Der Konflikt um das Bildungssystem spaltet die kroatische Gesellschaft. Große Teile der Zivilgesellschaft fordern, dass es wie versprochen modernisiert wird. Die Rechtsregierung unter Führung der nationalistisch-konservativen HDZ versucht offenbar, kirchennahe und konservative Inhalte in die Lehrplanreform mit einzubringen. Dagegen sind landesweit zehntausende Menschen auf die Straße gegangen. Balkan Stories hat die Proteste in Zagreb begleitet.

Ein kleines Mädchen auf den Schultern seines Vaters bläst kräftig in eine blaue Trillerpfeife. Ein Schnauzbärtiger ein paar Meter weiter tut es ihr gleich. Eine junge Frau mit Brille stimmt ins das allgemeine Gepfeife mit ein.

Es ist laut, als sich die gut 20.000 Demonstranten am Hauptplatz in Zagreb in Bewegung setzen. Mehr als nördlich der Alpen noch gehört es hier zu Protestkultur, hörbar zu sein.

Hörbar sein, das erzeugt man mit dem, was einem zur Verfügung steht. Eine Pensionistin schlägt beim Spaziergang zum Trg Tomislava zwei Kochdeckel aus Alumunium zusammen. Zwei Musiklehrerinnen spielen auf ihren Instrumenten.

Eine junge Mutter rasselt mit einer Babyrassel.

Auf halbem Weg hört man schon die Reden aus den Lautsprechern am Trg Tomislava.

Die Leute vom Bündnis Hrvatska može bolje (Kroatien geht besser) wollen offenbar nicht warten, bis die Nachhut eingetroffen ist.

 

„Es kommen noch Leute“

Die Böschungen zum tiefergelegenen Park am Trg Tomislava sind gesäumt mit tausenden Teilnehmern. Man muss sich zwischen sie drängen um einen Blick auf die Menschenmasse im Park zu werfen.

„Sind das alles wir?“, fragt ungläubig klingend ein Demonstrant eine Frau mit dem Schriftzug von Hrvatska može bolje am T-Shirt. „Ja, und es kommen noch Leute“.

Gleichzeitig demonstrieren Tausende in Split, Osijek und anderen größeren Städten in Kroatien.

Sie fordern ein modernes Bildungssystem für Kroatien. Und, dass sich die nationalistisch-konservative Regierungspartei HDZ aus der überfälligen Bildungsreform heraushält.

25 Jahre Stillstand

25 Jahre ist das kroatische Bildungssystem alt. Mit der Unabhängigkeit von Jugoslawien warf man unliebsam gewordene Inhalte aus den Lehrplänen raus und ersetzte sie mit Stoff, der dem revisionistischen und nationalistischen Zeitgeist unter der HDZ entsprach.

Das äußert sich vor allem im Geschichts- und Literaturunterricht.

Seitdem sind fünf Anläufe gescheitert, das System zu reformieren. Moderne Staatsbürgerkunde und Sexualaufklärung gibt es bis heute nicht in den Schulen.

Auch die Didaktik sei gelinde gesagt veraltet, sagen Kritiker. Frontalunterricht geht vor, eigenständiges Arbeiten komme in den Schulen zu kurz.

“Our educational system is no longer meaningful to teachers, let alone to students,” sagt etwa der Gymnasiallehrer Miljenko Hajdarović im einem Interview mit dem Nachrichtenportal Balkan Insight.

Der heutige Unterricht bereite junge Menschen vor, arbeitslos zu werden oder auszuwandern.

Dass es bis dato keine Bildungsreform gebe, sei eine Schande für das Land, sagt der Geschichtslehrer im Interview.

Geben sollte es die modernen Lehrpläne und die neuen Fächer samt neuer Pädagogik seit langem.

Zwei Jahre gescheiterte Rechtsregierungen in nicht einmal zwei Jahren

Vor zwei Jahren hatte die damals sozialdemokratische Regierung eine Reformkommission samt Unterkommissionen mit 500 Mitgliedern eingesetzt. Meist Pädagogen, Wissenschaftler, Lehrer.

Die Sozialdemokraten verloren die Wahl Ende 2015, stärkste Partei wurde die HDZ und seitdem ist das Land in der politischen Dauerkrise. In von nicht einmal zwei Jahren brachen zwei HDZ-geführte Regierungen auseinander.

Die Bevölkerung dürfte im Herbst zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren das Parlament neu wählen.

Die Dauerkrise verzögerte die Bildungsreform. Die HDZ und ihre nahe stehende Rechtsparteien nützten die Pause, um Begehrlichkeiten an die Reformkommission heranzutragen und die Experten in den kollektiven Rücktritt zu treiben.

Klerikale und Konservative greifen nach der Schule

„Ostavka! Ostavka!“ ruft die Menge am Trg Tomislava. „Rücktritt! Rücktritt!“

Das richtet sich vor allem an Pavo Barišić, den offiziell parteiunabhängigen Unterrichtsminister.

Unter seiner Verantwortung sitzen mittlerweile Gefolgsleute von HDZ, der weiter rechts stehenden Partei Hrast und der Opus Dei nahen brachialnationalistischen Organisation „U ime obitelji“ in der Kommission, sagen Kritiker.

