Was mich im Jahr 2017 am meisten irritiert hat, war überraschenderweise nicht einmal das österreichische Wahlergebnis. Dass es schlimm kommen würde, war abzusehen. Es war eine kleine deutsche Sonderausstellung im Historischen Museum in Sarajevo.

Das Historische Museum von Sarajevo ist nach dem Nationalmuseum in Prishtina das wahrscheinlich depressivste der Welt. Die Dauerausstellung über die Belagerung von Sarajevo füllt gerade mal einen Raum im ersten Stock. Gut gemacht, aber winzig.

Die deutsche Sonderausstellung im September gleich daneben konntest du nicht übersehen. Sie nahm fast genau soviel Platz ein.

Sie bewarb den deutschen Erfinder- und Innovationsgeist und die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten an deutschen Unis und Forschungseinrichtungen und in deutschen Betrieben.

Bebildert mit allerlei schön anzusehenden jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus allen Weltgegenden und Bildern mehr oder weniger eindrucksvoller deutscher Erfindungen.

Die Botschaft war eindeutig: Kommt nach Deutschland, liebe Bosnierinnen und Bosnier. Dort wartet ein besseres Leben auf euch.

Das Ganze hat mich so irritiert, dass ich keine Fotos gemacht habe.

„Erfinderland Deutschland“ heißt sie. Organisiert vom Goethe-Institut, finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, nach Bosnien gebracht mit Hilfe der deutschen Botschaft.

Ich kann vermuten, dass das Historische Museum Geld bekam, die Ausstellung zu zeigen. Ich kenne die örtlichen Gepflogenheiten. Dass das Museum jeden Cent brauchen kann, ist auch nicht zu bestreiten.

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Seid ihr verrückt geworden?

Liebe deutsche Bundesregierung: Ihr finanziert in einem Auswanderungsland wie Bosnien Werbung für Auswanderung nach Deutschland?

Seid ihr verrückt geworden? (Diese Frage ist nur insofern rhetorisch, als Geistesverlassenheit die einzig emotional erträgliche Erklärung für diesen Unfug wäre.)

Aus Bosnien wandern in einem guten Jahr 25.000 Menschen aus. In einem schlechten sind es 40.000.

Bosnien hat mittlerweile nur mehr 3,8 Millionen Einwohner. Jedes Jahr werden dort um die 33.000 Kinder geboren.

Jedes Jahr wandert ein ganzer Jahrgang aus Bosnien aus.

Ich halte es für unverantwortlich, diesen Drang auch noch anzuheizen.

Abgesehen davon träumt jeder zweite Bosnier ohnehin, nach Deutschland zu gehen. Dass dort viele nicht so leben wie auf den schicken Bildern im Historischen Museum dargestellt, ist die wenig erfreuliche Realität.

Das macht die Ausstellung in meinen Augen auch zur Verarschung.

Zynisch ist sie obendrein.

Westliche Konzerne und westliche Politik sind mitverantwortlich

Westliche Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren die Filetstücke der Wirtschaft in Ex-Jugoslawien geholt.

Siehe das Banken- und Versicherungswesen. Siehe die Autoproduktion. Siehe große Teile der sonstigen Industrie.

Westliche Konzerne und internationale Agenturen haben sich an der Aufbauhilfe und internationalen Finanzspritzen für die Länder Ex-Jugoslawiens gesundgestoßen.

Ist eine Autobahn zu bauen, kriegt den Auftrag auf internationalen Druck vorwiegend ein ausländischer Konzern.

Gibt es ein großes Kraftwerkprojekt dank internationaler Finanzhilfe – dreimal darf man raten, wer zum Zug kommt.

(Rüdiger Rossig hat das Spiel am Beispiel Kosovos und Bosniens in einer sehenswerten Doku aufgezeigt.)

Westliche Konzerne lagern ihre Fertigungsstätten in die Region aus.

Die Regierungen kommen ihnen entgegen und senken die Mindestlöhne für diese Betriebe und setzen des Arbeitsrecht außer Kraft wie in Serbien, wie das Beispiel Geox in Vranje zeigt, das Saša Dragojlo in einer Reportage für das Magazin Mašina dokumentiert hat.

Die Förderungen sind häufig höher als die Lohnkosten und Steuern zusammen. Das zeigt eine penibel recherchierte Studie im Auftrag der Rosa Luxemburg-Stiftung.

Korruption gegen „Stabilität“

Die westliche Politik fördert im Namen der so genannten Stabilität verlässlich jeden, der an der Macht ist. Nikola Gruevski, Aleksandar Vučić und wie sie auch sonst heißen mögen: Die Unterstützung des Auslands ist ihnen sicher, so lange sie an der Macht sind.

Bei noch so offensichtlicher Korruption, Misswirtschaft und noch so offensichtlichem Autoritarismus sagt man anstandshalber zweimal Dududu und schaut ansonsten weg. Zumal westliche Konzerne ganz gerne mittanzen beim Tango Korrupti.

Und wenn die Leute, wie Gruevski, die Macht verlieren, findet sich ein Neuer, an den man sich ranwerfen kann.

Die Deutschen sind vorn dabei beim Druck machen

Damit man nicht auf die Idee kommt, es könnte sich etwas zum Besseren verändern, machen westliche Regierungen auch Druck auf die Regierungen der Region, Arbeitnehmerrechte aufzuweichen und Löhne zu senken.

