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Der Krieg ist heimgekehrt

Heute ist Internationaler Frauentag. In Serbien gibt es wenig zu feiern. Frauenorganisationen sehen Frauen nach wie vor hoher Gewalt ausgesetzt. Sehr häufig führt sie zum Tod der Betroffenen. Schutz gibt es kaum.

Vor weniger als zwei Wochen fiel die 68-jährige J. A. ihren Söhnen zum Opfer. Nach Auskunft der Organisation Mreže Žene protiv nasilja (Frauen-Netzwerk gegen Gewalt) war Frau die neunte, die seit Jahresbeginn ermordet wurde.

Wenige Monate vor der Tat war sie vor ihrem älteren Sohn in ein Frauenhaus geflüchtet, später aber zurückgekehrt.

Eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt scheint nicht zu einem Strafprozess geführt zu haben – zumindest nicht rechtzeitig, um das Leben der Frau zu retten.

30 Opfer. Jedes Jahr.

Um die 30 Frauen werden jedes Jahr in Serbien ermordet. Das ist fast so viel wie es männliche und weibliche Mordopfer insgesamt in Österreich gibt. Österreichs Bevölkerung ist allerdings um ein gut ein Viertel größer als die Serbiens.

Im Großteil der Fälle sind die Mörder Ehemänner oder Familienangehörige. In der Regel geht den Morden jahrelange häusliche Gewalt voraus.

Gesellschaftliches Bewusstsein gibt es kaum, sagt Aleksandra vom Frauen-Netzwerk, als ich sie im Vorjahr auf einem Stand vor dem geschlossenen Nationalmuseum in Beograd treffe.

Auf einem Stand vor der Reiterstatue sammeln sie und Mitstreiterinnen Unterschriften für eine Petition.

„Wir fordern, dass der 18. Mai zum Nationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen erklärt wird“, sagt Aleksandra.

Der Tag soll kein bloßer Gedenktag werden, fordert das Netzwerk. „Wenn das umgesetzt wird, sollen Behörden und Regierung an diesem Tag detaillierte Berichte über Gewalt an Frauen vorlegen.“

Auch an diesen Informationen mangle es häufig. Das erschwert den Kampf gegen häusliche Gewalt.

Polizei schaut häufig weg

Ein Pensionist unterschreibt die Petition. Vorher muss er seinen Personalausweis zeigen.

„Wir müssen aus Datenschutzgründen sicherstellen, dass nur serbische Staatsbürger unterschreiben“. erklärt Pedra, eine andere Aktivistin.

„Es sind vorwiegend Frauen, die diese Petition unterschreiben“, beschreibt Aleksandra. „Aber auch viele Männer unterstützen unser Anliegen und sagen: Da muss was getan werden.“

Vor allem die serbische Polizei ignoriert häufig Anzeigen von Frauen wegen häuslicher Gewalt.

Auch Balkan Stories liegen glaubhafte Schilderungen von Frauen vor, die von ihren Partnern oder Ehemännern geschlagen wurden. Trotz sichtbarer Verletzungen hat die Polizei ihre Anzeigen nicht entgegengenommen und sie nach Hause geschickt.

Das ist auch nach serbischem Recht illegal. Konsequenzen hat das in der Regel keine, kritisieren Betroffene und das Frauen-Netzwerk.

Mörder sind häufig Kriegsveteranen

Außerdem gibt es im ganzen Land nur 26 Frauenhäuser. Frauen können häufig nur bei Verwandten Schutz suchen – und werden dort von ihren gewalttätigen Familienmitglieder leicht gefunden.

Ein weiteres Problem führt dazu, dass die Gewalt in regelmäßigen Abständen eskaliert. „Viele Täter sind ehemalige Kriegsteilnehmer“, schildert Aleksandra. „Sie leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung.“

Der Krieg, so scheint es, ist heimgekehrt. Und wieder sind Frauen die Opfer.

Wie viele Veteranen mit PTSD es gibt, weiß niemand. „Als Gesellschaft sagen wir uns ja: Wir haben mit dem Krieg nichts zu tun gehabt. Also schaut da auch keiner hin und die Betroffenen kriegen keine Behandlung“, sagt Aleksandra.

Ein Schritt zu besserem Schutz von Frauen gegen häusliche Gewalt wäre aus ihrer Sicht, dass sich die serbische Gesellschaft endlich der Verantwortung für den Jugoslawien-Krieg in den 1990-ern stellt.

Auch, dass der 18. Mai Tag gegen Gewalt gegen Frauen wird, hat mit diesem Problem zu tun.

Zwischen 16. und 18. Mai 2015 wurden sieben Frauen in Serbien ermordet. Sieben innerhalb von nur 72 Stunden. In einem großen Teil der Fälle waren die Mörder Kriegsveteranen.

Der Unterschriftenstand als Anlaufstelle

Mehrere Frauen haben mittlerweile den Stand umringt. Pedra überprüft ihre Staatsbürgerschaft und lässt sie unterschreiben.

„Einmal die Woche sind wir hier“, sagt Aleksandra. „Wenn man sich anschaut, wie die Behörden versagen und dass wir die Einzigen sind, die dagegen etwas tun, stehen wir gerne hier. Es muss etwas passieren.“

Der Stand hat sich auch zu einer Anlaufstelle für die Beograderinnen und Beograder entwickelt.

Hierher kommen Opfer häuslicher Gewalt und erzählen ihre Geschichten – und bekommen Nummern von Anlaufstellen.

„Auch viele Männer drücken uns unsere Unterstützung aus.“

Mittlerweile erfüllt der Stand vor dem Nationalmuseum auch eine soziale Funktion, vor allem für Menschen im Pensionsalter, sagt Pedra.

„Ein Pensionist kommt jede Woche vorbei und erzählt uns, was er in der vergangenen Woche erlebt und getan hat.“

Querulanten sind unvermeidlich. „Ja, wir haben auch die, die zu uns kommen und sagen: Frauen sollen geschlagen werden.“ Das seien vorwiegend Männer, aber erstaunlicherweise gebe es immer wieder auch Frauen, die diese Meinung vertreten.

Aber mit denen werde man fertig.

Mit dem Desinteresse der serbischen Gesellschaft tut man sich um einiges schwerer. Aber irgendwer müsse was tun, sagen die Aktivistinnen.