Ein griffiger Titel hat einen Redakteur der BHS-Ausgabe der Deutschen Welle in Bedrängnis gebracht. Ein nationalistisches bosnjakisches Portal hat gegen ihn zum Halali geblasen – und einen Shitstorm ausgelöst. Mit seriöser Kritik hat das nichts mehr zu tun.

Jeder Journalist träumt davon, mit einer Geschichte Schlagzeilen in anderen Medien auszulösen.

Presseschauen sind für gewöhnlich nicht das Genre, in dem das gelingt.

Nemanja Rujević von der BHS-Ausgabe der Deutschen Welle (DW) ist dieses Kunststück gelungen.

Wenn auch eher ungewollt. Und nach Maßstäben der Vernunft unvorhersehbar.

„Kolaps turske lire – ni Alah ne pomaže“, „Kollaps der türkischen Lira – auch Allah hilft nicht“, titelte er vielleicht etwas überspitzt eine Presseschau aus deutschen Seiten.

Ein klarer Seitenhieb auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der hatte auf die tiefe Krise der türkischen Währung und Wirtschaft mit den Worten reagiert: „Auch wenn sie den Dollar haben, wir haben das Volk und Allah ist mit uns“

In der Redaktion der an sich eher unbedeutenden Seite bosnjacki.com scheinen Humor und Denken in Zusammenhängen keine übermäßig wichtigen Einstellungskriterien zu sein.

Man blies zum Halali auf den serbischstämmigen Redakteur der DW. Er habe „den Islam“ beleidigt, und Allah obendrein, hieß es in einem Artikel, der den Journalisten persönlich angriff – samt Foto und dem überdeutlichen Hinweis, Nemanja sei ja Serbe.

Eine Beschwerde an die DW folgte prompt.

Andere Medien springen auf den Propagandazug auf

Das dürfte nicht das einzige gewesen sein, was die Redaktion des bosnjakisch-nationalistischen Mediums angezettelt haben dürfte.

Binnen kürzester Zeit tauchten auf mehreren Seiten mit Naheverhältnis zu bosnjakisch-nationalistischen Bewegungen wortidente Berichte auf, in denen Nemanja Rujević persönlich angeriffen wurde. Etwa bei Sandžak Novine.

Nemanja have vor Kurzem sogar Österreichs Vizekanzler, FPÖ-Chef Heinz Christian Strache, verteidigt. Und Strache liege bekanntlich mit den serbischen Nationalisten im Bett, heißt es in den Artikeln.

Einen Beleg für die Behauptung, die DW habe in Person von Nemanja Rujević in irgendeiner Form Partei für den österreichischen Rechtsaußenpolitiker ergriffen, blieb man freilich schuldig.

Überraschend thematisierte auch das serbische Boulevardblatt Blic die Causa auf und Nemanja hart an.

Auch das Wiener Dijaspora-Magazin KOSMO beteiligt sich an der persönlichen Hetzjagd gegen einen Journalisten. Warum, bleibt ein Rätsel.

Balkan Stories hat eine e-mail-Anfrage an die Redaktion von KOSMO gerichtet. Wegen des heutigen Feiertags blieb sie bis dato unbeantwortet.

Eine orchestrierte Kampagne?

Die Aggressivität und das Ausmaß der Berichterstattung und nicht zuletzt der persönliche Stil lassen eine orchestrierte Kampagne vermuten, auf die wegen ihrer Größe unbeteiligte Medien wie Blic und KOSMO unkritisch aufgesprungen sind.

Derart persönliche Angriffe gegen Journalisten sind im Medienbereich höchst ungewöhnlich. Normalerweise wird bei schief gegangener Berichterstattung das Medium an sich kritisiert und nicht der verantwortliche Journalist zum Gottseibeiuns erklärt, oder in dem Fall zum Moslemfresser.

Noch weniger macht man das im Allgemeinen mit Fotos des betreffenden Journalisten.

Wegen eines derart nichtigen Anlasses kommt das schon gar nicht vor.

Selbst wenn man den Titel der Presseschau für verunglückt halten sollte (Balkan Stories tut das nicht), bedarf es viel bösen Willens, mehr als einen allenfalls schlechten Sinn für Humor hineinzulesen.

Islamfeindlichkeit lässt sich nach objektiven Kriterien keine erkennen. Der Titel ist eine eindeutige Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan, der den Islam politisch zu instrumentalisieren versucht. Mehr nicht.

Zumal mit Rüdiger Rossig ein ausgewiesener Balkanexperte die BHS-Redaktion der DW leitet, der keine Toleranz für nationalistische Spielchen irgendeiner Art hat und mit den einschlägigen Codes der Hetzer aller Seiten bestens vertraut ist.

Ein Moslemfresser als Redakteur hätte bei ihm weniger ein leichtes als ein sehr kurzes professionelles Leben.

Das Naheverhältnis zur türkischen Regierung

Freilich, bosnjacki.com ist kein Medium, das sich eines objektiven Blicks auf die Welt befleißigt.

Die Berichterstattung der Seite zur Türkei ist auffallend unkritisch.

„Turska će procesuirati ekonomske teroriste koji blate tursku ekonomiju“ lautet etwa ein Titel der Berichterstattung zur türkischen Währungs- und Wirtschaftskrise. „Die Türkei wird Wirtschaftsterroristen verfolgen, die die türkische Wirtschaft belasten.“

Das dürfte kein Zufall sein.

Erdogan buhlt gezielt um bosnjakische Nationalisten. Er sieht sie als Faktor, in Bosnien Einfluss zu gewinnen.

Einige Nationalisten sind auf das Werben eingegangen und auf eine stramme pro-Erdogan-Linie eingeschwenkt.

Dem Anschein nach zählt bosnjacki.com dazu. Und bemüht sich eifrigst, die Ewartungen des neuen Idols zu erfüllen, inklusive Befriedigung seiner Vorliebe für Verschwörungstheorien.

Dass die Redaktion einen Journalisten einer kritischen und unabhängigen Seite persönlich angreift, um von der tiefen Krise der Türkei abzulenken und den Reis in Schutz zu nehmen, erschiene angesichts des offensichtlichen Naheverhältnisses nicht allzuweit hergeholt.

Wie eng das Naheverhältnis von bosnjacki.com zum türkischen Regime wirklich ist, wäre möglicherweise eine nähere Untersuchung wert.

Es erscheint äußerst unwahrscheinlich, dass sich die Türkei keine ausländischen Medien für ihre Propaganda hält.