Etwa 38.000 Türken, die in Österreich leben, haben beim gestrigen Referendum für den autoritären Verfassungsentwurf in ihrer Heimat gestimmt. Das sind mehr als 70 Prozent derer, die zur Wahl gegangen sind. Für die heimischen Experten für eh alles ein klarer Beweis, „wie die Türken so sind“. Weder das Wahlverhalten noch die gehässigen Kommentare kommen aus dem luftleeren Raum. Beides hat gemeinsame Wurzeln.

„Türken in Österreich stimmten klar für ‚Ja'“.

Die Kronenzeitung, Kampforgan des wehrhaften Spießbürgertums, weiß es ganz genau. Ihre Leserinnen und Leser noch besser.

70 Prozent der Austro-Türken unterstützen eine Diktatur, liest man.

Dass weniger als die Hälfte der türkischen Staatsbürger in Österreich an der Wahl teilgenommen hat, wird als vernachlässigbares Detail betrachtet.

Dass weniger als die Hälfte der türkischstämmigen Menschen in Österreich überhaupt die türkische Staatsbürgerschaft hat, ist sowieso unwichtig.

Türke bleibt Türke, egal wie man’s dreht und wendet. Man weiß ja, wie die sind.

Österreichs knapp neun Millionen hauptberuflichen Fußballexperten sind innerhalb weniger Stunden zu Türkei-Experten mutiert. Sofern sie es nicht immer schon waren.

Und sie legen eine beachtliche sprachliche Kreativität an den Tag, wenn sie ihren Standpunkt untermauern.

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Ein hohes Ausmaß an selbst zugeschriebener Expertise offenbaren User wie santiagom.

„Die Mindestsicherungsbezieher, die mit „ja“ gestimmt haben, jetzt und hier nach Hause zu schicken, hat keinen Sinn. Die können unsere Sprache immer noch nicht und lesen daher hier auch nicht mit.“

Oder ismawascht.

„Anatolien hat überwiegend für das Referendum gestimmt. Die ungebildete türkische Bauernschaft welche auch nach Mitteleuropa kam. Aber andererseits haben sie wieder für Europa was Gutes getan. Aber nur, falls es beim Nichtbeitritt zur EU bleibt.“

avon32 sieht historische Wurzeln.

„Die leben im Kopf noch in der Kreuzzüge Zeit.“

Ein anderer ist mehr Experte für Politik und Kulturkreise als für Satzzeichen.

„Wer Fremde aus gewissen Kulturkreisen aufnimmt und sie in „eigene Staatsbürger“ umfunktionieren möchte kann auf Grund der charakterlichen Eigenheiten dieser Menschen nur scheitern. Das wussten kluge Köpfe bereits vor Jahrzehnten, bis zu unseren Politikern hat sich diese Erkenntnis allerdings bis heute nicht durchgesprochen.“

Expertin keckemuecke hat auch schon eine Lösung.

„Urlaub in der Türkei für IMMER gestrichen! Türkische Geschäfte und Produkte In Österreich ebenso! KAUFT bei den ÖSTERREICHERN ein!“

spirou geht einen Schritt weiter:
„Und mit dem Bus gleich zurück in die geliebte Heimat. So kanns nicht weitergehen, die österreichische Politik ist mal wieder in der Schock-starre.“

Gegen Türken durfte man am Stammtisch immer schon hetzen

Seitdem ich mich erinnern kann, war es akzeptiert, an Stammtischen Reden gegen Türken zu schwingen.

Der Boulevard machte immer brav mit. Man wusste ja, wie „die“ sind.

Sie waren als Migranten sichtbarer als die meisten Zuwanderer, mit denen man es damals zu tun hatte. Das offensichtlich Fremde stieß auf die offensichtlichste Ablehnung.

Damals waren sie vorwiegend Gastarbeiter. Sie wurden für die dreckigsten und anstrengendsten Arbeiten eingesetzt.

Bis heute klebt das Image an ihnen, sie seien eben das und nur das und würden es nie zu mehr bringen.

Unterstützt wurden die heimischen Alltagsrassisten von Migranten anderer Herkunft, in deren Heimat Ressentiments gegen Türken weit verbreitet sind.

Wenn einem sogar ein Serbe, Kroate oder Grieche Recht gab, musste es ja stimmen. Und bewies das nicht, dass man Recht hatte?

Dass die heimischen Alltagsrassisten auch Serben, Kroaten oder Griechen diskriminierten, wenngleich subtiler, störte das Selbstbild nicht.

Widerspruch bekamen die Schreihälse selten. Rechtfertigen mussten sie sich nie.

