Die Gewehre und Kanonen verstummten in Bosnien vor 22 Jahren. Für hunderttausende Bosnier hat der Krieg auch danach nie aufgehört. Sie leben in Gegenden, in denen mehr als 100.000 Landminen jeden Tag ihr Leben bedrohen.

Es ist eines der seltenen Vorhaben, bei dem  die Regierungen von Bosniens beiden Teilstaaten Federacija und Republika Srpska einander nicht blockieren. Vielleicht sogar das einzige. Die letzten Waffen des Bürgerkriegs zu beseitigen, die bis heute das Leben Hunderttausender Bosnierinnen und Bosnier bedrohen.

Weiter geht es trotzdem nur schleppend.

Mehr als eine 600.000 Landminen haben internationale Hilfsorganisationen in den vergangenen 22 Jahren entfernt. Nach wie vor liegen mehr als hunderttausend im Boden vergraben. Auf Feldern, in Wäldern und an Flussufern. An Stellen, wo erwartbarerweise Menschen vorbeikommen.

Minensituation
Eine Landkarte mit den Minenfelder in Bosnien. Bildquelle: BHMAC

Erst vor zwei Wochen töteten zwei Antipanzerminen einen Traktorfahrer bei Čelić im Kanton Tuzla, berichtet das Bosnia and Herzegovina Mine Action Center (MAC). Er wollte Holz aus dem Wald führen.

Im Vorjahr starben sechs Menschen bei Minenexplosionen. Sechs weitere wurden verletzt.

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Adila Bijelićs Mann und Enkel wurden durch Landminen getötet. Ihr Sohn wurde schwer verletzt. Foto: (c) Michael Biach

Seit Kriegsende 1995 haben Minen in Bosnien 600 Menschen getötet, berichtet der österreichische Journalist Michael Biach auf seinem Blog berichtet. 1.700 wurden verletzt.

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Überlebene von Landminen und verletzte Kriegsveteranen spielen Sitzvolleyball in Doboj. Foto: (c) Michael Biach

Die Strategien mit den Folgen umzugehen, sind unterschiedlich. In Doboj etwa haben Kriegsversehrte und Minenopfer einen Sitzvolleyball-Klub gegründet.

Die UN-Agentur UNMAS bietet ein Hilfsprogramm für Überlebende an. Laut Homepage beschäftigt sie neun Mitarbeiter. Für ganz Bosnien. Eine zentrale bosnische Behörde, die Opferhilfe koordiniert, gibt es nicht.

Viele Überlebende bleiben auf Spenden angewiesen. So wie Vejsil Kapić. Er ist blind, seitdem er mit seinem Bruder einen Baum fällte, der auf eine Antipanzermine fiel. Sein Bruder starb. Seitdem unterstützt ihn die private Bosnia Initiatives for Land Development.

Minenfrei bis 2019?

Bis 2019 soll das Land minenfrei sein, verspricht das MAC. Viele Menschen in Bosnien halten das für eines der vielen leeren Behörden-Versprechen. Immerhin hätten die letzten Minen schon 2009 entfernt sein sollen.

Korruption, Vetternwirtschaft und Nationalismus treffen im Land auf ein komplexes politisches System mit zersplitterten Zuständigkeit. Kaum etwas funktioniert, wie es sollte. Weite Teile Sarajevos etwa haben seit dem Krieg in der Nacht kein Trinkwasser. In einer wasserreichen Region wie Bosnien ist das bemerkenswert.

Dass 2019 als Termin hält, erscheint auch bei rationaler Betrachtung ehrgeizig. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Minen doppelt so schnell geräumt werden wie in den 22 Jahren bisher.

Bedenkt man, dass zu Beginn der Kampagne die größten und am einfachsten zu erreichenden Felder zuerst geräumt wurden, wird klar, dass die Frist kaum zu halten sein wird. Trotz der international anerkannten Effizienz der Norwegian People’s Aid, deren Mitarbeiter die Minen unter Koordinierung des MAC räumen.

Donji Rahić. A dog is searching for landmines.
Ein Minensuchhund in Donji Rahić. Foto: (c) MIchael Biach

Dennoch erscheint die Skepsis vieler Bosnierinnen und Bosnier ungerecht. Zahlreiche Faktoren erschweren die Suche und Räumung von Minen.

Das Hochwasser von 2014 macht es noch schwieriger

Das Hochwasser von 2014 hat wahrscheinlich tausende Minen weggespült. Sie liegen seitdem irgendwo. Manche Minen wurden 14 Kilometer entfernt von dem Feld gefunden, wo sie während des Krieges eingegraben worden waren. Ein besonderes Problem scheint das Flusstal des Vrbas zu sein.

Auch die Geografie macht eine schnelle Räumung unmöglich. Bosnien ist gebirgig mit vielen Wäldern. Die meisten automatisierten Minenräumsysteme können nur in einigermaßen flachen Regionen eingesetzt werden. In Bosnien müssen die Helferinnen und Helfer händisch räumen. Das ist langsam und gefährlich.

Und 22 Jahre nach Kriegsende hat die internationale Gemeinschaft das Interesse an humanitären Projekten in Bosnien verloren. Spenden werden weniger.

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Todor Jorgić verlor 1993 sein Bein, als er auf eine Landmine stieg. Foto: (c) Michael Biach

Das Nachbarland Kroatien zeigt, dass es kaum auf die bosnischen Behörden alleine zurückzuführen ist, dass Landminen nach wie vor eine Gefahr für die Bevölkerung sind. Dort liegen nach Schätzungen der Regierung 43.000 Minen aus dem Krieg.

Dennoch liegt es weit über das menschlische Leid hinaus, das die Minen verursachen, im Interesse der bosnischen Politik, dass die Minen so schnell wie möglich beseitigt werden.

Es würde signalisieren, dass der bosnische Staat das Leben seiner Bürgerinnen und Bürger schützen kann. Das würde immerhin eine Minimalanforderung an ein staatliches Gemeinwesen erfüllen.

In Bosnien käme das einer Sensation gleich.

Und es würde die letzten Waffen des Kriegs zum Verstummen bringen. Und damit den Krieg endgültig beenden, in dem 100.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit Michael Biach.

Titelfoto: Ein Minenräumteam der Norwegian People’s Aid. Foto: (c) Michael Biach