Die Letztgenannten wehren sich vehement gegen Sexualaufklärung in der Schule. „U ime obitelji“ warnt – ganz fundamentalistisch-katholisch – seit eh und je vor „Gender-Ideologie“ und „Frühsexualisierung von Kindern“.

Bei den Demonstranten ist die Befürchtung groß, dass es diese Leute sein werden, die die neuen Lehrpläne bestimmen werden.

 

„Ne kaže se klerikulna reforma nego kurikuralna reforma“ steht auf einem der selbst gebastelten Schilder in der Menge. „Es heißt nicht Klerikularreform, es heißt Curricularreform.“

„Opus Dei Go Avej“ auf einem anderem – die lokale Schreibweise für „Opus Dei, Go Away“.

Ein anderes fordert eine Schule ohne Homophobie.

Ein weiteres spielt mit dem Ustaša-Slogan „Za Dom Spremni“ „Für die Heimat bereit“, den man im allgemeinen Rechtsruck immer häufiger im Land hört. Auf dem Schild steht „Za Dom Nasputit‘ Spremni!“ „Die Heimat zu verlassen bereit“.

„Wir sind zornig“

„Wir sind zornig, dass Klerikale und Konservative versuchen, die Reform zu kapern“, sagt Neven, einer der Teilnehmer. „Wir wollen nicht, dass dann in der Schule den Kindern gesagt werden kann, Abtreibung sei Mord.“

„Wenn die eine streng katholische Schulen wollen, sollen sie ihre Kinder doch dorthin schicken. Der Verfassung nach sind wir ein säkulares Land und das soll so bleiben“, sagt Neven.

„Wenn das, was die Leute von Hrast und U ime obitelji sagen, umgesetzt wird, ist das Recht auf Information gefährdet“, pflichtet ihm Lea bei.

„Das Problem ist auch der Nepotismus in den Schulverwaltungen, in der Kommission und im Ministerium“, sagt Dorotea.

Die Schülerin ist Mitglied eines Debattierklubs, der eine von gut 250 Organisationen ist, die Hrvatska može bolje tragen.

Schon bei den ersten Protesten nach der Demissionierung der ursprünglichen Kommission war sie auf der Straße. Das war vor genau einem Jahr.

Ähnlich wie Neven und Lea befürchtet sie, dass die Reform von den erstarkenden rechten politischen Kräften gekapert wird.

Ein breites Bündnis der Zivilgesellschaft

Dass der Protest heute auch das Aufbäumen eines breiten politischen Bündnisses von Gewerkschaften, Fraueninitiativen, Vertretungen von Menschen mit Behinderung, Eltern-, Schüler- und Lehrervertretern, von LGBT-Vertretungen und etlicher anderer gegen den Rechtsruck im Land ist, zeigt die Wortmeldung eines der Redner auf der Bühne.

„Wir kämpfen für ein Kroatien für alle Familien“, sagt er und erntet tosenden Applaus. „Sloboda znaju!“ „Freiheit dem Wissen!“

„Danke, dass ihr hier seid. Aber bitte macht weiter. Redet, debattiert, streitet. Die Kinder, die nächste Generation, das ist unsere Zukunft!“, ruft ein weiterer Redner.

Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt die ganze Zeit.

Und wieder: „Ostavka! Ostavka!“

Das tosende Klatschen verstummt, die 20.000 Teilnehmer reißen ihre Arme hoch und schütteln ihre Hände parallel zueinander über dem Kopf. Diese Geste entspricht in der Gebärdensprache dem Klatschen der Hörenden.

 

Die Tonanlage spielt noch ein paar schnelle Nummern zum Schluss. Viele Demo-Teilnehmer tanzen mit.

Innerhalb von nicht einmal fünfzehn Minuten hat sich die Menge zerstreut und überlässt den Rasen den Zagrebern zu einem Bad in der rötlich gewordenen Sonne.

„Das Problem ist, dass die meisten von uns zuhause sitzen“

„Wir sind sehr zufrieden mit der Demo“, sagen Neven und Lea. „Es sind viele Leute gekommen. Das zeigt, dass das Thema Bildung wichtig ist. Für alle, die Kinder haben. Und für alle, die Kinder wollen.“

Dass mit der heutigen Demo in Zagreb und anderen Städten die Bildungsreform ins Rollen kommt und die rechten Vereinnahmungsversuche erstickt werden, glauben sie freilich nicht.

Es wird ein harter Kampf werden, zeigen sie sich überzeugt. Er wird länger dauern als die Überlebenszeit der aktuellen Regierung. Im Herbst wird mit Neuwahlen gerechnet.

Bis dahin ist Stillstand angesagt. Was danach kommt, kann keiner sagen.

Dorotea sieht auf das Bündnis viel Arbeit zukommen. „Ja, es waren viele Leute. Aber weißt du was: Das Problem ist, dass die meisten von uns zuhause sitzen. Wir brauchen mehr Aktivität, wir müssen mehr mobilisieren und den Menschen bewusst machen, worum es geht.“

Diese Reportage erschien auch bei den Ruhbaronen.

Eine Fotoreportage von der Demo ist auch auf dem kroatischen Nachrichtenportal lupiga.com erschienen.