Seit 16 Jahren reden wir obsessiv über „den Islam“

16 Jahren obsessiver Diskussion über „den Islam“ haben den Alltagsrassisten einiges an Pseudoargumenten gegeben, mit denen sie ihre Ressentiments rationalisieren können.

Wenn türkischstämmige Menschen im öffentlichen Raum miteinander Türkisch sprechen – gern auch Kurdisch -, und sei es mit noch so hörbarem österreichischen Akzent, nennt man das heute Integrationsverweigerung und da muss man ja dagegen sein.

Das muss natürlich an ihrer Religion liegen, woran denn sonst? „Muslime“ und „Islam“ wurden und werden großteils synonym für „Türken“ gebraucht. Wer Afghanen oder Araber meint, sagt das meistens dazu.

Wer gegen solche Sprüche auftritt, ist es, der sich heute am Stammtisch rechtfertigen muss. Kein Rassist zu sein, zumindest ein bisschen, gilt in der Welt der selbst ernannten Experten als anrüchig.

Man denke an die Schützenhilfe, die Thilo Sarrazin, der Säulenheilige aller Klein- und Spießbürger, vor allem hierzulande für sein Machwerk „Deutschland schafft sich ab“ bekommen hat.

Am Beispiel der Türken – oder derer, die man dafür hält -, lässt sich der gesellschaftliche Rechtsruck der vergangenen 30 Jahre nachvollziehen.

Das Gerede hat Konsequenzen

Das Gerede hat auch Auswirkungen im realen Leben.

Ich habe mehrere türkischstämmige Freunde und Bekannte, die es auch mit abgeschlossenem Studium schwer hatten und haben, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Das Muster ist so ausgeprägt, dass man das mit Zufall nicht mehr erklären kann.

Türkischstämmige Migranten sind nicht die einzigen, die diese Ausgrenzung erfahren. Auch serbisch-, bosnisch oder rumänischstämmige Arbeitnehmer haben größere Probleme am Arbeitsmarkt als die, die in jüngerer Vergangenheit keine Vorfahren haben, die anderswo auf die Welt kamen.

Auch in ihre Cafes und Lokale gehen nur relativ wenige Österreicher ohne Migrationshintergrund.

Nur, Türkischstämmige trifft es härter als die vorher genannten. Sie stehen in der gesellschaftlichen Hackordnung sehr weit unten. Noch schlechter geht es nur Arabern, Afrikanern und Afghanen und allenfalls noch Tschetschenen und ihren Nachfahren.

Das erklärt mit, warum eine erschreckend hohe Zahl von Menschen, die in Österreich leben, für eine beginnende Diktatur gestimmt hat.

Erdogan nutzt die Ausgrenzung für seine Zwecke

Ja, es gibt sie, die österreichischen Fans von Recep Tayyip Erdogan.

Er hat über Jahre die türkischstämmigen Communities umgarnt. Er war der erste Politiker, der ihnen Wertschätzung entgegenbrachte.

Das hat ihm eine Machtbasis im Ausland geschaffen.

Europaweit sind zehntausende bereicht, für ihr Idol auf die Straße zu gehen. Und noch mehr, für ihn ihre Stimme abzugeben.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt: Der Großteil türkischstämmiger Migranten bleibt diesen Machtspielen fern und scheint sich wenig für die Politik im Heimatland oder dem ihrer Vorfahren zu interessieren.

Das allein erklärt die 38.000 Evet-Stimmen in Österreich nicht.

Mit der ATIB hat sich das türkische Religionsministerium einen Tarnverein in Österreich geschaffen, mit dessen Hilfe es in den türkischen Moscheen Politik machen kann.

Das ist seit Jahren bekannt. Unternommen hat niemand was dagegen.

In Österreich wie auch etwa in Deutschland herrscht erstaunliche Naivität gegenüber religiösen Einrichtungen, gleich welcher Provenienz.

Erdogans AKP hält sich mit der UETD auch eine europaweit aktive Tarnorganisation.

Auslandsfilialen politischer Parteien sind nichts Ungewöhnliches. Allerdings treten die in der Regel offen auf. Die UETD tut bis heute so, als sei sie parteiunabhängig.

Diese Art der getarnten Propaganda war in der Vergangenheit ein Kennzeichen von Geheimdiensten. CIA und KGB haben hunderte politischer Tarnorganisationen eingesetzt.

Was macht Menschen anfällig für Propaganda?

Freilich, auch ein effizientes Machtnetzwerk wie das von Recep Tayyip Erdogan ist wirkungslos, wenn Menschen keinen Bedarf sehen, auf einschlägige Propaganda hereinzufallen.

