Die Proteste der Bewegung Pravda za Davida in Banja Luka in Bosnien gehen auch nach dem Verschwinden des Sprechers Davor Dragičević weiter – obwohl die Polizei Kundgebungen auflöst. Angeführt werden die Kundgebungen von Suzana Radanović, wie Davor Gründerin der Bewegung und Mutter des Mordopfers David Dragičević. Von Davor gibt es unterdessen ein Lebenszeichen, wie Balkan Stories erfahren hat.

Davor Dragičević lebt. Er ist mit seinem Anwalt in Kontakt. Mehr wisse man nicht.

Das hat Balkan Stories von einer Aktivistin der Protestbewegung Pravda za Davida (Gerechtigkeit für David) erfahren.

Damit sind zumindest Gerüchte zerstreut, er sei von der Polizei in Banja Luka entführt oder gar ermordet worden.

Als Sprecher der Bewegung, die die Aufklärung des Mordes an Davors Sohn David fordert und die Korruption in Bosnien anprangert, war Davor zum Ärgernis für die Regierung des serbisch dominierten bosnischen Teilstaats Republika Srpska (RS) geworden.

Mit anderen Aktivisten wurde Davor mittlerweile unter anderem angeklagt, die öffentliche Sicherheit zu bedrohen.

Bei seinen Reden auf Kundgebungen der vergangenen Monate hatte er wiederholt Mitglieder der Polizei und der Regierung der RS heftig kritisiert.

Zwei Bürger sollen sich wegen dieser Äußerungen gefürchtet haben.

Die Polizei und das Innenministerium der RS werfen ihm auch „Drohungen“ gegen hochrangige Mitglieder der Regierung der RS vor. Er soll sie als Kriminelle bezeichnet haben: „Entweder sterbe ich oder sie gehen ins Gefängnis.“

Davor ist seit zwei Tagen untergetaucht, nachdem die Polizei mehrere Aktivisten von Pravda za Davida nach einer Kundgebung gewaltsam festgenommen hatte.

Davor war bereits am 25. 12. kurzzeitig festgenommen und nach massivem öffentlichem Druck entlassen worden. Nach eigenen Angaben wurde er in Polizeihaft geschlagen.#

Er fürchtet um seine Sicherheit.

Suzana ist das neue Gesicht der Bewegung

Unterdessen ist Suzana Radanović zum Gesicht der Protestbewegung avanciert.

Sie führt die Kundgebungen an, die seitdem auf dem Vorplatz der orthodoxen Christ-Erlöser-Kathedrale in Banja Luka abgehalten werden.

In den Mahnwachen fordern hunderte Protestierende, dass der Mord an David aufgeklärt werden soll.

Er war Ende März tot aufgefunden worden. Die Mörder sind unbekannt, zumindest offiziell.

Die Regierung und die Behörden dementieren, etwas mit dem Tod des Studenten zu tun zu haben.

Versammlung am Mittwoch wurde aufgelöst

Videostreams von Mittwochabend zeigen, wie sich eine Menge friedlich vor der Kirche versammelt hat.

Einige halten Kerzen.

Während einer Ansprache Suzanas heben etliche ihre Faust zum Gruß der Bewegung und rufen „Pravda“. „Gerechtigkeit.“

Mehrere Polizisten patrouillieren.

Sie lösen die Kundgebung nach einigen Ansprachen etwa durch Suzana auf. Zu ihrer Sicherheit sollten die Menschen die „unerlaubte Versammlung“ verlassen. Sonst müsse man einschreiten.

Die Teilnehmenden befolgen die Anweisung nach einiger Zeit.

Die Polizisten scheinen danach einige Teilnehmende direkt anzusprechen.

Festnahmen gab es augenscheinlich keine.

„Lassen uns nicht einschüchtern“

Längst geht es bei dieser Bewegung, die Sympathien weit über die RS hinaus hat, um das allgemeine Versagen bosnischer Behörden und die endemische Korruption in der bosnischen Politik.

Pravda za Davida hat sich zur ersten landesweiten Bürgerbewegung gegen Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit entwickelt.

„Die Polizei hat uns vom Trg Krajine vertrieben, aber wir lassen uns sicher nicht einschüchtern“, schildert eine in Wien lebende Aktivistin gegenüber Balkan Stories.

Wichtig sei, dass niemand der Polizei einen Vorwand gebe, die Versammlungen aufzulösen.

„Die warten ganz sicher nur darauf. Wir sind aber bis jetzt friedlich geblieben und werden das auch weiter sein.“

Eine andere Sympathisantin der Bewegung, mit der Balkan Stories gesprochen hat, sagt, sie sei nach wie vor schockiert, mit wie viel Gewalt die Polizei eine Demonstration am 25. 12. aufgelöst habe.

„Da waren vorwiegend Frauen und Kinder, und die Polizei hat trotzdem ohne Grund auf Demonstrierende eingeprügelt und sie getreten.“

Fotos und Videos dieses Tagen dokumentieren, wie die Polizei unverhältnismäßig hart gegen Demonstrierende vorgeht.

„Die wollen uns spalten“

Jetzt versuche die Regierung der RS, Pravda za Davida zu kriminalisieren, um möglichst viel Druck ausüben zu können, heißt es aus der Protestbewegung.

Zur Strategie gehöre auch, nach außen ein Bild von beinahe bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Banja Luka zu zeichnen.

Und unter anderem wird auch geklagt, dass der Tourismus in Banja Luka Schaden durch Pravda za Davida genommen habe.

„Die wollen uns spalten, nach dem Motto: Bist du dafür oder dagegen“, sagt eine Sympathisantin.

Tatsächlich ist Pravda za Davida die mittlerweile am längsten dauernde und größte Protestbewegung Bosniens seit dem Krieg.

Sie bringt Menschen aller Religionsbekenntnisse und Nationalitäten zusammen und hat auch in der Dijaspora breite Unterstützung.

Mehr über die Hintergründe von Pravda za Davida könnt ihr HIER nachlesen.

HIER gibt es einen Überblick über die Entwicklungen der vergangenen Tage.