Die Erste Geige beim Konzert „There Is No Alternative“ in Bosnien bei der Nummer „Die Löhne müssen runter, die Arbeitnehmer sollen arbeiten, bis ihnen die Schwarte kracht, dann wird alles besser“ spielte: Die deutsche Bundesregierung.

Die gleiche deutsche Bundesregierung die Ausstellungen finanziert, in denen die Bosnier praktisch eingeladen werden, in Scharen nach Deutschland zu kommen.

Nach den Filetstücken der Wirtschaft will man sich offenbar auch die Filetstücke dessen sichern, was Neoliberale so gerne „Humankapital“ nennen.

Die besten, die klügsten und die gescheitesten Arbeitnehmer des Landes sollen so schnell wie möglich das Vermögen deutscher Unternehmer auch in Deutschland mehren helfen.

Wie lieb ist das denn?

Das man für die meist sehr gute Ausbildung dieser jungen Leute auch nicht einen Cent bezahlt, dass man diese Kosten ohne jede Gegenleistung der bosnischen Wirtschaft umhängen kann, macht es noch viel lustiger.

Von dem Elend, für das man mitverantwortlich ist, will man auch noch profitieren.

Warum die Menschen gehen wollen

Die Menschen haben auch ohne diese Ausstellung allen Grund zu gehen. Die Wirtschaft stagniert. Jeder Dritte hat keine Arbeit. Bei Menschen unter 25 hat nur jeder Dritte Arbeit.

Besserung ist nicht in Sicht. Da geht man.

„Mein Sohn ist in Kanada. Ich will nicht, dass er je wieder zurückkommt.“

Und mit jedem der geht, wird die Versuchung größer, auch zu gehen.

Das ist nicht nur in Bosnien so. Auf jeder meiner Reisen in den vergangenen Jahren in jedem Nachfolgestaat Jugoslawiens mit Ausnahme Sloweniens haben mich oft Wildfremde gefragt, was man tun muss, um nach Österreich auszuwandern.

Und ob ich ihnen helfen könnte, einen Job zu finden.

Der montenegrinische Polizist, der serbische Kellner, die bosnische Masseurin. Leute, die mich das erste Mal in einem Cafe sehen oder alte Bekannte. Egal.

Eine höhere Angestellte im öffentlichen Dienst in Sarajevo fühlt sich nur zu alt zu gehen und sagt mir: „Mein Sohn ist in Kanada. Ich will nicht, dass er je wieder zurückkommt.“

Wenn du nicht schluckst, wenn du das hörst, hast du kein Herz.

So kann es nicht weitergehen

Ich verstehe die Leute. Ich helfe, wenn ich kann. Ich freue mich auch über Jede und Jeden, der hierherkommt und ein besseres Leben aufbauen will.

(Ich lebe in einem Arbeiter- und Migrantenbezirk Wiens. In einem Grätzel, wo mindestens jeder Zweite woanders auf die Welt gekommen ist. Ich habe keine Angst vor „den Fremden“ oder sonstwas. Ich lebe mit ihnen.  Ich lebe gerne mit ihnen. Sie sind meine Nachbarn. Sie sind meine Freunde. Das sehen die Meisten in meiner Gegend so.

Ich hab nichts gegen Einwanderung. Ich hab nur was dagegen, dass Leuten nichts anderes bleibt, als ihre Heimat zu verlassen.)

Aber ich weiß, das kann nicht so weiter gehen.

Du musst nur durchs Drina-Tal fahren oder durch die Bosanska Krajina.

Dörfer, wo jedes zweite Haus verfällt. Wo nur mehr jedes dritte Lokal und jedes vierte Geschäft geöffnet hast. Wo es mehr Straßenhunde gibt als Kinder. Wo alte Leute darüber reden, wer von ihnen als Letzter das Licht ausmacht.

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Ja, fahr nur durch, liebe Leserin, lieber Leser. Du wirst merken: Man muss was tun, dass die Leute wegwollen. Man muss diese Auswanderung stoppen. Sonst geht die Region vor die Hunde.

Sicher, das Geld, das die Ausgewanderten schicken, kann man gut brauchen. Wie man an den Wirtschaftsdaten sieht: Einen Aufschwung zaubert es nicht herbei.

Die Auswanderung verringert die Perspektiven

Die Massenauswanderung wird nicht das Geringste ändern. Sie stabilisiert nur die korrupten Machthaber.

Als Erste gehen die gut Gebildeten, die Kritischen, die Engagierten. Die, die das Land verändern könnten. Die, die es neu aufbauen könnten.

Sie gehen nicht aus Egoismus. Sie haben nur keine andere Wahl.

Wir erreichen bald den Punkt, wo die kritische Masse an Engagierten fehlt, die irgendeine Änderung herbeiführen könnte.

Vielleicht verstehst du, liebe Leserin, lieber Leser, jetzt, warum ich diese deutsche Ausstellung im Historischen Museum in Sarajevo so obszön finde.

Gebt den Leuten eine Wahl

Gegen die Massenauswanderung, liebe deutsche Bundesregierung, solltest du Geld in die Hand nehmen. Dagegen solltest du deine Muskeln spielen lassen.

Und bitte nicht mit Erdogan -und Lybien-Deals.

Mit Investitionen, die Perspektiven schaffen. Mit Antikorruptionsprogrammen.

Die Menschen sollen nicht mehr gezwungen sein, aus schierer Not ihre Heimat zu verlassen. Sie sollen eine echte Wahl haben, ob sie bleiben wollen oder gehen.

Die haben sie jetzt nicht.

Dieser Kommentar ist auch bei den Ruhrbaronen erschienen.