Man wacht nicht auf und ist auf einmal Erdogan-Fan.

Auch Teile der türkischstämmigen Community haben den gesellschaftlichen Rechtsruck der vergangenen Jahrzehnte nachvollzogen.

Mit Ausnahme von der Schweiz kamen die höchsten Zustimmungsraten für die autoritäre neue türkische Verfassung aus den Ländern, deren Gesellschaften und deren Politik sich am deutlichsten nach rechts bewegt haben.

Einzig in Deutschland hat sich das – noch – nicht auf die Bundesregierung ausgewirkt. Das schafft freilich eine allzu trügerische Sicherheit.

Man muss nur der CSU zuhören und weiß, wie salonfähig Türkenbashing wieder ist. Der Hauptunterschied zwischen Horst Seehofer und den selbst ernannten Türkei-Experten im Forum der Krone liegt darin, dass Seehofer unter eigenem Namen pöbelt.

Türkischstämmige Migranten reagieren auf diese Feindseligkeit mit Rückzug und teilweise mit Radikalisierung.

Radikalisierung gibt’s auch anderswo

Sie sind nicht alleine mit dieser Strategie. Es ist ein nur allzugern geglaubte Illusion, Radikalisierung gebe es nur bei muslimischen Communities.

In der polnischen Kirchengemeinde um die Ecke von mir wird offen für die katholisch-faschistoide PiS geworben.

Kroatischstämmige Jugendliche haben Uštasa-Zeichen auf Fassaden und Marktstände am ganzen Brunnenmarkt gesprayt.

Graffiti mit serbisch-nationalistischen Parolen findet man in ganz Ottakring.

Vor zehn Jahren gab’s das nicht.

Nicht zu vergessen die Wahlergebnisse bei jungen Österreichern ohne Migrationshintergrund.

Damit, wie „die Türken“ so sind und wie „der Islam“, lässt sich das nicht sinnstiftend erklären.

Nur sind wir als Gesamtgesellschaft so auf „den Islam“ als Wurzel allen Übels fixiert, dass wir das nur allzugerne übersehen.

Es gibt zu religiösen und politischen Einstellungen hier lebender Muslime praktisch keine ernstzunehmende empirische Forschung. Bei nicht-muslimischen Migrantencommunities gibt’s nicht einmal Pseudo-Studien. Es interessiert einfach keinen.

Was uns daran hindert, dass Phänomen als das zu begreifen, was es ist: Die Re-Ethnifizierung und Re-Religiosifizierung nicht unbeträchtlicher Teile migrantischer Milieus und hier vor allem der Jugend, die sich abgehängt und ausgegrenzt fühlt.

Gesamtgesellschaftlich geht’s in Richtung Autoritarismus

Wie auch anders in einer Gesellschaft, in der „kulturelle Herkunft“ neben tatsächlicher oder vermeintlicher Religionszugehörigkeit zu dem Merkmal geworden ist, anhand dessen man Menschen bis ins Letzte zu erklären können und unterschiedlich behandeln zu können glaubt.

Mit dem Segen der Politik, die über nichts anderes diskutiert als über Migration.

Krone-Forums-Experten und österreichische Erdogan-Wähler sind sozusagen nur zwei Seiten der selben Medaille.

Dazu kommt ein gesellschaftliches Klima, das auch abseits von Ressentiments gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen stark in Richtung Autoritarismus tendiert.

In Österreich soll das Demonstrationsrecht beschränkt werden. Ein Gesetzesentwurf sieht Zwangsarbeit für Zuwanderer vor. Für Langzeitarbeitslose gibt es sie im Bundesland Niederösterreich schon. Das Arbeitsrecht soll nach Regierungsplänen zugunsten der Arbeitgeber aufgeweicht werden. Kleinere und größere Novellen haben die Kompetenzen der Polizei stückweise ausgeweitet und der Innenminister will noch mehr.

Das sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, wohin die Reise geht.

Ähnliche Tendenzen sieht man in beinahe der gesamten EU.

Da ist es heuchlerisch, sich zu alterieren, dass Teile einer migrantischen Community – noch dazu eine Minderheit – ebenfalls autoritären Lösungen nachlaufen.

Zumal in einem Land, in dem 47 Prozent der Wahlberechtigten bei der Bundespräsidentenwahl einem Kandidaten eine Stimme gegeben haben, der für eine rechtsradikale Partei angetreten ist und versprochen hat, sein Amt so autoritär zu nutzen, wie die Verfassung eben hergibt.