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Warum ich „Sprache ohne Namen“ sage

Erst heute hatte ich eine eifrige Diskussion mit einer sehr geschätzten Freundin. Sie findet es befremdlich, dass ich den Ausdruck „Sprache ohne Namen“ meine, wenn ich von der Sprache rede, die früher Serbokroatisch hieß. Das hat mehr als einen Grund. Vor allem ist es Protest.

„Sprache ohne Namen“ klänge wie „Land ohne Sprache“, sagt mir eine Freundin, die ich über die Maßen schätze. Und sie und ihr Land hätten nun einmal eine Sprache. Das ist eines der vier Hauptidiome jener Sprache, die ich als Sprache ohne Namen bezeichne.

Ich schreibe das nicht, um jemanden bloßzustellen, etwas zu unterstellen oder gar vorzuwerfen. Es ist nur das jüngste Beispiel einer Debatte, die ich mehrfach geführt habe. Übrigens immer mit Menschen, die gerade nichts mit Nationalismus am Hut haben und für fairere politische Verhältnisse in ihrer Heimat kämpfen.

Nun respektiere ich durchaus die Gefühle, die diese Leute haben.

Freilich geht es hier um etwas anderes.

Der Ausdruck „Sprache ohne Namen“ soll ja irritieren und provozieren. Er bringt die politische Problematik auf den Punkt, die der Debatte zugrunde liegt.

Ich könnte genausogut den Begriff verwenden „Sprache, die früher Serbokroatisch hieß“ oder, etwas weniger präzis, „frühere Staatssparache Jugoslawiens“. Wäre länger, sperriger und würde von den meisten als allzusehr YU-nostalgisch verstanden werden.

Dieser Ausdruck ist offener Protest. Er ist Protest gegen eine Politik, die mit Hilfe von Sprache und dem Namen von Sprache nationale Identitäten und nationale Narrative erzeugen will.

Eine Politik, die mit dieser Strategie den Eindruck erzeugen will, die mittlerweile vier Nationen seien eben von Grund auf verschieden, immer schon von Grund auf verschieden gewesen und hätten wenige Gemeinsamkeiten.

Das Gemeinsame wird unausdrückbar gemacht

Das genau passiert ja, wenn behauptet wird, Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch seien eigenständige Sprachen.

Das sind sie nicht. Sie sind vier eigenständige Hauptidiome einer gemeinsamen, polyzentrischen Sprache.

Diese Sprache hat keinen Namen mehr. Den haben ihr Politiker und willfährige Linguisten genommen.

Mit dieser Entnamung haben Politik und willfährige Linguisten es unausdrückbar gemacht, dass es eine gemeinsame Verständigungsbasis gibt.

Keiner der Sprecher, keine der Sprecherinnen, eines der vier Hauptidiome braucht einen Dolmetscher, um die anderen zu verstehen.

Übersetzer braucht man allenfalls für juristische Dokumente.

Für die braucht man auch einen Übersetzer, wenn man ein österreichisches Dokument für Deutsche lesbar machen will und umgekehrt.

Überhaupt, das österreichische und das deutsche Standardidiom unterscheiden sich stärker voneinander als die vier Hauptidiome der Sprache ohne Namen.

Wo die Unterscheidung Sinn macht

Es würde nur niemand auf die Idee kommen, zu behaupten, Österreichisch und Deutsch seien zwei verschiedene Sprachen.

Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Idiomen macht auch nur Sinn, wenn man etwas Spezifisches anspricht.

Wörter wie Topfen, Paradeiser (aussterbend) und Erdäpfel (ebenso aussterbend) etwa sind Wörter, die nur im österreichischen Standardidiom gebräuchlich sind. Spricht man über solche Begriffe, hat der Begriff Österreichisch seine Berechtigung. Und nur in diesem Kontext.

Sinnlos wäre es, wenn man sagen würde, das Wort „autobusna stanica“ heißt auf Österreichisch Busbahnhof. Es heißt im deutschen Idiom gleich. Richtigerweise würde man sagen: Auf Deutsch heißt „autobusna stanica“ Busbahnhof.

Kein Österreicher würde sich deswegen zurückgesetzt fühlen, ausgenommen eine Handvoll superpatriotischer Idioten.

Es würde auch kein Österreicher so interpretieren, dass die Sprachbezeichnung „Deutsch“ die Existenz der österreichischen Nation leugnet. Warum auch?

Man könnte hier einwenden, auf Kroatisch heißt Busbahnhof „autobusni kolodvor“. Unter „autobusna stanica“ versteht der Kroate eine Bushaltestelle. Das sind zwei ähnliche, aber verschiedene, Dinge.

