Die Stadtverwaltung von Sarajevo treibt die Abzocke der Bürger und Unternehmen der Stadt einem neuen Höhepunkt entgegen. Wer den Namen der Stadt verwendet, soll bezahlen.

Die Lust, Werbung für seine Heimatstadt zu machen, hat die Stadtverwaltung dem Betreiber der Facebook-Seite Sarajevo Forever gründlich ausgetrieben.

Entweder er stellt die Seite ein – oder er muss dafür zahlen, dass er den Namen Sarajevo für seine Seite verwendet, heißt es in einem Schreiben, das er diese Woche erhalten hat.

„Über den Preis für den Namen haben wir nicht geredet“, sagt er gegenüber Balkan Stories. Er wäre auch nicht bereit, etwas zu bezahlen, wie er in einer Meldung auf seiner Seite klarmacht. Stattdessen kündigt er an, die Seite stillzulegen.

Das wäre ein großer Verlust. Seit Jahren gräbt die Seite historische Fotos aus Sarajevos aus Archiven aus und stellt sie der Allgemeinheit zur Verfügung.

Die Seite mit knapp 14.000 Fans hat das Ziel, Bewusstsein für das historische Erbe der Stadt zu schaffen und aufrechtzuerhalten.

Und vielleicht dem einen oder anderen Interessierten aus dem Ausland Lust auf eine Entdeckungsreise in die bosnische Hauptstadt zu machen.

Der Bürgermeister Sarajevos, Abdulah Skaka, bestätigt gegenüber der bosnischen Nachrichtenseite klix den Vorfall.

Er beruft sich auf eine Vorschrift aus dem Jahr 2006. In der heißt es, juristische Personen – das sind in diesem Zusammenhang Firmen – müssten Lizenzgebühr zahlen, wenn sie den Namen der Stadt Sarajevo verwenden wollen. Zahlen muss man auch, wenn man das Wappen oder die Fahne der Stadt verwenden will.

Für sich genommen ein sehr fragwürdiger Umgang mit öffentlichem Gut, wie es der Name einer Stadt im Gegensatz zu einer Marke ist.

Von natürlichen Personen – das ist der juristische Begriff für Menschen – ist in der Vorschrift nicht die Rede.

Unter diese Kategorie müsste der Betreiber von Sarajevo Forever eigentlich fallen. Was der Stadtverwaltung egal zu sein scheint.

Für 22.000 Euro riskiert die Stadt ihr Image

Bürgermeister Skaka wiegelt gegenüber klix die Sache ab. Man arbeite mit dem Ombudsmann zusammen, die Schließung von Seiten solle vermieden werden.

„Die Interessen der Bürger werden bei uns immer an erster Stelle stehen,“ sagt der Bürgermeister gegenüber dem Portal.

Die Einnahmen aus der Lizenzgebühr beliefen sich im Fiskaljahr 2016/2017 auf 43.900 bosnische Mark, das sind knapp 22.000 Euro.

Ein bescheidener Betrag, für den die Stadtverwaltung das Image der Stadt riskiert.

Den Tourismus, der langsam in Schwung kommt, wird diese Episode eher nicht ankurbeln.

„Bürger der Stadt mit dem verbotenen Namen“

Die Reaktionen in Sozialen Medien sind entsprechend. Sarajili werfen der Stadt Kleptokratie vor. Andere schreiben den Stadtnamen „Saraj€vo“.

„Wir sind Bürger der Stadt mit dem verbotenen Namen“, schreiben andere. Diese Formulierung hat auch Sarajevo Forever aufgegriffen.

„Müssen jetzt die, die in Sarajevo geboren worden sind, jedes Mal bezahlen, wenn sie ihren Geburtsort nennen?“, fragt eine Nedila sarkastisch.

Es ist nicht der einzige Bereich, in dem die Stadt ihre Bürger abzockt.

Kleine und große Skandale

Wer das alte Rathaus, die Vijećnica, sehen will, muss Eintrittsgeld bezahlen. Das bringt viele Bürger auf die Palme.

Zumal die mit internationalen Spenden restaurierte Vijećnica nicht einmal der Stadtverwaltung gehört sondern der Bosnischen Nationalbibliothek.

Der verweigert die Stadtverwaltung bis heute den Zutritt zum Gebäude. Da Eintrittsgeld und die Einnahmen aus der Vermietung des Gebäudes etwa für Konzerte, Bälle und Hochzeiten, behält die Stadt ebenfalls ein.

Dass die schwer unterdotierte Nationalbibliothek auf jeden Cent angewiesen wäre, scheint dem Bürgermeisterbüro egal.

Was mit den Einnahmen passiert, ist unklar. Eine durchgehende Wasserversorgung wird mit ihnen jedenfalls nicht sichergestellt.

Auch wenn sich die Situation seit dieser Reportage von Balkan Stories dank einiger regenreicher Monate verbessert hat, sind die Wasserleitungen von Sarajevo nach wie vor in einem schlechten Zustand.

Es habe vereinzelte Bauarbeiten am Wassernetz gegeben, aber bei weitem nicht so umfangreich wie notwendig, beschreiben Einwohner der Stadt gegenüber Balkan Stories.

Dieser Beitrag ist auch bei den Ruhrbaronen erschienen und vom Akinblog übernommen worden.