber Journalistin Ana Benačić macht mich bei der Recherche auf die Feier in Kaštel Sućurac nahe Split aufmerksam.

Dort hat man eine Puppe von Milorad Pupovac verbrannt.

Der Politiker und Linguist ist Präsident der Vereinigung der kroatischen Serben.

Der Zagreber Journalist Ladislav Tomičić hat den Vorfall für das Portal Vijesti ausführlich dargestellt.

Außerdem haben die Sućuracer Narren den Überfall auf mehrere Wasserballspieler von Crvena Zvezda in Split Anfang Februar nachgestellt.

Ultras von Hajduk Split attackierten die Spieler mit Schlagstöcken und einem Messer. Ein Spieler rettete sich, indem er ins Meer sprang.

Viele der organisierten Fans von Hajduk Split sind faschistisch oder zumindest radikal-nationalistisch orientiert.

Der Klub hat eine lange Tradition der Nähe zu rechten politischen Bewegungen in Kroatien.

Der Belgrader Klub Crvena Zvezda, wie Hajduk Split am bekanntesten für seine Fußballmannschaft, ist seit den 90-ern Anziehungspunkt für radikal-nationalistische Serben.

Damals war der Verein von Arkan übernommen worden, einem der schlimmsten Kriegsverbrecher und serbischen Mafiosi. Die „Tiger“ von Željko Ražnatović, wie er im echten Leben hieß, waren für zahlreiche Massaker im Bürgerkrieg der 90-er verantwortlich, unter anderem in Vukovar in Slawonien.

Arkan war auch Ehemann der Turbo-Folk-Sängerin Ceca. Ihre Karriere ist maßgeblich seinem Einfluss zu verdanken.

Er wurde im Jahr 2000 in Beograd ermordet.

Was am Angriff auf die Zvezda-Wasserballer so lustig gewesen sein soll, dass man ihn auf einer Faschingsfeier nachstellen muss, wissen vermutlich nur die Veranstalter.

Auch, inwiefern es Satire sein soll, wenn man eine Puppe mit dem Gesicht eines Minderheitenpolitikers verbrennt, erschließt sich einem Außenstehenden nicht vollständig.

Aber es kann ja nicht überall so lustig sein wie in Rijeka.

Besonderer Dank an den Fotografen Filip Marić aus Rijeka, der Balkan Stories Fotos des heurigen Umzugs überlassen hat.

Alle Fotos: (c) Filip Marić