Stimmt. In dem Kontext wäre es auch sinnvoll, von Kroatisch zu sprechen. Aber eben nur in diesem.

Das macht Kroatisch zu einem eigenen Idiom, das auch niemandem weggenommen werden soll und das natürlich seine volle Berechtigung hat.

Das Gleiche gilt für Serbisch und Bosnisch und neuerdings Montenegrinisch.

Ebenso richtig ist, wenn eine Serbin oder Montenegrinerin sagt, sie spreche Serbisch oder Montenegrinisch. Sie spricht ja das Idiom. Das will ihr ja keiner nehmen.

Nur: Bei Wörtern und Redewendungen, die in allen vier Idiomen gleich sind, macht es keinen Sinn, auf das konkrete Idiom hinzuweisen.

Es würde Verwirrung stiften.

Eine gemeinsame Deklaration für eine gemeinsame Sprache – die keinen Namen hat

Das wird von Sprecherinnen und Sprechern dieser Idiome häufig anders gesehen. Bei weitem nicht alle sind Nationalisten.

Sie laufen nur Gefahr, mit der Gleichsetzung von Idiom und Sprache nationalistische Sichtweisen aus den ehrlichsten Motiven heraus zu reproduzieren.

Mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da.

Im Vorjahr haben führende Linguistinnen und Linguisten und Kulturschaffende aus Bosnien, Kroatien, Serbien und Montengro eine Deklaration veröffentlicht.

Das Dokument verurteilt die Politik, die die vier Hauptidiome zu jeweils eigenen Sprachen erklärt.

Bezeichnenderweise geben sie der Sprache, die sie verteidigen, keinen Namen. Sie nennen sie nur „einheitliche Sprache“.

Wenn ich den Begriff „Sprache ohne Namen“ gebrauche, vollziehe ich streng genommen nur das nach, was diese Deklaration implizit festhält: Es gibt im übergeordneten Sinn eine Sprache. Die hat nur keinen Namen.

Übersetzerinnen und Übersetzer stellt das auch regelmäßig vor Probleme.

Der Begriff „Sprache ohne Namen“ bringt diese Tragik auf den Punkt.

Das mag einem gefallen oder nicht.

Im Zweifelsfall für Ehrlichkeit

Es hat einen Sinn, warum ich mich seit dieser Deklaration entschlossen habe, den Begriff konsequent zu verwenden.

Ich halte ihn für ehrlicher als das ständige Herumschummeln mit Begriffen wie Naški (=Unsere Sprache). So charmant ich diese Bezeichnung auch finde und so sehr ich ihr auch zugestehe, dass sie ein Versuch ist, die nationalistischen Spielchen mit dem Namen der Sprache zu überwinden.

Aber um Missstände aufzuzeigen wie diese unerträglichen nationalistischen Sprachspielereien, um gegen sie zu protestieren, braucht es auf Dauer Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit verletzt Gefühle.

Ich nehme das zur Kenntnis und bedauere es. Ich kann nur aufrufen, das nicht persönlich zu nehmen.

Nicht ich habe der Sprache ihren Namen genommen. Die Politik der vergangenen 25 Jahre hat es.

Ich halte es aber für falsch, nur aus der Überlegung heraus, dass sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlen könnte, prinzipiell auf Ehrlichkeit zu verzichten.

Das ist schrecklich unmodern. Wir leben in einer Zeit, in der jedermanns und jederfraus Gefühle das Maß aller Dinge geworden sind und man nur empört oder besorgt genug sein muss, um jede Debatte zu Beginn abzudrehen.

Das hat, in anderen Bereichen, Ausmaße erreicht, die sinnvolle sprachliche Verständigung unmöglich zu machen drohen.

Siehe etwa die Forderung mancher übermotivierter Gruppen, doch öffentlich von „schwangeren Personen“ zu sprechen und den Begriff schwangere Frauen zu vermeiden.

Es geht bei meiner Diktion nicht darum, dass ich den Leuten sagen will, das Idiom, das sie sprechen, existiere nicht. Es exististiert.

Ich will den Leuten auch sicher nicht vorschreiben, wie das Idiom nennen sollen, das sie sprechen. Wer bin ich, das zu tun? Auch ein Linguist hätte nicht das Recht.

Ich will nur gegen eine Politik protestieren, die das, was sie sprechen, gegeneinander ausspielt.

Ich will darauf aufmerksam machen, dass es ein Gemeinsames gibt.

Ich will darauf aufmerksam machen und dagegen protestieren, dass es eine Politik gibt, die dieses Gemeinsame verdrängen will, die dieses Gemeinsame unsagbar und damit langfristig undenkbar macht.

Mit Wohlfühlphrasen erreiche ich das nicht.

Mit meinem Ziel stehe ich nicht alleine da.